Sollten wir China besser verstehen lernen?
- Ingo Hofmann

- vor 3 Tagen
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Ohne einen Blick zurück kann seine Gegenwart nicht verstanden werden
Wer heute in unserem Land die wachsende Zahl medialer Beiträge über China verfolgt, stößt schnell auf vertraute Begriffe: Systemrivale, Überwachungsstaat, Handelskrieg, Technologiekonkurrenz, künstliche Intelligenz, Menschenrechte, strategische Abhängigkeit u.a. .

Nur wenige Länder werden im westlichen Diskurs derzeit mit einer ähnlichen Mischung aus Ablehnung, Misstrauen, Angst, aber auch immer wieder mit Achtung und sogar Bewunderung betrachtet. Hat das Gefühl der Bedrohung auch damit zu tun, dass die lange geltende These China als „Werkbank der Welt“ nicht mehr gilt und der für uns unglaublich schnell erscheinende Wandel zur globalen Welthandelsmacht und Spitzenreiter in Innovationen beunruhigt? Fakt ist, dass gemäß publizierten Statistiken vor einigen Jahren knapp 70% der Deutschen eine negative Einstellung gegenüber China haben. Die Vorwürfe sind komplex: wirtschaftliche Dominanz, politische oder menschenrechtliche Kritik, die rasante technologische Entwicklung und Kritik an der autoritären Führung des Landes bestimmen den negativen Überschuss.
An einer näheren Auseinandersetzung mit dem Land kommt niemand vorbei, der überhaupt Interesse in Richtung China hat. Mehrere Reisen nach China – aus physikalisch-wissenschaftlichen Gründen – haben mich motiviert, zum besseren Verständnis der Gegenwart des Landes auch seine jüngere Geschichte näher in Betracht zu ziehen. Meine Schlussfolgerung: ohne Kenntnis der destruktiven Einflussnahme des Westens seit dem 19. Jahrhundert kann das heutige China nicht verstanden werden.
Davon handelt dieser Essay, wobei ich zu bedenken gebe, dass der Rahmen eines Essays dieser Kürze grundsätzlich nicht mehr als ein Impuls zu einer näheren Beschäftigung mit dem Land sein kann – in meinen Augen aber ein unverzichtbarer. Die Fülle weiterer – auch China-interner Blickwinkel muss hier außer Acht bleiben.
Nach den Baha'i-Schriften muss heute ein „weltweiter“ Blick an die Stelle von überwiegend persönlichen Interessen und Neigungen treten:
Lasst euren Blick weltumfassend sein, anstatt ihn auf euer Selbst zu beschränken.
Baha'u'llah, Ährenlese aus den Schriften Baha'u'llahs
Die westliche Kurzsichtigkeit
Der moderne Westen betrachtet China, aber auch andere Länder, oft nur durch die Brille der Gegenwart. Wir sehen in diesem Fall eine aufstrebende Supermacht, die Einfluss gewinnt und bestehende globale Machtverhältnisse infrage stellt.
Was wir oft nicht sehen – oder nur am Rande erwähnen – ist, dass China selbst sich gar nicht nur als „aufstrebende Macht“ versteht. Viele Chinesinnen und Chinesen sehen ihr Land eher als eine alte, große und in vieler Hinsicht führende Kultur, die nach einer langen Phase der Demütigung – durch den Westen –, ihre historische Würde wiedergewinnen muss.
Während viele westliche Staaten ihre nationale Identität aus Revolutionen, Verfassungen oder territorialen Entwicklungen des 18. oder 19. Jahrhunderts ableiten, blickt China auf mehrere Jahrtausende weitgehend kultureller Kontinuität zurück. Für das chinesische Selbstverständnis ist das 19. Jahrhundert mit seinen Zeichen des Niedergangs vor allem eine Folge der Auswirkungen verpasster Modernisierungen, die der Westen zu seinem eigenen Vorteil ausnutzte.
Wer China verstehen will, muss deshalb nicht mit Silicon Valley oder der mächtigen chinesischen Metropole Shenzhen beginnen, sondern mit einem schmerzhaften Kapitel, das im chinesischen Gedächtnis bis heute lebendig ist: dem sogenannten „Jahrhundert der Demütigung“ von 1839 bis 1949.
Eine Erinnerung, die im Westen kaum präsent ist
Zwischen dem ersten Opiumkrieg 1839 und der Gründung der Volksrepublik China 1949 erlebte China eine Reihe von Katastrophen, die das nationale Bewusstsein bis heute prägen.
Hier der Kürze halber nur einige Schlagworte: Britische – militärisch weit überlegene – Kriegsschiffe erzwangen in den „Opiumkriegen“ die Öffnung chinesischer Märkte für in Indien billigst erzeugtes Opium und überschwemmten damit das Land. Damit wollte Großbritannien seine stark negative Handelsbilanz gegenüber China ausgleichen. Dies ungeachtet der katastrophalen Wirkung auf die Menschen in dem ohnehin sehr geschwächten Land. Dazu trugen erheblich die die seit längerer Zeit schwelenden internen Rivalitäten gegen die Fremdherrschaft der ursprünglich mandjurischen Qing-Dynastie bei. Das Land hatte auch traditionell das Eindringen des Westens abgelehnt und sich gegenüber Modernisierung verschlossen. Europäische Mächte diktierten als Folge des Opiumskriegs im Jahr 1842 in dem Vertrag von Nanjing sogenannte „ungleiche Verträge“. In ihnen wurden u.a. Hafenstädte kontrolliert und christliche Missionare mit Sonderrechten ausgestattet.
In diesem Kontext entstand der im Westen wenig bekannte Taiping-Aufstand gegen das Kaisertum, der von 1851-64 mit 20-30 Millionen Toten einer der verlustreichsten Aufstände der Menschheitsgeschichte war und das Land nachhaltig massiv schwächte. Das Wort „Taiping“ (dt. „Großer Frieden“) beschreibt die altchinesische Vorstellung eines Universums in dem alles – Natur und Gesellschaft – in umfassender Harmonie miteinander besteht. Der Aufstand wurde ausgelöst durch eine christlich-missionarisch und sozialrevolutionär geprägte Sekte, die mit dieser Bezeichnung „Taiping“ eine Art „Himmlisches Reich des Großen Friedens“ errichten wollte. Ihr Anführer, Hong Xiuquan, betrachtete sich selbst – in der altchinesischen Tradition - als „Himmlischer König“, Sohn Gottes und unter christlichem Einfluss als jüngerer Bruder Jesu.
1901 folgte dann die tiefe Erschütterung durch den sog. „Boxeraufstand“, in dem sich zahlreiche traditionell geprägte chinesische Kräfte und Vereinigungen gegen den wachsenden Einfluss der christlichen Missionare und der ausländischen Mächte wehrten, allen voran die USA und Japan, aber auch europäische Mächte einschließlich Deutschland. Der Boxeraufstand endete mit einer katastrophalen Niederlage für die Qing-Dynastie und die Aufständischen.
Was aus westlicher Sicht oft nur als gewesene Episode des Imperialismus oder Kolonialismus erscheint, ist aus chinesischer Perspektive eher ein kollektives Trauma. Wie würden wir in Europa darauf reagiert haben, wenn fremde Mächte innerhalb weniger Generationen unsere Häfen kontrolliert, die Wirtschaft manipuliert und den Kontinent mittels überlegener Kanonen mit Opium überschwemmt hätten, das Gesundheit und Gesellschaft erodierte. Bestimmt wäre das auch heute noch in unserem kollektiven Bewusstsein gegenwärtig.
Die im 20. Jahrhundert folgenden Kapitel chinesischer Geschichte der Abwendung vom Westen, das Kapitel von Sun Yat-Sen als hochgebildetem Staatsgründer des modernen China, dann das Wirken Mao Zedongs als kommunistischem Herrscher der Volksrepublik China einschließlich des Wütens Japans bis zum 2. Weltkrieg sind nicht mehr Gegenstand dieses Essays. Warum wundern wir uns heute über Chinas Beharren auf nationaler Souveränität, territorialer Integrität und politischer Kontrolle, wenn wir gleichzeitig kaum wahrnehmen, wie tief die Erfahrung von Fremdbestimmung im historischen Gedächtnis dieses Landes verankert ist?
Demokratie als universelle Erwartung?
In Europa und Nordamerika gilt liberale Demokratie für viele Menschen nicht nur als politisches Modell, sondern als nahezu universeller Maßstab gesellschaftlicher Entwicklung. Weit verbreitet war die Vorstellung, dass wirtschaftlicher Fortschritt, Bildung, Urbanisierung und technologische Modernisierung früher oder später zu pluralistischen Mehrparteiensystemen führen sollten.
Es ist nicht zu erkennen, dass das moderne China mehrheitlich dieser Annahme folgt. Das Land hat hunderte Millionen Menschen aus extremer Armut geführt. Es hat eine wissenschaftliche, industrielle und technologische Dynamik entfaltet, die westliche Beobachter überrascht hat. Es investiert massiv in Forschung, Infrastruktur und Bildung. Und dennoch folgt es nicht dem westlichen Modell liberaler Demokratie. Sein eigener Weg war in der Vergangenheit gepflastert von Bemühungen und Erfolgen, aber auch von gravierenden Fehlentwicklungen, für die die Bevölkerung einen hohen Preis zu zahlen hatte.
Manche empfinden diese Distanzierung von Demokratie als Provokation. Vielleicht haben wir uns zu sehr daran gewöhnt, unsere eigenen politischen Erfahrungen mit universellen Wahrheiten zu verwechseln. Das bedeutet nicht, demokratische Werte aufzugeben. Es bedeutet auch nicht, Menschenrechte relativieren zu müssen, vielmehr müssen wir lernen, zwischen bei uns bewährten Prinzipien und unterschiedlich verlaufenen historischen Entwicklungen in anderen Weltgegenden zu unterscheiden. Eine Kultur, die wiederholt Fremdherrschaft erlebt hat, entwickelt möglicherweise andere Prioritäten als eine Kultur, deren politische Moderne überwiegend aus inneren Reformbewegungen entstanden ist. So ist es nicht verwunderlich, wenn das heutige China politische Stabilität generell stärker mit nationalen Interessen als mit individueller Freiheit und dem bei uns geforderten Recht auf Selbstverwirklichung verbindet.
Gewiss, auf lange Sicht kann gemäß den Baha'i-Lehren nicht das eine auf Kosten des anderen umgesetzt werden:
Die Einheit des Menschengeschlechts, wie sie Baha'u'llah vorausschaut, umschließt die Errichtung eines Weltgemeinwesens, in dem alle Nationen, Völker, Konfessionen und Klassen eng und dauerhaft vereint, die Autonomie seiner nationalstaatlichen Glieder sowie die persönliche Freiheit und Selbständigkeit der einzelnen Menschen, aus denen es gebildet ist, ausdrücklich und völlig gesichert sind.
Shoghi Effendi, Die Weltordnung Baha'u'llahs
Kann sich eine Menschheit, die bereits unter Klimawandel, Ressourcenkrisen, Fluchtbewegungen und digitaler Polarisierung leidet, überhaupt eine weitere Aufspaltung in feindliche, konkurrierende Blöcke leisten? Oder gar einen neuen „Kalten Krieg“?
Was wir lernen müssten, um der Aufspaltung zu entgehen
Vielleicht müssen wir im Westen zunächst lernen, zwischen oft berechtigter Kritik und kultureller Überheblichkeit zu unterscheiden. Aber jede Kritik verliert an Glaubwürdigkeit, wenn sie aus historischem Vergessen heraus erfolgt. Wer China nur als „Systemgegner“ betrachtet, der ignoriert, dass dieses Land seine Gegenwart auch aus einer zutiefst verletzten Vergangenheit heraus gestaltet. Vielleicht wäre hier der beste erste Schritt kein politischer, sondern ein innerer: mehr historische Bildung, weniger moralische Reflexe, mehr Achtung gegenüber kulturellen Unterschieden.
Fazit: Die eigentliche Herausforderung unserer Zeit besteht somit nicht darin, ob der Westen oder China „gewinnt“. Vielmehr: Kann die Menschheit lernen, Macht durch Zusammenarbeit zu ersetzen und gemeinsame Wege zu betreten? Denn eine nachhaltige Weltordnung kann nur entstehen, wenn sich die großen Kulturräume dieser Erde nicht als Gegner, sondern als unvollständige Teile eines größeren Ganzen begreifen.
Wenn wir im Westen China wirklich verstehen wollen, dann dürfen wir nicht nur auf seine Märkte blicken, seine oft als bedrohlich empfundene High-Tech-Entwicklung auf fast allen Gebieten, oder seine Politik. Wir sollten vielmehr auch seine Erinnerung an die große Demütigung verstehen, dann könnte daraus ein wichtiger bilateraler Baustein für den Abbau bestehender Feindbilder und den Aufbau dringend notwendigen Vertrauens entstehen. Wie kann derzeitiges Rivalitätsdenken in solches Vertrauen umgewandelt werden, wie sollten „erste Schritte“ in dieser Richtung aussehen? Denn gegenseitiges Vertrauen ist heute wohl die knappste Ressource der Welt.
Ingo Hofmann studierte Physik in München und war über drei Jahrzehnte im Raum Darmstadt-Frankfurt in der Forschung und als Hochschullehrer tätig. Er ist Vater von vier Kindern und lebt seit einigen Jahren in Potsdam, Brandenburg.
Einige weiterführende Quellenhinweise
Bundeszentrale für politische Bildung: Das Jahrhundert der Demütigung
Jacques Gernet, „DIE CHINESISCHE WELT“, Suhrkamp, 10 Auflage, 2017, insbesondere zum Thema Niedergang und große Demütigung Teil 9 und 10, (S. 455 ff) in Kap. „Das China der Neuzeit“.
Jürgen Osterhammel, „DIE VERWANDLUNG DER WELT“ – Eine Geschichte des 19. Jahrhunderts, C.H. Beck, 3. Auflage, 2020
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