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  • AutorenbildMichael Merkel

Die Wissenschaft der Religion

Als Physiker weiß ich, dass die Welt mehr ist, als ihre sichtbare Oberfläche auf den ersten Blick vermuten lässt. Daher habe ich mich schon sehr früh mit dem Gedankengut berühmter Naturwissenschaftler beschäftigt, welche bewusst über den Tellerrand ihrer jeweiligen Disziplin hinausblicken. Hierzu gehörte auch der deutsche Physiker Max Planck, der einmal sagte:

Wohin und wie weit wir auch blicken mögen, zwischen Religion und Naturwissenschaft finden wir nirgends einen Widerspruch, wohl aber gerade in den entscheidenden Punkten volle Übereinstimmung. Religion und Naturwissenschaft – sie schließen sich nicht aus, wie manche heutzutage glauben oder fürchten, sondern sie ergänzen und bedingen einander.
Max Planck in: Ernst Peter Fischer, Uni Auditorium – Wissenschaftsgeschichte, Portraits Max Planck – Albert Einstein – Wolfgang Pauli – Werner Heisenberg; Verlag KOMPLETT MEDIA, München, Kindle-Version 2011

zwischen Religion und Naturwissenschaft finden wir nirgends einen Widerspruch

Planck spricht hier einen wichtigen Grundsatz an, der im Baha'i-Glauben als die „Einheit von Wissenschaft und Religion“ bekannt ist. Ein zentraler Aspekt dieser Einheit besteht darin, dass ein reifes und realistisches Weltbild erst entstehen kann, wenn wir die dazu wesentlichen Erkenntnisse aus Wissenschaft und Religion gleichermaßen berücksichtigen. Oder wie es der englische Biologe John B. S. Haldane ausdrückte:

Der Weise richtet sein Verhalten sowohl nach den Theorien der Religion als auch der Naturwissenschaft aus.
John B. S. Haldane in: Paul Davis, Gott und die moderne Physik, Goldmann Verlag, München, 1. Auflage 1989, S.17.

Nun ergibt sich jedoch die für die Praxis sehr bedeutsame Frage: Woran kann ich denn erkennen, dass das, was mir als verlässliches Wissen angeboten wird, auch tatsächlich der Realität entspricht? Oder philosophisch ausgedrückt: Wie ist der Erkenntnisprozess im Falle seriöser Wissenschaft und moderner Religion beschaffen?


Der Kern wissenschaftlicher Methodik


In der Wissenschaft gibt es nicht „die eine“ wissenschaftliche Methode im Sinne einer rezeptartigen Forschungsanleitung. Wohl aber gibt es methodische Grundelemente, derer sich jede wissenschaftliche Disziplin bedienen muss, will sie bei der Erforschung der Realität erfolgreich sein. Hierzu gehört insbesondere eine Vorgehensweise, die als „wissenschaftlicher Dreischritt“ bezeichnet werden kann. Demnach erfolgt die Erforschung eines Phänomens gewöhnlich aus drei, sich regelmäßig wiederholenden Schritten:

  1. Konstruktion einer Erklärung für das vorliegende Problem (Modell)

  2. Ableitung logischer Konsequenzen aus dem Modell (Vorhersagen)

  3. Prüfung der theoretischen Vorhersagen (Experiment) 


Solange die logischen Konsequenzen (Schritt 2) des wissenschaftlichen Modells (Schritt 1) sich auch in der Realität beobachten lassen (Schritt 3), wird das Modell akzeptiert und bis auf weiteres beibehalten. Treten während der Prüfung der Theorie hingegen Widersprüche auf, so muss eine neue, bessere Erklärung gefunden werden. Der Kern wissenschaftlicher Forschung besteht in diesem Sinne aus einem systematischen Prozess von Versuch & Irrtum, der im Laufe der Zeit zu immer besseren Modellen der Realität, also immer klareren Vorstellungen von der Welt führt. Interessanterweise ist es gemäß diesem Vorgehen völlig egal, wie eine gute Erklärung zustande kam. Entscheidend ist nicht, ob ein Modell am Schreibtisch oder unter der Dusche entstanden ist, sondern einzig und allein, dass es anhand der daraus folgenden logischen Konsequenzen geprüft werden kann und sich dabei immer wieder bewährt.


Der Glaube der Wissenschaft


Ganz so einfach, wie es nach dieser Schilderung klingt, funktioniert Wissenschaft natürlich nicht. Vor allem bei vielschichtigen Phänomenen ist gar nicht immer klar, ob im Experiment gefundene Widersprüche auf die Fehlerhaftigkeit des Modells zurückzuführen sind oder ob eventuell nur die von der Theorie geforderten Rahmenbedingungen nicht erfüllt werden. Daher ist es ist es nicht vernünftig, eine bislang sehr gut bewährte Theorie bei einem vermeintlichen Widerspruch („Anomalie“) sofort zu verwerfen.


Dies zeigt sich im historischen Rückblick auch in der Forschungspraxis: So sind wissenschaftliche Theorien immer in einen die Wissenschaft überschreitenden Rahmen eingebettet. Dieser Rahmen – von den Wissenschaftstheoretikern gewöhnlich als Paradigma, aber auch als Forschungsprogramm oder Forschungstradition bezeichnet – bildet das „traditionelle“ Hintergrundwissen der Wissenschaftler und lenkt maßgeblich die Forschung. Neben bewährten Modellen mit hohem Erklärungswert, die man daher nicht ohne weiteres aufgeben möchte, beinhaltet ein Paradigma aber immer auch „außerwissenschaftliche“ Annahmen. Hierzu gehören neben methodischen Prinzipien (z. B. Ockhams Rasiermesser) auch weltanschauliche Ansichten (z. B. die These, dass die Natur logischen Gesetzen gehorcht).


So vernünftig derartige Annahmen sind, so wenig sind sie mit den Mitteln der Wissenschaft selbst beweisbar. Sie bilden quasi den außerwissenschaftlichen „Glauben der Wissenschaft“. Es gibt damit weder absolutes Wissen, noch eine voraussetzungslose Wissenschaft, obwohl das manch einer gerne glauben möchte. Wissenschaftliche Theorien werden im Laufe der Zeit immer besser, wobei deren Entwicklung jeweils im Lichtkegel eines von der Wissenschaftsgemeinde akzeptierten und bis auf weiteres nicht weiter hinterfragten Paradigmas erfolgt.


Zwei Ebenen wissenschaftlichen Fortschritts


Der eben skizzierte Prozess kann als „paradigmatische“ Wissenschaft bezeichnet werden. Mit dieser Methodik entwickelt sich wissenschaftlicher Fortschritt langsam und stetig, weil das in der Forschungstradition inbegriffene, aber zuvor versteckte Wissen Schritt für Schritt ausgearbeitet wird (Dreischritt). So hat z. B. das Paradigma der klassischen Physik über Jahrhunderte hinweg gute Dienste geleistet und vom fallenden Stein bis zu den Planetenbewegungen verschiedenste Phänomene erklärt.


Wissenschaftlicher Fortschritt kann aber auch sprunghaft und revolutionsartig erfolgen. Dies ist der Fall, wenn nicht nur einzelne Theorien stetig verbessert werden, sondern wenn infolge eines „Paradigmenwechsels“ das gesamte wissenschaftliche Hintergrundwissen verändert wird. Dies geht zumeist mit einer gänzlich erneuerten und reiferen Perspektive auf die Realität einher.


Werden und Vergehen wissenschaftlicher Paradigmen


Ein Paradigmenwechsel kündigt sich durch eine wissenschaftliche „Krise" an, wenn sich – z. B. durch eine genauere oder erweiterte Betrachtung des Forschungsbereiches - die Erklärungsmängel (Anomalien) der etablierten Forschungstradition häufen. Zusehends mehr Wissenschaftler brechen dann aus dem gewohnten und bewährten Denkrahmen aus und suchen nach gänzlich anderen Erklärungsmodellen. Die Krise ist dann überwunden, wenn ein neues Paradigma zur Verfügung steht, welches die Erklärungsleistung des Vorgängers reproduziert und zugleich neue Phänomene erklären kann.


So führte z. B. zu Beginn des 20. Jahrhunderts das Versagen der klassischen Physik beim Versuch, atomare Phänomene oder Teilchen hoher Geschwindigkeit zu beschreiben, zur Entwicklung von Quantenphysik und Relativitätstheorie. Beide Theorien läuteten das Ende der klassischen Physik ein und sind heute wesentliche Bestandteile des Paradigmas der modernen Physik, welches zugleich eine völlig neue, nicht-materialistische Natur der Realität nahelegt. Noch heute sind die Wissenschaftler damit beschäftigt, die in diesem Paradigma enthaltenen „Schätze“ auszuarbeiten. Dennoch ist klar: Es wird unweigerlich der Tag kommen, an dem selbst dieses leistungsfähige Paradigma an seine Grenzen stößt und durch eine noch umfassendere Sicht auf die Realität abgelöst werden wird.


Die Wissenschaft der Religion


Ein Studium der Baha'i-Schriften offenbart erstaunliche Parallelen zu den Erkenntnissen moderner Wissenschaftstheorie, wie sie eben kurz skizziert wurden. So bestätigen sie, dass jede Form menschlicher Erkenntnis einen modellhaften und relativen Charakter hat. Menschliches Wissen entwickelt sich laufend weiter, weshalb alles, was wir wissen, letztendlich unvollständig und vorläufig bleiben muss.


Auch zeigt sich, dass das eben skizzierte Verfahren wissenschaftlicher Forschung auf allgemeinen Prinzipien fußt. Demnach gibt es für uns Menschen nur vier Möglichkeiten, Erkenntnisse zu erwerben, nämlich durch

  • Sinneswahrnehmung

  • Verstand

  • Intuition

  • Tradition

Wer schon einmal einer optischen Täuschung erlegen ist, weiß, dass wir unseren Sinnen nicht immer trauen können. Gleiches gilt für unseren Verstand, unsere Intuition und das, was verschiedene Traditionen uns vorgeben. Weil offensichtlich alle vier Wissenskanäle für sich genommen fehleranfällig sind, stellt ihre geeignete Kombination nach den Baha'i-Schriften eine methodische Notwendigkeit dar:

Wird uns … eine Erklärung vorgelegt, die von Beweisen gestützt wird, die die Sinne als richtig wahrnehmen können und denen der Verstand zustimmen kann, die mit der überlieferten Autorität übereinstimmt und von der Eingebung des Herzens bestätigt wird, so kann sie als völlig richtig eingeschätzt werden, und wir können uns auf sie verlassen, weil sie nach allen Maßstäben der Urteilsfindung geprüft wurde und sich als vollständig erwiesen hat.
Abdu'l-Baha, The Promulgation of Universal Peace; Bahá‘í Publishing Trust, Wilmette, 1982, p.255, Übersetzung des Autors

Offenbarung und Paradigmen


In Bezug auf religiöse Erkenntnis bilden für den Gläubigen die Lehren „seiner“ Religion das akzeptierte Hintergrundwissen, was – idealerweise nach gründlicher Prüfung – nicht mehr in Frage gestellt wird (Tradition). Die Offenbarungen der großen Religionsstifter können daher als Paradigmen verstanden werden, welche das religiöse Weltverständnis und die Lebensweise der Gläubigen maßgeblich leiten. Um die einzelnen Lehren richtig zu interpretieren und zusehends besser zum Wohle aller anwenden zu können, benötigen die Gläubigen nun die anderen drei Erkenntniskanäle (Sinne, Verstand und Intuition). Folglich sollte beispielsweise nichts für „wahr“ gehalten werden, was unserem Verstand eindeutig widerspricht oder die Wissenschaft als unmöglich erwiesen hat.


Fortschreitende Gottesoffenbarung


Im Laufe der Zeit werden immer mehr Facetten der im offenbarten Paradigma enthaltenen Prinzipien, also der Lehren einer Religion, verstanden und angewendet, so dass ein neues Niveau menschlicher Kultur entsteht. Dennoch dürfen diese Früchte nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich mit der Zeit nicht nur die Fassungskraft der Menschen erhöht, sondern sich auch die äußeren Umstände verändern. Ganz natürlich verliert daher auch jede Religion irgendwann ihre belebende Kraft und gerät in eine „geistige Winterstarre“ (Krise).


In den Baha'i-Schriften heißt es:

Gottes Religion ist eine einzige Religion, aber sie muss immer wieder erneuert werden.

Dieses wichtige Prinzip wird im Baha'i-Schrifttum „fortschreitende Gottesoffenbarung“ genannt. Damit schließt sich aus meiner Sicht der Kreis: So wie es nur eine Wissenschaft gibt, die sich fortlaufend weiterentwickelt, so gibt es letztlich auch nur eine Religion, die fortschreitend in verschiedenen und immer umfassenderen Offenbarungen in Erscheinung tritt.


Fazit


Sowohl wissenschaftliche als auch religiöse Erkenntnis entwickeln sich bemerkenswerterweise nach erstaunlich ähnlichen methodischen Prinzipien. Für manche überraschend, beinhaltet dabei seriöse Wissenschaft auch ein gesundes Maß an „Glauben“, während umgekehrt auch ein moderner Glaube wissenschaftlich in seiner Methode ist.


In beiden Fällen bildet ein Paradigma (Tradition) die entscheidende Perspektive, auf die Welt zu blicken. Hat sich ein solches Paradigma einmal etabliert, wird es bis auf Weiteres nicht mehr hinterfragt und leitet Forscher wie Gläubige maßgeblich in ihrem Denken und Handeln. In der Religion entspricht dem Paradigma die jeweilige Offenbarung. Darauf aufbauend entsteht konkrete Erkenntnis durch die kombinierte Anwendung der drei weiteren menschlichen Erkenntniskanäle - Sinne, Verstand und Intuition. In der Wissenschaft kommen diese systematisiert in Form eines Dreischritts zum Einsatz – Modellbildung (Intuition), Vorhersagen (Verstand) und Experiment (Sinne). So wie jedes wissenschaftliche Paradigma eines Tages durch ein leistungsfähigeres ersetzt werden muss, so verliert auch jede religiöse Offenbarung im Laufe der Jahrhunderte ihre Kraft und muss erneuert werden.


 

Michael Merkel, Jahrgang 1969, studierte Physik in München und arbeitet seit über 20 Jahren in einem großen Versicherungskonzern. Er ist verheiratet, hat zwei erwachsene Kinder sowie zwei Enkelkinder. Verschiedene Erkenntnisse zum Themenkomplex Wissenschaft und Glaube hat er in seinem Buch zusammengefasst: Eckpfeiler einer reifen Weltsicht – eine Einführung in das Prinzip der Einheit von Wissenschaft und Glauben, Verlag tredition, Hamburg 2021.


Photo vom Haus der Andacht der Baha'i für Südamerika in Santiago de Chile: Thais Cordeiro


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