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Erst DENKEN, dann reden

  • Autorenbild: Radiance Talley
    Radiance Talley
  • vor 4 Tagen
  • 4 Min. Lesezeit

Vor einem Monat kam ein Mann auf mich zu und sagte: „Als ich Sie letzte Woche zum ersten Mal traf, sahen Sie wie eine 15-Jährige aus. Jetzt, so ohne Hut, sehen Sie viel besser aus.“


Konversation

Ich wusste nicht, wie ich auf diese Worte, halb Kompliment, halb Beleidigung, reagieren sollte und seufzte. Bevor Menschen etwas sagen, sollten Sie erst einmal nachdenken.


Warum erst denken, dann reden?

Viele von uns kennen das: Jemand sagt etwas Beleidigendes oder Verletzendes, ohne nachzudenken. In den Baha'i-Schriften heißt es dazu:


Menschliche Rede will ihrem Wesen nach Einfluss üben und bedarf deshalb der Mäßigung. … Ihre Mäßigung muss mit Takt und Weisheit gepaart sein, wie es in den Heiligen Büchern und Sendbriefen vorgeschrieben ist.

Es ist weder klug noch taktvoll oder angemessen, jede Äußerung, die uns in den Sinn kommt, laut auszusprechen. Respektvolle und erfolgreiche Kommunikation bedarf der Selbstbeherrschung, erst einmal darüber nachzudenken, was gesagt werden sollte und was nicht.


Was sollen wir bedenken?

Die englische Sprache kann hier als Gedächtnisstütze dienen. Auf Englisch heißt „nachdenken“ bzw. „denken“: THINK. Dieses Wort kann als Akronym dienen, als ein Wort, das aus Anfangsbuchstaben anderer Worte zusammengesetzt ist. Akronyme können sehr nützliche Gedächtnisstützen sein, in diesem Fall:


True = WAHR

Helpful = HILFREICH

Inspiring = INSPIRIEREND

Necessary = NOTWENDIG

Kind = FREUNDLICH


[Auf Deutsch scheint sich daraus leider kein gedächtnisstützendes Akronym bilden zu lassen – außer vielleicht, das Lachen über „WHINF“oder „WAHINOF“ als Wort brennt sich in die Erinnerung ein. Deshalb bleiben wir hier im Deutschen beim Inhalt. Wem dazu eine schmissige Eselsbrücke einfällt, möge sie gern der Redaktion schicken.]

Ist es wahr?

Ist das, was du gerade sagen willst, die Wahrheit?


Die Baha'i-Lehren besagen:


Wahrhaftigkeit ist die Grundlage aller menschlichen Tugenden. Ohne Wahrhaftigkeit sind Fortschritt und Erfolg für jede Seele in allen Welten Gottes ausgeschlossen.

Wir sollten nicht nur immer die Wahrheit sagen, sondern ebenfalls das Urteilsvermögen besitzen, zwischen bewiesenen Tatsachen und unseren fehlerhaften Wahrnehmungen und Meinungen zu unterscheiden. Dies hilft uns, die Verbreitung von Fehlinformationen und falsche, abwertende und beleidigende Äußerungen über andere zu vermeiden.


Wobei die Baha'i-Schriften einen wichtigen Hinweis auf die Kunst des Abwägens geben:


Bedenke, dass der schlimmste Charakterzug, die abscheulichste Eigenschaft und die Grundlage allen Übels die Lüge ist und man sich im gesamten Dasein keine schlimmere oder verwerflichere Eigenschaft vorstellen kann. Sie macht jegliche menschliche Vollkommenheit zunichte und führt zu zahllosen Lastern. Es gibt keine schlechtere Eigenschaft als diese, und sie ist die Grundlage aller Verderbtheit. Trotz alledem sollte ein Arzt einen Patienten trösten und sagen: »Gott sei Dank, es geht dir besser und es gibt Hoffnung auf deine Genesung«, auch wenn diese Worte der Wahrheit widersprechen mögen, aber manchmal werden sie das Gemüt des Patienten beruhigen und zum Mittel werden, die Krankheit zu heilen. Und das ist nicht zu tadeln.
Abdu'l-Baha, Beantwortete Fragen

Ist es hilfreich?

Ist es für deinen Gesprächspartner hilfreich oder nützlich, wenn du deine Gedanken äußerst? Bieten deine Worte deinem Freund oder der Situation Trost, Unterstützung, Klarheit oder Verständnis?


Ist es inspirierend?

Würden deine Worte jemanden fördern, ermutigen und inspirieren, sich weiterzuentwickeln? Wie es in den Baha'i-Schriften heißt:


Ein bestimmtes Wort ist wie der Frühling, der die zarten Schößlinge im Rosengarten der Erkenntnis grünen und blühen lässt, während ein anderes Wort wie tödliches Gift ist. Ein umsichtiger, weiser Mensch sollte deshalb voll Milde und Geduld reden, damit die Süße seiner Worte einen jeden erlangen lässt, was der Stufe des Menschen angemessen ist.

Ist es notwendig?

Wenn das Aussprechen deiner Gedanken nicht zur Heilung eines Menschen beiträgt, nicht zu persönlichem Wachstum inspiriert oder dich oder andere vor zukünftigem Schaden schützt, dann könnte es unnötig sein, deine Gedanken laut auszusprechen.


Im Disney-Film „Bambi“ aus dem Jahr 1942 riet der Vater des kleinen Kaninchens Klopfer seinem Kind: „Wenn du nichts Nettes zu sagen hast, sag lieber gar nichts.“ Das bringt uns zu unserer letzten Frage:


Ist es freundlich?

Ist das, was du sagen möchtest, freundlich? Werden deine Worte jemanden aufmuntern und sein Herz erfreuen? Dies ist vielleicht die wichtigste Frage, denn hier geht es um unser aller Glück:


Gibt es eine größere Gnade als die, dass ein Mensch, wenn er in sich geht, feststellen darf, dass er ... die Ursache für Frieden und Wohlergehen, Glück und Nutzen unter seinen Mitmenschen wurde? Nein, bei dem einen wahren Gott! Es gibt keine größere Freude, kein vollkommeneres Glück.

Unsere Worte können so zerstörerisch wie Feuer sein oder so erhellend wie Licht - alles, was wir sagen, hat eine Wirkung. Indem wir innehalten und DENKEN, bevor wir reden, können wir effektiver kommunizieren und einen fruchtbaren Austausch herbeiführen. Deshalb sollten wir unsere Worte immer mit Bedacht wählen und sicherstellen, dass sie der Wahrheit entsprechen, helfen, inspirieren, notwendig und freundlich sind.



Radiance Talley hat an der University of Maryland/USA studiert und einen Abschluss in Kommunikation und Journalismus erworben. Darüber hinaus hat sie sich mit Lyrik, Anthropologie, Soziologie und transkultureller Psychologie befasst. Abgesehen von ihrer amerikanisch-englischen Muttersprache spricht sie Spanisch und nach ihren Studienaufenthalten in Paris und Berlin etwas Französisch und Deutsch. In ihrer Freizeit führt sie gemeinsam mit ihrer Mutter Workshops zum Thema „Racial Healing“ durch und schreibt Gedichte.


Dieser Artikel erschien im Original auf bahaiteachings.org und wurde von der Redaktion geringfügig geändert.


Foto von Warren auf Unsplash



 
 
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