Politisch-evangelikale Heilsversprechen mit apokalyptischen Visionen
- Ingo Hofmann

- vor 3 Tagen
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Nicht wenige werden dabei gleich an die neuen „evangelikalen“ Kräfte im Umfeld des aktuellen amerikanischen Präsidenten denken, die gar nicht mehr auf protestantisch oder katholisch begrenzt sind. Auch in anderen Ländern – Europa ist mit dabei – werden diese Kräfte wirksam. Medien berichten laufend über Künstliche Intelligenz als „neuer Gott“ oder „neue Religion“ bis hin zu den Allmachtsphantasien eines Elon Musk, der als erster Billionär der Welt mit seinem Unternehmen SpaceX – gottähnlich – den Weltraum besiedeln will. Die Welt brauche eine Art „Reset“ – oder Neustart – ganz von vorne an beginnend.

Biblische Apokalypse-Predigten passen in dieses Bild bestens hinein. Dabei geht es um etwas über der Politik Liegendes, bei dem die Beziehung zu Jesus und die Liebe Gottes zum Menschen im Mittelpunkt stehen (siehe Artikel „His Catholic prayer app is one of the most popular in the world“). Selbsternannte Heilsbringer verkünden, die bisherige Welt stehe vor ihrem Untergang. Nur eine besondere Gruppe erkenne die Wahrheit und wer sich dieser Gruppe anschließt, gehört zu den Auserwählten. Alle anderen werden schnell zu Gegnern, Verrätern oder Werkzeugen des Bösen erklärt.
Gerade darin liegt die gefährliche Kraft dieser Bewegungen, die heute nicht nur in den USA oft mit Superreichen und politischen Machtträgern vernetzt sind. Sie locken Menschen mit dem Versprechen von Orientierung in Zeiten wachsender Unsicherheit: Wer Angst vor sozialem Abstieg, Krieg, kulturellem Wandel, Klimakrise, technischer Überforderung oder moralischem Zerfall hat, sucht nach einfachen Deutungen, die ihm angeboten werden: eine klare Geschichte, klare Feinde, klare Zugehörigkeit. Sie verwandeln komplexe Probleme in einen Kampf zwischen Licht und Finsternis. Das entlastet den Einzelnen vom mühsamen Ringen um Wahrheit, Dialog und Verantwortung. Doch es verschärft zugleich die Spaltung der Gesellschaft.
Nach den Baha'i-Lehren ist diese Dynamik besonders bedenklich, weil sie dem Prinzip der Einheit der ganzen Menschheit widerspricht. Sie rufen nicht zur Selbstüberhöhung einer Nation, Klasse, Religion oder Gruppe auf; hingegen zur Anerkennung der Menschheit als einer zusammengehörigen Familie. Die Erde ist nicht Besitz einzelner Völker oder Mächte, sondern ein gemeinsames Vaterland. Nationale Identität kann wertvoll sein, solange sie nicht zur Vergötzung des Eigenen führt. Wird sie aber absolut gesetzt, verwandelt sie sich in Abgrenzung, Misstrauen und Gewalt.
Die Geschichte zeigt, wie schnell religiöse oder politische Heilsversprechen in Zerstörung münden können. Der Nationalsozialismus versprach Erlösung durch Volk, Führer, Blut und Boden. Er verband politische Macht mit quasi-religiöser Symbolik, erklärte bestimmte Menschen zu Feinden des Volkskörpers und endete in Vernichtungskrieg und Holocaust. Selbst im fernen China zeigte der – eher wenig bekannte – Taiping-Aufstand im 19. Jahrhundert die zerstörerische Kraft eines religiös aufgeladenen Sendungsbewusstseins, wenn auch auf andere Art. Sein Anführer, Hong Xiuquan, verstand sich als Bruder Christi und errichtete die Vision eines himmlischen Reiches des großen Friedens. Doch aus der Erlösungsvision wurde ein Bürgerkrieg von ungeheurer Grausamkeit, der über 20 Millionen Menschen das Leben kostete – manche nennen das die blutigste Revolution der Menschheitsgeschichte (siehe Artikel „Taiping Rebellion: Causes, Definition & Death Toll“ und auch Ingo Hofmann: „Sollten wir China besser verstehen lernen?“ auf dieser Webseite).
Solche Beispiele zeigen: Gefährlich wird eine derartige Endzeit-Verkündigung nicht erst, wenn Gewalt beginnt. Gefährlich wird sie bereits dort, wo Menschen in Auserwählte und Verlorene oder Verworfene eingeteilt werden. Wo Zweifel an all dem als Verrat gilt. Wo Gehorsam höher steht als Vernunft und Gewissen. Wo eine Bewegung behauptet, sie allein könne die Welt retten, und wo andere Institutionen, Religionen, Völker oder internationale Ordnungen als dämonisch erscheinen.
Vor diesem Hintergrund verdient auch die gegenwärtige Verbindung von Technologie, evangelikalem Glauben und Macht Aufmerksamkeit. Der US-Verteidigungsminister Pete Hegseth, der die mächtigste Armee der Welt führt, trägt ein Tattoo auf dem Arm mit „Gott will es“, und ein weiteres Tattoo mit dem Jerusalemkreuz, das für den historischen christlichen Kreuzzug steht. Nach seinen eigenen Worten strebt er eine Re-Christianisierung der USA an, ganz im Geiste der in den USA hochvernetzten Gemeinde der reformierten evangelikalen Kirchen (CREC, „Communion of Reformed Evangelical Churches“).
Oder Peter Thiel, deutschstämmiger Tech-Milliardär, PayPal-Mitgründer und einflussreicher Investor, der in journalistischen Recherchen zunehmend als jemand beschrieben wird, der politische und technologische Fragen mit apokalyptischen Deutungsmustern verbindet. Berichtet wird über sein Interesse an den Worten des Apostel Paulus im Neuen Testament, der vor falschen Lehren über das nahe Ende der Welt warnt durch einen „Antichristen“ in der Rolle des „Katechon“ (griechisch: „Aufhalter“). Sie sind Teil seines geschichtsphilosophischen Vokabulars in dem er Technologie, Politik und Religion miteinander verbindet. Eine starke Ordnungsmacht soll als letzte Barriere gegen Chaos und Untergang dienen. Als Referenz greift Thiel stark auf das Werk des einflussreichen und zugleich umstrittenen deutschen Philosophen Carl Schmitt zurück (siehe Artikel „Peter Thiel ist ein möglicher Kandidat für den Antichristen")
Problematisch ist nicht, dass jemand religiöse Texte auslegt oder sich mit Apokalyptik beschäftigt. Glauben darf jeder auf seine Art und auch über die tiefsten Fragen menschlicher Existenz nachdenken. Problematisch wird es, wenn solche Deutungen politisch instrumentalisiert werden: wenn internationale Zusammenarbeit, Menschenrechte, Klimaschutz oder globale Institutionen nicht mehr als zwar unvollkommene, aber notwendige Versuche gemeinsamer Verantwortung erscheinen. Stattdessen gelten sie als Vorstufen einer apokalyptischen Wendezeit ganz nach eigenen Deutungen und Vorstellungen. Dann wird das Streben nach einer dazu passenden Weltordnung verdächtig, obwohl es dem Schein nach Frieden und Sicherheit anstrebt.
Hier liegt ein klarer Gegensatz zu den Baha'i-Lehren. Sie sehen die Entwicklung einer gerechteren Weltordnung nicht als apokalyptisch-dämonische Gefahr, sondern als geschichtliche Notwendigkeit (siehe „Die Apokalypse in der Deutung der Baha'i“). Die Einheit der Menschheit bedeutet nicht uniformen Zwangsstaat, nicht Unterdrückung kultureller Vielfalt, nicht technokratische Kontrolle. Sie bedeutet eine Ordnung, in der Nationen ihre berechtigten Eigenheiten bewahren, aber aufhören, ihre Interessen rücksichtslos gegeneinander auszuspielen. Sie bedeutet Beratung statt Machtkult, kollektive Sicherheit statt nationaler Alleingänge, Dienst statt Dominanz.
Die Einheit des Menschengeschlechts, wie sie Baha'u'llah vorausschaut, umschließt die Errichtung eines Weltgemeinwesens, in dem alle Nationen, Völker, Konfessionen und Klassen eng und dauerhaft vereint, die Autonomie seiner nationalstaatlichen Glieder sowie die persönliche Freiheit und Selbständigkeit der einzelnen Menschen, aus denen es gebildet ist, ausdrücklich und völlig gesichert sind.
Shoghi Effendi, Die Weltordnung Baha'u'llahs
Wenn heute von „gutem“ und „bösem“ Nationalismus gesprochen wird, muss genau hingeschaut werden. Ein gesunder Patriotismus kann Liebe zur eigenen Kultur, Verantwortung für das Gemeinwesen und Bereitschaft zum Dienst bedeuten. Ein vergifteter Nationalismus dagegen erklärt das eigene Volk zum Maß aller Dinge. Er sieht internationale Gerichte, die Vereinten Nationen, Menschenrechtsnormen oder Klimaverträge nicht als mühsame, verbesserungsbedürftige Instrumente gemeinsamer Verantwortung, sondern als Fesseln. Er verachtet die Idee, dass die Menschheit gemeinsame Probleme nur gemeinsam lösen kann.
Doch gerade die großen Krisen unserer Zeit zeigen das Gegenteil. Klima, Migration, Pandemien, Finanzmärkte, künstliche Intelligenz, Atomwaffen und Biotechnologie halten sich nicht an Grenzen. Kein Staat, auch nicht der mächtigste, kann sie allein beherrschen. Wer nationale Souveränität absolut setzt, während die Probleme global geworden sind, handelt nicht realistisch, sondern nostalgisch. Er flieht in eine Vergangenheit, die es so nie gab.
Besonders deutlich wird diese Versuchung im Blick auf künstliche Intelligenz. Manche technologischen Visionen klingen selbst messianisch: Maschinen sollen den Menschen vollenden, seine Grenzen überwinden, vielleicht sogar Unsterblichkeit oder vollkommene Kontrolle ermöglichen. Papst Leo XIV. hat jüngst davor gewarnt, KI dürfe nicht zu einem neuen Turm von Babel werden: einem Symbol menschlicher Hybris, in dem der Mensch meint, er könne aus eigener Macht etwas Vollkommenes erschaffen (siehe Artikel „AI must serve humanity not concentrate power“).
Diese Warnung ist auch aus Baha'i-Sicht bedeutsam. Wissenschaft und Technik sind kostbare Gaben, aber sie brauchen ethische Orientierung. Ohne geistige Maßstäbe können sie Werkzeuge der Befreiung oder der Unterdrückung werden. Die Baha'i-Lehren betonen deshalb das Gleichgewicht von Wissenschaft und Religion:
Religion und Wissenschaft sind eng miteinander verflochten und können nicht getrennt werden. Sie sind die beiden Flügel, mit denen die Menschheit fliegen muss. Ein Flügel genügt nicht. Jede Religion, die sich nicht mit Wissenschaft befasst, ist bloße Tradition und geht am Wesentlichen vorbei.
Abdu'l-Baha, Abdu'l-Baha in London
Wissenschaft ohne Unterstützung durch Werte kann in kalte Machbarkeit umschlagen. Religion ohne Vernunft kann in Fanatismus erstarren. Beide brauchen einander: die Religion braucht die prüfende Kraft der Vernunft, die Wissenschaft braucht die moralische Frage nach dem Wohl der ganzen Menschheit. Wo diese Balance verloren geht, entstehen entweder technokratische Allmachtsphantasien oder religiös-politische Erlösungsphantasien.
Der selbsternannte Messianismus hat vor allem Erfolg, weil er echte Sehnsüchte anspricht: die Sehnsucht nach Sinn, Zugehörigkeit, Gerechtigkeit, Schutz und Zukunft. Man darf diese Sehnsüchte nach einer besseren Welt nicht verachten. Wer nur spottet, der ignoriert, warum Menschen solchen Bewegungen folgen. Aber man muss klar benennen, wo Sehnsucht missbraucht wird. Wenn Angst in Feindbilder verwandelt wird, wenn Glauben zum Werkzeug politischer Herrschaft wird, wenn nationale Größe über die der großen menschlichen Familie gestellt wird, dann beginnt ein gefährlicher Weg.
Aus Baha'i-Perspektive ist die Alternative nicht Naivität. Die Menschheit braucht Ordnung, Recht, Sicherheit und starke Institutionen. Aber sie braucht diese nicht als Herrschaft der Auserwählten über die Anderen, sondern als Ausdruck gemeinsamer Reife. Wahre geistige Erneuerung erkennt man nicht am Pathos des Untergangs, nicht an der Verachtung anderer, nicht an der Sehnsucht nach einem starken Mann. Man erkennt sie an Demut, Wahrhaftigkeit, Beratung, Gerechtigkeit und an der Bereitschaft zum Dienst an allen Menschen.
Die entscheidende Frage lautet daher nicht: Wer hält den Untergang auf? Sondern: Wer hilft der Menschheit, erwachsen zu werden? Wer stärkt Vertrauen statt Misstrauen, Verantwortung statt Angst, Einigkeit und Konsens statt Überlegenheit? Jede Bewegung, die behauptet, nur sie sei das Bollwerk gegen das Böse, muss kritisch geprüft werden. Denn oft beginnt Gewalt nicht erst mit Waffen, sondern mit einer Erzählung: Wir sind die Erwählten. Die anderen sind die Gefahr. Und um das Gute zu retten, ist fast alles erlaubt.
Genau dieser Erzählung müssen wir widersprechen. Nicht mit einem neuen Feindbild, sondern mit einer umfassenderen Vision:
Die Menschheit ist eine. Ihre Sicherheit ist unteilbar. Ihre Zukunft kann nicht durch apokalyptische Machtphantasien gerettet werden, sondern nur durch Gerechtigkeit, Beratung, geistige Reife und die entschlossene Anerkennung, dass kein Volk, keine Nation und keine Technologie alleine die erhoffte Erlösung bringen kann.
Ingo Hofmann studierte Physik in München und war über drei Jahrzehnte im Raum Darmstadt-Frankfurt in der Forschung und als Hochschullehrer tätig. Er ist Vater von vier Kindern und lebt seit einigen Jahren in Potsdam, Brandenburg.
Bild generiert durch GenAI



