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  • AutorenbildRadiance Talley

Du bist ganz – du brauchst niemanden, um dich zu vervollständigen!


„Du vervollständigst mich“, sagte Jerry Maguire (Tom Cruise) im gleichnamigen Film (1996) zu seiner Angebeteten, die bei diesen Worten dahinschmolz. Viele im Publikum taten es ihr gleich und lernten dadurch, romantische Liebe mit dem Gefühl des Vollständigseins gleichzusetzen.



Nur – was bedeutet das, wenn du erst in einer Liebesbeziehung vollständig wirst? Etwa, dass du irgendwie kaputt oder angeknackst oder eben unvollständig bist, wenn du allein lebst?


Die Unterhaltungsindustrie lässt uns glauben, dass wir einen anderen Menschen zum Vollständigsein brauchen.


Ich erinnere mich an ein Gespräch einige Wochen nach meinem College-Abschluss. Eine Frau, die mich seit meiner Kindheit kannte, sagte: „Sobald Du einen Job hast, fragen wir, wann du heiraten wirst. Und sobald du verheiratet bist, fragen wir, wann Du Kinder bekommen wirst.“ Als sie meine Frustration bemerkte, meinte sie: „Worüber sollten wir denn sonst reden?“


Über solche Fragen durfte ich mich eigentlich gar nicht aufregen, denn ich stellte sie mir ja selbst ständig. Während der High-School-Zeit drehten sich meine Tagträume nicht um die Verbesserung der Welt oder darum, wie ich Menschen durch mein Schreiben beeinflussen könnte. Nein, sie konzentrierten sich auf die Suche nach dem einen perfekten Mann, der mich bis an mein Lebensende glücklich machen würde: Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie heute noch ...


Medien und die Unterhaltungsindustrie flüstern besonders Frauen und Mädchen ein, das Wichtigste in ihrem Leben sei, ihre Seelenverwandten zu finden. Glück, Erfolg und Wohlbefinden seien abhängig von dieser einen Person.


Märchenfilme bringen schon kleinen Kindern bei, dass ihr Leben erst so richtig beginnt, wenn sie sich verlieben. Märchenprinzessinnen wie Schneewittchen, Dornröschen, Aschenputtel und Rapunzel lehren beeindruckbare Mädchen, dass ihre Sicherheit, ihr Heil und ihre Freiheit darin bestehen, einen Mann zu heiraten, der sie retten und vor den Herausforderungen des Lebens schützen kann. Arielle vermittelte uns, dass wir unseren ganzen Ehrgeiz auf die Hochzeit mit unserem Idol konzentrieren sollten, und Belle ließ uns glauben, dass romantische Liebe einen Menschen ändern könnte, der uns für seine eigenen Zwecke missbraucht.


Die Musikindustrie macht es auch nicht besser. Während meiner Schulzeit wurde der Song „No Air“ ein Hit. Jordin Sparks und Chris Brown sangen im Refrain:


Tell me how I’m supposed to breathe with no air

Can’t live, can’t breathe with no air

That’s how I feel whenever you ain’t there

There’s no air, no air

Got me out here in the water so deep

Tell me how you’re gon’ be without me

If you ain’t here, I just can’t breathe

There’s no air, no air.


Sag mir, wie ich ohne Luft atmen soll

Kann nicht leben, kann nicht atmen ohne Luft

So fühle ich mich, wenn du nicht da bist

Da ist keine Luft, keine Luft

Hol mich hier raus, das Wasser ist so tief

Sag mir, wie es dir ohne mich geht

Wenn du nicht da bist, kann ich einfach nicht atmen

Da ist keine Luft, keine Luft.

Jordin Sparks & Chris Brown

Songtexte wie diese verbreiten die gefährliche Botschaft, das Leben sei ohne eine romantische Partnerschaft nicht lebenswert. Auch zeitgenössische Filme, Bücher und Memes sind oft problematisch, wenn sie sich mit der Suche nach deiner „besseren Hälfte“ befassen: Meist flüstern sie dir ein, dass du allein nicht genügst.


Doch die Wahrheit ist: Du brauchst niemanden, der dich erfüllt oder vervollständigt. Du bist selbst schon ein Ganzes. Du bist ganz. Baha'u'llah, der Stifter der Baha'i-Religion, offenbarte diese Worte Gottes:


Mit den Händen der Macht erschuf Ich dich, mit den Fingern der Kraft formte Ich dich, und Ich barg in dich das Wesen Meines Lichtes. Sei damit zufrieden und suche nichts anderes, denn Mein Werk ist vollkommen und Mein Gebot bindend. Sei dessen gewiss und zweifle nicht.

Gott hat uns weder kaputt erschaffen noch fehlen uns Teile. Sein Werk ist perfekt. Wir sind selbst dafür verantwortlich, unser gottgegebenes Licht strahlen zu lassen.


Das Problem mit dem Bedürfnis nach Vervollständigung durch einen anderen Menschen


Immer wenn wir außerhalb unseres Selbstes nach dem Glück suchen, entziehen wir uns die Zuständigkeit für unsere Gefühle, beispielsweise für das Glücklich- oder Erfülltsein. Aus den Baha'i-Schriften habe ich gelernt, dass meine geistige Freude und Erfolg darin liegen, von allem außer von Gott unabhängig zu sein:


... könntet ihr begreifen, mit welchen Wundern Meiner Großmut und Freigebigkeit Ich euere Seelen betrauen will, ihr würdet euch in Wahrheit von der Bindung an alles Erschaffene lösen und wahre Erkenntnis eurer selbst gewinnen – eine Erkenntnis, die das gleiche ist wie das Begreifen Meines eigenen Seins. Ihr würdet euch von allem außer Mir unabhängig finden und würdet mit euerem inneren und äußeren Auge, klar wie die Offenbarung Meines strahlenden Namens, die Meere Meiner Güte und Freigebigkeit in euch wogen sehen.
Baha'u'llah, Ährenlese

Die Baha'i-Schriften ermutigen uns dazu, uns Gott zuzuwenden, in uns selbst hineinzuschauen und herauszufinden, was zu unserer Erniedrigung einerseits und Entwicklung andererseits führt.


Jemanden zu unserer Vervollständigung zu brauchen, bringt erhebliche Nachteile mit sich. Beispielsweise musst du länger auf die erhoffte Bedürfnisbefriedigung warten. Dein Selbstwertgefühl, deine Selbstachtung und dein Selbstvertrauen verringern sich. Außerdem übt es gehörigen Druck auf den Menschen an deiner Seite aus, der dich vervollständigen soll. Die Baha'i-Schriften beleuchten diese Aspekte von verschiedenen Seiten:


Reich erschuf Ich dich, warum machst du dich selbst arm? Edel erschuf Ich dich, warum erniedrigst du dich selbst? Aus dem Wesen des Wissens gab Ich dir Leben, warum suchst du Erleuchtung bei anderen als Mir? Aus dem Ton der Liebe formte Ich dich, warum befasst du dich mit anderem? Schaue in dich, dass du Mich in dir findest, mächtig, stark und selbstbestehend.

O ihr beiden gesegneten Seelen! Eure Briefe sind angekommen. Sie zeigten, dass ihr nach der Wahrheit forscht und euch freigemacht habt von Nachahmung und Aberglauben, dass ihr mit eigenen und nicht mit fremden Augen schaut, mit eigenen und nicht mit fremden Ohren hört, dass ihr Geheimnisse mit eigenem und nicht mit fremdem Bewusstsein entdeckt. Wer nachahmt, sagt: Dieser Mensch hat etwas gesehen, dieser Mensch hat etwas gehört, dieser Mensch hat etwas entdeckt. Mit anderen Worten, er hängt von der Sicht, dem Gehör und dem Bewusstsein anderer ab und besitzt keinen eigenen Willen.

Die (Sehn-)Sucht danach, dass ein anderer Mensch oder andere Dinge als wir selbst unsere Bedürfnisse befriedigen, beraubt uns unseres Selbstbewusstseins und unserer Zufriedenheit. Das kann zu einem Zusammenbruch führen. Wollen wir etwa zur Last für unsere Erwählten werden und ihre – und damit auch unsere eigene – Entwicklung behindern?


Deshalb sagte meine Mama immer: „Suche nicht nach jemandem, der dich vervollständigt. Finde stattdessen jemanden, der dich ergänzt.“


Den Unterschied zwischen Vervollständigung und Ergänzung zu verstehen, ist sehr wichtig – ebenso, wie die Verantwortung für unser Glück, unsere Entwicklung und Heilung selbst zu übernehmen.


 

Radiance Talley hat an der University of Maryland/USA studiert und einen Abschluss in Kommunikation und Journalismus erworben. Darüber hinaus hat sie sich mit Lyrik, Anthropologie, Soziologie und transkultureller Psychologie befasst. Abgesehen von ihrer amerikanisch-englischen Muttersprache spricht sie Spanisch und nach ihren Studienaufenthalten in Paris und Berlin etwas Französisch und Deutsch. In ihrer Freizeit führt sie gemeinsam mit ihrer Mutter Workshops zum Thema „Racial Healing“ durch und schreibt Gedichte.


Bild von der Redaktion


Dieser Artikel erschien im Original auf bahaiteachings.org und wurde von der Redaktion leicht editiert.

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