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Gedanken zum Beten in unserer Zeit

  • Autorenbild: Peter Amsler
    Peter Amsler
  • vor 3 Tagen
  • 5 Min. Lesezeit

Eine neue Achsenzeit


Ein leises Murmeln vor „Unserer Lieben Frau unter der Erde“ in der Unterkirche von Chartres, ein franziskanisches Gebet vor dem Kreuz in San Damiano in Assisi, das stille Gedenken an die Lübecker Märtyrer in der Herz‑Jesu‑Kirche auf der Innenstadtinsel oder das schweigende Staunen in der kleinen romanischen Kapelle auf dem Odilienberg über der elsässischen Ebene – Europas christliches Erbe ist reich an beseelten Orten, die Menschen bis heute einladen, zur Ruhe zu kommen und ihren Schöpfer anzubeten.


Europas christliches Erbe ist reich an beseelten Orten, die Menschen bis heute einladen, zur Ruhe zu kommen und ihren Schöpfer anzubeten

Vor der Zeit waren es Flüsse und Seen, Felsen und Spalten, Berge, Bäume und Haine, an denen Menschen beteten. Sogar die vor Jahrtausenden ausgestorbene Menschengattung der Neandertaler praktizierte bereits religiöse Bestattungsrituale. Für uns moderne Menschen gilt die Höhle von Lascaux als einer der ältesten Orte, die wir mit der Anrufung einer geistigen Welt in Verbindung bringen – noch Jahrtausende vor der Errichtung der Kultstätte von Göbekli Tepe im heutigen Südostanatolien.


Es gibt nichts Lieblicheres in der Welt des Seins als das Gebet! Die Menschen müssen in einem Gebetszustand leben. Der gesegnetste Zustand ist der des Betens und Flehens. Gebet ist Zwiesprache mit Gott. Die größte Fähigkeit oder der lieblichste Zustand ist kein anderer als die Zwiesprache mit Gott. Sie schafft Geistigkeit, Bewusstheit und himmlische Gefühle, sie erzeugt neue Anziehungen vom Königreich und erweckt die Empfänglichkeit der geistigen Natur.
Abdu'l-Baha, zitiert in: Star of the West, vol. 8, no. 4 (17. Mai 1917), S. 41

Reisen wir weiter nach Osten und durch die Kulturepochen. Dann begegnen wir den Einweihungsorten früher Religionen: den Dolmen in Europa, den steinernen Pyramiden der Ägypter, den einstigen Zikkurats der Sumerer in Mesopotamien; und weiter nach Indien zum Goldenen Tempel von Amritsar der Sikhs, zum prächtigen Jaina Tempel auf dem Berg Abu in Rajasthan oder nach Sarnath, wo Buddha seine erste Predigt hielt, und noch heute geistliche Unterweisungen stattfinden. Besuchen wir schließlich Angkor Wat in Kambodscha, das China der Daoisten und seinen Tempel der Weißen Wolken in Peking, Japan und das Shinto‑Heiligtum von Ise. Und fliegen wir weiter gen Osten und über den Ozean zu den heiligen Stätten Mittelamerikas, so finden wir an jeder Station unserer Reise betende, sich ehrfürchtig verneigende Menschen.


Es geziemt dem Diener, zu Gott zu beten, Seinen Beistand zu suchen, demütig zu bitten und Seine Hilfe zu erflehen. Das entspricht der Stufe des Dienens. Der Herr wird in Seiner vollkommenen Weisheit verordnen, was immer Er wünscht.

Seit jeher und auf allen Kontinenten lassen sich Menschen unterschiedlichster Formen von einer Gottheit rufen: Sie beten, kultivieren Formen und Techniken des Gebets und der Meditation, ritualisieren sie schließlich und sehen sie über die Jahrhunderte hinweg häufig erstarren, bis neue sinnstiftende Formen entstehen – stets im Rahmen des geistigen Fassungsvermögens der Menschen ihrer Zeit und des kulturellen Vorverständnisses ihrer Gemeinschaften. Wo heute die Pilgerfahrt nach Mekka, das Gebet an der Klagemauer in Jerusalem oder die Heilige Messe im Petersdom geistige Wegmarken markieren, können schon morgen andere Orte der Andacht und Besinnung treten. Wie die Jahreszeiten verändern sich Sinngebung und Form. Sie blühen auf, verkümmern und erstehen dann oft in neuer Pracht wieder.


Die Zeiten des Übergangs von einem zum anderen Verständnis über das, was Gebet ist und kann, nennen wir Achsenzeit. Die Achse legt den Drehpunkt fest, an dem die bisherige Richtung der Menschheitsentwicklung ausgehebelt wird. Die geistigen Kräfte wandeln sich: Aus Entfremdung wird Integration und aus Dekonstruktion von Gesellschaften wird der Aufbau eines neuen Miteinanders – nach einem geistigen Bauplan, der der Geistesgegenwart der Menschheit gerecht wird, denn das Alte trägt nicht mehr, es will sterben und in einem neuen Frühling im geistigen Leben der Menschen wieder erscheinen.


Der Drehpunkt auf dieser Achse ist in Deutschland wie in den meisten westlichen Ländern seit einigen Jahren offensichtlich in Bewegung gekommen und neigt derzeit ins Leere. Nicht allein, dass bereits in den Großstädten die Anhänger sämtlicher Kirchen und Religionsgemeinschaften nurmehr eine Minderheit darstellen, der Zeitgeist tritt ihnen auch noch feindlich entgegen.


Diese materiellen Körper sind aus Atomen zusammengesetzt. Wenn ihre Atome anfangen, sich zu trennen, beginnt die Zersetzung. Dann ereignet sich das, was wir als Tod bezeichnen... Mit der Seele ist es anders. Die Seele ist keine Verbindung von Elementen. Sie ist nicht aus vielen Atomen zusammengesetzt. Sie besteht aus etwas Unteilbarem und ist daher ewig. Sie steht gänzlich außerhalb des Ordnungsbereiches der physischen Schöpfung. Sie ist unsterblich.
Abdu'l-Baha, Ansprachen in Paris

Bistümer und Landeskirchen rechnen damit, dass sie in den nächsten Jahren dreißig Prozent ihres Gebäudebestandes als Orte des Gebets und der Besinnung sowie der Kulturvermittlung aufgeben müssen. Abgesehen davon, dass selbst größere Gemeinden mit einigen Tausend Mitgliedern nur ein paar Dutzend Gottesdienstbesucher begrüßen können, werden betende Menschen in Großstädten wie Berlin in der Öffentlichkeit, zum Beispiel anlässlich des Marschs für das ungeborene Leben, beschimpft und verhöhnt. Im öffentlichen Raum für den Frieden zu beten, wird beäugt, mal neugierig, mal desinteressiert. Dass sich Menschen anschließen und es den kleinen Gruppen gleichtun, geschieht selten – soweit zumindest das Ergebnis aus den vergangenen zwanzig Jahren einer teilnehmenden Beobachtung in Deutschlands Hauptstadt.


Stattdessen lassen sich die bisherigen Sinnstifter und Formgeber des Gebets in gesellschaftliche Nischen abdrängen oder gehen in dem herrschenden Zeitgeist bis zur Unkenntlichkeit auf. Sich ihrem Schöpfergott hingebende Menschen begegnen sich in kleineren Zirkeln, als es noch ihre Eltern und Großeltern taten.


Demgegenüber nimmt die Vielfalt der Gemeinschaften und Gebetsgruppen zu, wie die Soziologie mit ihrer Beobachtung der Ausdifferenzierung und Segmentierung verschiedener Gesellschaftsbereiche auch für das religiöse Leben zu analysieren weiß. Neben den Brennpunkten des christlichen Gebets sind im Laufe der Geschichte Deutschlands als Einwanderungsland mit den einstmals fremden Menschen auch ihre religiösen Gebetspraktiken und spirituellen Weltsichten hinzugekommen. Diese manifestieren sich zunehmend in weithin sichtbare Sakralbauten. In den einladenden Tempeln der Sikhs und den hochschießenden Bauten der Hindus, in den Meditationszentren verschiedenster buddhistischer Gruppen, den Yoga-Zentren nicht nur der Brahma Kumaris, dem Haus der Andacht der Baha'i und vor allem den verschiedenen Moscheebauten der Ditib oder der Ahmadiyya-Gemeinschaft wird die neue religiöse Vielfalt sichtbar. Zusammen mit ihren älteren Geschwistern der Kirchen und Synagogen bilden sie ein Netz von Oasen des Gebetes inmitten einer am Geiste so armen Umgebung. Ob Buddhisten, Hindus, Brahma Kumaris oder Baha'i: Schon lange haben sich diese auf anderen Kontinenten entstandenen Gemeinschaften in Deutschland inkulturiert.


Die Besserung der Welt kann durch reine und gute Taten, durch lobenswertes und geziemendes Verhalten erreicht werden.
Baha'u'llah, zitiert in Das Kommen göttlicher Gerechtigkeit

Der Fluss des Göttlichen mäandert, er sucht sich sein Bett, verliert es und findet ein neues, bis er auch dort versandet, im Verborgenen weiterfließt, um andernorts neu zutage zutreten. Wandel ist allenthalben, auch auf dem Gebiet der Religion. Aber das Wasser fließt! – Und der Mensch der Neuzeit ist bei der Suche nach der Quelle auf sich selbst zurückgeworfen.


Auf der einen Seite des Ufers findet er sein religiöses Selbstbestimmungsrecht und auf der gegenüberliegenden Uferseite die Kette göttlicher Offenbarung. Derart eingehegt sind ihm das Bedürfnis nach wechselseitiger Verwirklichung seiner zweifachen Bestimmung Ausgangspunkt seiner Reise, nämlich selbst geistig zu wachsen und zugleich tätiger Teil seiner Gemeinschaft zu sein. Gebet und Meditation lassen ihn auf den Wassern halten, seinem Ziel entgegen.


Dank der Zwiesprache mit seinem Schöpfer mithilfe des Gebets und der Meditation wird der sich dergestalt entfaltende Mensch sich seines geistigen und materiellen Potenzials bewusst und muss zwischen diesen Polaritäten des Lebens Kurs halten. Auf einen Moment hin wird er erkennen, was richtig und falsch ist, noch bevor er es erfahren muss.


Ich bezeuge, o mein Gott, dass Du mich erschaffen hast, Dich zu erkennen und anzubeten. Ich bezeuge in diesem Augenblick meine Ohnmacht und Deine Macht, meine Armut und Deinen Reichtum. Es ist kein Gott außer Dir, dem Helfer in Gefahr, dem Selbstbestehenden.
Baha'u'llah in Baha'i-Gebete

Denn der Schöpfer möchte von seinen Geschöpfen erkannt und angebetet werden – durch Aufklärung und Selbstbestimmung, nicht durch blinden Gehorsam und Strafandrohung. Das ist der Ruf unserer Achsenzeit.



Peter Amsler ist gelernter Lehrer und derzeit als Erzieher und Verleger tätig. Er vertritt die Baha'i-Gemeinden in Berlin im religionsübergreifenden Gespräch. Mit seiner Familie lebt er in Berlin-Zehlendorf.


Photo von Zac Durant auf Unsplash

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