Wenn du mir schon weh getan hast, dann tröste mich jetzt wenigstens!
- Anja Niemand & Karen Reitz-Koncebovski

- 1. März
- 5 Min. Lesezeit
Im Kindergarten Wilde 9 geschieht, was Erwachsene oft verlernt haben: Kinder lösen Konflikte selbst, ohne die Beziehung zueinander zu verlieren. Pädagogin Dana greift nicht ein, sondern schafft mit Beziehungskompetenz, Vertrauen und Mitgefühl einen Raum, in dem Konflikte als natürlicher Teil lebendiger Begegnung und Entwicklung erlebt werden. Ihr Handeln orientiert sich am Baha'i‑Menschenbild, das jedes Kind als Träger verborgener Schätze sieht.

Konrad und Peter, beide fünf Jahre alt, hatten sich in den „Toberaum“ zurückgezogen. Hier können Kinder laut und wild sein oder auch Buden bauen, Hängematte schaukeln und Rollenspiele initiieren. Und sie dürfen allein sein, wenn sie möchten. Konrad und Peter wollten alleine spielen. Sie hatten mit Decken über der Hängematte eine Hütte gebaut und zur Beschwerung der Decken Holzelemente auf den Saum der Decken gelegt. Konrad fiel offenbar ein Holzbaustein um und der kippte Peter auf den Fuß. Peter schrie laut auf und weinte dann herzerweichend.
Dana, eine der Begleiterinnen im Kindergarten Wilde 9, die Peter weinen hörte, hockte sich zu den beiden Kindern und berührte vorsichtig Peters Rücken. Peter nahm die Berührung an. „Du scheinst richtig dolle Schmerzen zu haben, Peter, das kann ich sehen.“ Sie wusste nicht, was geschehen war. Konrad stand betroffen im Raum. Peter fand nach längerem Weinen Worte und rief laut zu Konrad: „Wenn du mir schon wehgetan hast, dann tröste mich jetzt wenigstens!“
Konrad setzte sich neben Peter auf den Boden, nah an seinen Kopf und schaute ihn an. Er wirkte noch immer sehr betroffen. Konrad: „Peter, das wollte ich nicht, das Holz war so flutschig.“
Dana richtete sich an Peter und berührte vorsichtig seinen Fuß: „Peter, kannst du deinen Fuß gut bewegen? Ja, ich sehe, das geht.“ Nach einer Weile, als Peter zu weinen aufhörte: „Mein Eindruck ist, dass es dir besser geht, Peter. Braucht ihr noch etwas von mir?“ Peter richtete sich auf, wischte über sein Gesicht, schaute zu Dana und sagt: „Dana, du kannst jetzt gehen. Wir wollen weiterspielen.“
Dana war einfach da – mit ihrer ruhigen körperlichen Präsenz, vorurteilsfrei – sie wusste nicht, was genau geschehen war. Sie konnte sehen, dass Peter nicht ernsthaft verletzt war. Sie wusste von der Wichtigkeit, emotionale Unterstützung zu geben, Körperkontakt zu Peter aufzunehmen, in dem Maße, wie Peter es zuließ.
Sie wäre nicht auf den Gedanken gekommen, die Situation zu bewerten: „Du hättest ja vorsichtiger sein können, beim nächsten Mal macht ihr das so und so... Konrad, entschuldige dich bitte...“ Sie sah keinen Anlass, sich in die Situation einzumischen und war beeindruckt von der Souveränität, wie die beiden Jungen die Situation eigenverantwortlich auflösten – in dem Wunsch, im Kontakt miteinander zu bleiben, und ohne dass eine Spur von Ärger oder Wut zurück blieb. Sie spiegelte durch ihre Worte kurz, was sie wahrgenommen hatte. Dann verließ sie den Raum im Vertrauen, dass Peter und Konrad in einem stabilen Zustand waren.
Dana war nicht im Außen aktiv. Sie hat die Situation der beiden Jungen nicht „geregelt“. Stattdessen hat sie durch ihre Kompetenz, sich selbst und ihre Gefühle zu regulieren und zu reflektieren, einen Vertrauensraum geschaffen. Sie ist nicht „mitleidend“ geworden, sondern „mitfühlend“ auf die Bedürfnisse der Jungen eingegangen. Sie konnte trennen zwischen ihren Gefühlen und den Gefühlen der Jungen.
Durch ihre innere Entspanntheit konnte sie in einer emotional aufgeladenen Stimmung Sicherheit vermitteln, und damit den Vertrauensraum bewusst gestalten. Sie übernahm Verantwortung für die Qualität der Atmosphäre zwischen sich und den beiden Jungen. So schuf sie den sicheren Raum dafür, dass die Kinder selbst ihre Gefühle regulieren konnten und auf ihre Art eine Lösung für ihren Konflikt fanden.
Dana braucht keine „Methoden“, um mit dem Konflikt der beiden Kinder umgehen zu können, sondern sie handelt aus einer inneren Haltung heraus, die sich an der geistigen Wirklichkeit der Kinder orientiert. Sie sieht in den Kindern die „Edelsteine“, von denen in dem bekannten Baha'i-Zitat die Rede ist:
Betrachte den Menschen als ein Bergwerk, reich an Edelsteinen von unschätzbarem Wert...
Baha'u'llah, Ährenlese
Sie sieht die Kinder nicht als bedürftig oder unfähig, sondern als kompetente Gegenüber. Sie begegnet den Kindern mit Wertschätzung für ihre Gefühle und deren Ausdruck. Sie bewertet die Äußerungen der Kinder nicht und gibt ihnen die Möglichkeit, „mit eigenen Augen zu sehen“, so wie Baha'u'llah über die Gerechtigkeit schreibt:
Mit ihrer Hilfe sollst du mit eigenen Augen sehen, nicht mit denen anderer, und durch eigene Erkenntnis Wissen erlangen, nicht durch die deines Nächsten...
Baha'u'llah, Die Verborgenen Worte
Dadurch haben die Kinder den Raum, sich selbst zu spüren und ihre Gefühle wahrzunehmen. Dana schenkt ihnen das Vertrauen, dass sie damit auch eine Lösung für den Konflikt finden. Ihr Vertrauen spiegelt das Vertrauen wider, das Gott in den Menschen gesetzt hat, als er ihn mit weitreichenden Fähigkeiten und dazu dem freien Willen erschaffen hat, wie es in einem Gebet Baha'u'llahs heißt:
Herr! Ich bezeuge, dass Du in Deinen Diener Dein Vertrauen gesetzt hast, und das ist der Geist, in dem Du der Welt das Leben gabst.
Baha'u'llah, in Gebete
Mit diesem Vertrauen erlebt Dana den Konflikt der Kinder nicht als bedrohlich. Sie weiß, dass Konflikte nichts Böses sind, sondern ganz natürlich zum Leben dazu gehören.
In der Natur der Dinge liegt nichts Böses – alles ist gut. Dies gilt auch für bestimmte tadelnswerte Eigenschaften und Anlagen, die manchen Menschen innezuwohnen scheinen, die aber in Wirklichkeit nicht verwerflich sind. Zum Beispiel kannst du bei einem Säugling vom Beginn seines Lebens an Zeichen von Gier, Zorn und Wut sehen; (...) Die Antwort ist, dass Gier, also das Verlangen nach immer mehr, eine lobenswerte Eigenschaft ist, vorausgesetzt, sie zeigt sich unter den richtigen Umständen. Sollte also eine Person Gier zeigen, wenn es um den Erwerb von Wissenschaften und Erkenntnis geht, oder wenn sie Mitgefühl, Aufgeschlossenheit und Gerechtigkeit übt, wäre dies höchst lobenswert. Und sollte er seine Wut und seinen Zorn gegen blutrünstige Tyrannen richten, die wilden Tiere gleichen, wäre auch das höchst lobenswert. Sollte er diese Eigenschaften aber unter anderen Bedingungen zeigen, wäre es tadelnswert.
Abdu'l–Baha, Beantwortete Fragen
Konflikte unter Kindern sind nichts „Böses“, sondern Gelegenheiten etwas zu lernen. So wie in der Beratung „der zündende Funke der Wahrheit ... erst nach dem Zusammenprall verschiedener Meinungen“ erscheint (Abdu'l-Baha, Briefe und Botschaften), so lerne ich einen Mitmenschen am besten dann kennen, wenn ich mit ihm aneinandergerate. Konflikte sind notwendig, um gute Beziehungen zu entwickeln. Konflikte sind hilfreich im Beratungsprozess, denn sie spiegeln die Vielfalt von Meinungen und Persönlichkeiten wieder. Gerade durch das Zusammenbringen und Abwägen unterschiedlicher Ansätze können gute Beratungsergebnisse erzielt werden. Konflikte ergeben sich ganz natürlich immer dann, wenn Menschen wahrhaftig sind:
Wahrhaftigkeit ist die Grundlage aller menschlichen Tugenden.
Abdu'l–Baha, in Textzusammenstellung Vertrauenswürdigkeit
In dem Vertrauensraum, den Dana als Pädagogin in ihrer Beziehung zu den Kindern schafft, können die Kinder wahrhaftig sein: Sie können sich und ihre Gefühle spüren und äußern in der Sicherheit, gehört, aber nicht bewertet zu werden. Sie erleben Konflikte als etwas Natürliches. Sie geraten nicht in Panik, sondern können, wenn ein Konflikt auftritt, ganz einfach ihr Bedürfnis äußern: „Wenn du mir schon wehgetan hast, dann tröste mich jetzt wenigstens!“
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Anja Niemand ist Erzieherin und Familienberaterin. Als Mitbegründerin des Kindergartens Wilde 9 in Guest bei Greifswald wirkt sie aktiv an der konzeptionellen Weiterentwicklung des Kindergartens mit. Als Supervisorin begleitet sie Kindergarten- und Schulteams. Sie ist Mutter von drei erwachsenen Kindern.
Karen Reitz-Koncebovski ist Lehrerin und Montessori-Pädagogin. Nach langjähriger Unterrichtstätigkeit an verschiedenen Schulen und Schulformen arbeitet sie derzeit in der Lehrer:innenbildung. Sie ist Mutter zweier Kinder und lebt seit einigen Jahren in Potsdam, Brandenburg.
Aus dem Kindergarten Wilde 9 berichtete auch unser Artikel auf dem PerpektivenWechsel-Blog „Selbstgefühl und Beziehungskompetenz – Was wir von Kindern lernen können“






