Sprache im Diskurs mit Menschen, die anders denken
- Ingo Hofmann
- vor 3 Stunden
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Reflexionen zum interreligiösen Dialog und Diskurs
Dieser Essay basiert auf meinen persönlichen Beobachtungen und Einschätzungen im gesellschaftlichen Diskurs, mit besonderem Fokus auf den interreligiösen Dialog. Dabei beziehe ich mich vor allem auf den deutschen Sprach- und Kulturraum. Zugleich kann ich meine eigenen Erfahrungen – unter anderem einen insgesamt etwa zweijährigen, in Etappen erfolgten, beruflich bedingten Aufenthalt in den USA – nicht ausblenden. Dies gilt insbesondere vor dem Hintergrund, dass das Englische als Referenzsprache bei Übersetzungen eine wichtige Rolle spielt.

Im Mittelpunkt dieser Betrachtungen steht unser sprachlicher Umgang mit dem Begriff „Einheit“, der wie kaum ein anderer die zentrale Botschaft des Baha'i-Glaubens ausdrückt und dessen richtungsweisende Bedeutung in dem warnenden Wort zum Ausdruck kommt:
Das Wohlergehen der Menschheit, ihr Friede und ihre Sicherheit sind unerreichbar, sofern nicht und ehe nicht ihre Einheit fest begründet ist.
Baha'u'llah, Die Verkündigung Baha'u'llahs
Es dürfte schwer zu bestreiten sein, dass der gegenwärtige Kurs der Menschheit eher in die entgegengesetzte Richtung weist. Geopolitische Rivalitäten verschärfen sich, Gräben vertiefen sich, und bisherige Bemühungen um wachsende Einigkeit und Gerechtigkeit werden schrittweise zurückgedrängt.
Die Vision des Baha'i-Glaubens einer Menschheit, deren Teile wie in einem einzigen Organismus zusammenwirken, war schon immer anspruchsvoll. Angesichts der heutigen Welt ist sie jedoch unverzichtbar geworden.
Was bedeutet all dies für den interreligiösen Dialog? Einerseits beobachte ich, dass Baha'i durch ihre Bereitschaft, sich auch praktisch und engagiert einzubringen, geschätzte Teilnehmer in solchen Foren sind. Andererseits erlebe ich, dass Begriffe wie „Einheit der Menschheit“ und „Einheit der Religionen“ – oft unausgesprochen – auf Befremden stoßen.
Wenn diese Möglichkeit besteht, muss ich mich fragen, ob meine Sprache, insbesondere die Verwendung bestimmter Begriffe, ausreichend bedacht ist. Habe ich über ihre Wirkung genügend nachgedacht, bevor ich spreche? Diese Frage stellt sich besonders in interreligiösen Begegnungen, die häufig von tiefen persönlichen Überzeugungen und Emotionen geprägt sind. Bei nicht wenigen Menschen schwingt dabei auch die kollektive Erinnerung an die deutsche Geschichte mit und beeinflusst ihre Haltung gegenüber dem Begriff „Einheit“.
Sprache in einer säkularen Welt
Diese kollektive Erinnerung, die über mehr als ein Jahrhundert zurückreichen kann, prägt sich dauerhaft in bestimmten Begriffen ein. Hinzu kommt, dass die weitgehende Säkularisierung in der westlichen Welt auch in der gegenwärtigen Sprache ihren Ausdruck findet. In zeitgenössischen Diskursen wird bei uns häufig eine Sprache bevorzugt, die offen, dialogfähig und in gewissem Sinne „vorläufig“ bleibt – nicht, weil Wahrheit grundsätzlich abgelehnt würde, sondern weil sie gemeinsam gesucht werden soll.
Dabei sind deutliche Unterschiede zwischen den Vereinigten Staaten von Amerika und europäischen Modellen der Säkularisierung zu erkennen. Ebenso treten Unterschiede zwischen der Struktur des Englischen und des Deutschen hervor, die gerade bei Übersetzungen nicht unterschätzt werden dürfen.
Die deutsche Sprache zeichnet sich dadurch aus, dass sie insbesondere bei abstrakten Begriffen stärker differenziert. So werden im Englischen die beiden deutlich unterscheidbaren Begriffe „Einheit“ und „Einigkeit“ meist mit dem einen Wort „unity“ wiedergegeben. Während „Einheit“ leicht als endgültiger Zustand der Gleichmachung verstanden werden kann, verweist „Einigkeit“ eher auf einen verbindenden Prozess. Die größere Deutungsoffenheit des Englischen macht den Diskurs beweglicher – aber auch unverbindlicher.
Die Last der Geschichte
Ein genauerer Blick auf den historischen Kontext zeigt, wie sehr die Wahrnehmung des Begriffs „Einheit“ im deutschen Sprachraum geprägt ist.
Ein zentraler – wenn auch nicht der einzige – Faktor ist die Erfahrung des 20. Jahrhunderts im Nationalsozialismus. „Einheit“ bedeutete damals nicht das harmonische Zusammenwirken freier Individuen, sondern wurde mit den „Gleichschaltungsgesetzen“ von 1933 zur ideologischen Forderung nach einem Einheitsstaat. Unterschiedliche Meinungen, kulturelle Vielfalt und individuelle Freiheit galten nicht als Bereicherung, sondern als Bedrohung. Die propagierte „Volksgemeinschaft“ war keine inklusive Einheit, sondern eine exklusive: Sie definierte sich durch Ausgrenzung, Abwertung und letztlich Gewalt.
Diese Erfahrung wirkt bis heute nach. Sie hat ein kollektives Bewusstsein dafür geschaffen, wie leicht große Begriffe missbraucht werden können. Wenn heute von „Einheit“ die Rede ist, stellen sich daher oft Fragen wie: Wird hier Vielfalt unterdrückt? Sollen Unterschiede eingeebnet werden? Wer bestimmt, was diese Einheit bedeutet – und wer gehört möglicherweise nicht dazu?
Auch im interreligiösen Raum wirken historisch gewachsene Haltungen fort, die dem Baha'i-Gedanken der „Einheit der Religionen“ mit Skepsis begegnen können. In der evangelischen Tradition hat sich seit der Reformation eine ausgeprägte Sensibilität gegenüber zentraler religiöser Autorität entwickelt. Ein umfassender Einheitsanspruch kann daher als Einschränkung der stark betonten individuellen Glaubensfreiheit wahrgenommen werden.
Eine feste Regel ist dies jedoch nicht. Teile der evangelischen Kirche wenden sich zunehmend gesellschaftspolitischen Themen zu, während klassische theologische Fragen teilweise in den Hintergrund treten. Die katholische Kirche wiederum vertritt traditionell selbst einen universalen Anspruch und sieht sich als Trägerin der „einen Wahrheit“. Der Begriff „katholisch“ leitet sich vom griechischen „katholikós“ ab und bedeutet „allgemein“, „umfassend“ oder „weltweit“. Für eine Gleichwertigkeit aller Religionen lässt dieses Selbstverständnis keinen Raum – was jedoch für den Dialog mit Andersdenkenden nicht hinderlich sein muss.
„Einheit in Vielfalt“ als Chance
Aus diesen historischen Erfahrungen heraus hat sich im deutschsprachigen Raum eine besondere Sensibilität gegenüber großen Begriffen wie „Einheit“ oder „Wahrheit“ entwickelt. Diese werden häufig kritisch hinterfragt. Zugleich ist diese Haltung eng mit der Entwicklung moderner demokratischer Gesellschaften verbunden, in denen Pluralismus, Meinungsfreiheit und Minderheitenschutz zentrale Werte darstellen.
Meine eigenen Erfahrungen im interreligiösen Dialog haben mir gezeigt, dass der Gedanke einer „Einheit in Vielfalt“ Türen öffnen kann. Er wird häufig als verbindend empfunden. Dagegen kann die Aussage, „alle Religionen sind im Grunde eins“, bei manchen als unerwünschte Relativierung oder gar als Abwertung dessen wahrgenommen werden, was ihnen selbst heilig ist.
Ähnliches gilt für den zentralen Begriff „Einheit der Menschheit“ im Baha'i-Glauben. Zustimmung entsteht oft dann, wenn er mit dem Bild eines Organismus verbunden wird, in dem unterschiedliche Teile zum Wohlergehen des Ganzen beitragen – selbst wenn dieses Ziel aus heutiger Sicht noch fern erscheint und der Weg dorthin lang ist.
Fazit
Vielleicht liegt hierin die eigentliche Rolle der Sprache im Dialog: nicht darin, Wahrheit endgültig festzuschreiben, sondern darin, sie gemeinsam zu suchen. Worte können Mauern errichten – oder Wege öffnen. Sie können trennen oder verbinden.
Und vielleicht beginnt echte Verständigung genau dort, wo Sprache nicht mehr trennt, sondern von Taten begleitet wird – selbst wenn es nur kleine Schritte sind, die uns gemeinsam einem größeren Ziel näherbringen.
Ein Wort aus einer aktuellen Botschaft des Universalen Hauses der Gerechtigkeit, der höchsten Körperschaft der Baha'i-Religion, mag diesen Gedanken begleiten:
Aber ob durch Taten oder Worte: Das Verdienst jedes Ihrer Beiträge zum gesellschaftlichen Wohlergehen liegt zuallererst in Ihrem entschlossenen Einsatz, jenen kostbaren Punkt der Einheit zu entdecken, wo sich gegensätzliche Sichtweisen berühren und um den sich streitende Völker zusammenfinden können.
Ingo Hofmann studierte Physik in München und war über drei Jahrzehnte im Raum Darmstadt-Frankfurt in der Forschung und als Hochschullehrer tätig. Er ist Vater von vier Kindern und lebt seit einigen Jahren in Potsdam, Brandenburg.
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