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  • AutorenbildSören Rekel-Bludau

Wie mache ich meinen Glauben für andere erfahrbar?


Hannover: Im Haus der Religionen gehen die Baha'i gemeinsam mit acht weiteren Gemeinschaften neue Wege der multimedialen Glaubensvermittlung.


Pflegt Gemeinschaft mit den Gläubigen aller Religionen

Ein weißer, schmuckloser Saal, neun unscheinbare Würfel darin. Das ist die neue Dauerausstellung im Haus der Religionen in Hannover. Fünf Jahre habe ich als Projektkoordinator gemeinsam mit Vertretern acht weiterer Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften daran gearbeitet. Seit November 2022 ist die Ausstellung geöffnet.


Dort wurde etwas bislang weltweit Einmaliges geschaffen. Das Konzept ist ebenso einfach wie bestechend: Jede Religion hat ihren eigenen Raum, zweieinhalb Kubikmeter. Für alle exakt gleiche Bedingungen, um sich interessierten Besucherinnen und Besuchern zu präsentieren. Schwerpunkt sind Führungen für Schülerinnen und Schüler. Alle Projektbeteiligten halten so eine Selbstdarstellung für gut und wichtig.


Kann man den eigenen Glauben darstellen, ohne zu missionieren?


Die Schriften Baha'u'llahs, des Stifters der Baha'i-Religion, enthalten viele Aufrufe zur Glaubensverbreitung:


Pflegt Gemeinschaft mit den Gläubigen aller Religionen und verkündet die Sache eures Herrn, des Allerbarmers.

Doch wie verkündet man diese „Sache“, den Baha'i-Glauben, im interreligiösen Dialog, in dem alle Religionen sich gegenseitig den Raum zur Selbstdarstellung lassen und einander respektieren sollen? Ist das nicht ein Widerspruch in sich?


Die Baha'i-Schriften zeichnen ein sehr klares Bild davon, wie Baha'i sich in ihrem Umfeld verhalten und sich einbringen sollten. An einer Stelle heißt es:


Lasst ihn auch solche Methoden verfolgen, wie die Verbindung mit Klubs, Ausstellungen und Vereinen, Vorträge über Themen, die mit den Lehren und Idealen seiner Sache verwandt sind, z. B. Enthaltsamkeit, Sittlichkeit, soziale Fürsorge, religiöse und [ethnische] Duldsamkeit, wirtschaftliche Zusammenarbeit, ... Vergleichende Religionswissenschaft oder Teilnahme an sozialen, kulturellen, humanitären, fürsorgerischen und erzieherischen Organisationen und Vorhaben ...

Das Haus der Religionen deckt Vieles aus dieser Aufzählung ab. Es ist durch sein Hauptzielpublikum „Schulklassen“ gewissermaßen eine „erzieherische Organisation“. Auch Vorträge über viele der genannten Themen finden dort regelmäßig statt.


In obigem Zitat fällt die ausdrückliche Erwähnung der Beteiligung an Ausstellungen auf. Dass der Baha'i-Glaube so dargestellt werden könnte, ist also keine neue Idee. Wichtig sei dabei, so besagt ein anderes Zitat, dass „man es nicht übertreibt und nicht den Eindruck erweckt, man wolle bekehren“. Außerdem dürften die Baha'i „bei der Darstellung der grundlegenden und herausragenden Strukturen ihres Glaubens … weder provozierend noch gleichgültig, weder fanatisch noch übertrieben liberal sein“ und „bei der Darstellung der Glaubenswahrheiten … die Wahrheit, die sie vertreten, weder überbetonen noch sie verkleinern“. Jede Darstellung des Baha'i-Glaubens muss also hohen Ansprüchen gerecht werden. Sie sollte weder wichtige Punkte verschweigen oder kleinreden noch gegenüber anderen Religionen provozierend wirken.


Aber wie stellt man Informationen zur Verfügung, ohne missionarisch zu wirken? Und welche sollten das sein? Dieser Frage mussten sich alle Beteiligten stellen. Denn auf 2 ½ mal 2 ½ mal 2 ½ Metern lässt sich unmöglich alles unterbringen, was es über den eigenen Glauben zu sagen und zu wissen gibt. Wo also anfangen?


Dazu hat das oberste Leitungsgremium der Internationalen Baha'i-Gemeinde, das Universale Haus der Gerechtigkeit, im Laufe der Zeit immer wieder Überlegungen angestellt. Es hat festgehalten, dass „die Absicht der Verkündigung ist, die Tatsache und das allgemeine Ziel der neuen Offenbarung der ganzen Menschheit zur Kenntnis zu bringen“. Jeder, der sich mit dem Glauben Baha'u'llahs beschäftigt, müsse „einige Grundinformationen über die Zentralgestalten des Glaubens erhalten“. Nicht wesentlich sei es demgegenüber, „die ganze Geschichte und alle Beweise, Gebote und Prinzipien des Glaubens zu kennen“.


Es sollte also darum gehen, Basisinformationen zur Verfügung zu stellen, die einen Eindruck davon vermitteln, was der Baha'i-Glaube dem eigenen Anspruch nach ist, was er erreichen will und wer seine zentralen Persönlichkeiten waren. Damit ließ sich arbeiten.


Von der Grundidee zur fertigen Ausstellung


Nun galt es, die Vorgaben des Hauses der Religionen für die Dauerausstellung mit Leben zu füllen. Die Rahmenbedingungen: Jeder Raum hat dieselbe Fläche. In jedem Raum hängt ein Bildschirm, auf dem Videos von jeweils zwei Menschen laufen, einem Mann und einer Frau, einer jüngeren und einer älteren Person. Wo immer möglich, sollten interaktive Elemente zum Ausprobieren und Mitmachen eingebaut werden.


An die konkreten Inhalte wurden keine Ansprüche formuliert. Jede Gemeinschaft sollte selbst entscheiden, was sie wie darstellen möchte. Als Projektkoordinator hatte ich die Möglichkeit, nicht nur gemeinsam mit der Baha'i-Arbeitsgruppe die Inhalte für unseren eigenen Ausstellungsteil zu planen, sondern auch Einblicke in die Gedankenwelten der anderen beteiligten Religionen zu gewinnen.

Ein Thema stand für uns Baha'i schnell fest: Das Offenbarungsverständnis. Die Baha'i-Schriften vergleichen die Gottesoffenbarer häufig mit Spiegeln, die das Licht Gottes auf die Erde lenken. Diesen Gedanken wollten wir plakativ umsetzen: Ein Lichtstrahl wird von einem Spiegel zum Boden weitergeleitet, wo er auf eine Platte mit einem Schriftzug trifft. Dieser wird erst lesbar, sobald die Platte richtig ausgerichtet ist. So ließen sich in einer Installation sogar gleich zwei Themen unterbringen: Die Stufe der Offenbarer und die Notwendigkeit für die Menschen, sich auf Gott hin auszurichten, um seine Botschaft aufnehmen zu können. Entsprechend lautete der Text auf der Platte auch:


Kein Frieden ist dir beschieden, es sei denn, du entsagst deinem Selbst und wendest dich Mir zu.

Die Gruppe entschied sich, das ‚allgemeine Ziel‘ des Glaubens über die Zwölf Prinzipien zu vermitteln, die in der Sammlung „Ansprachen in Paris“ dargestellt werden. Sie gelten als wesentliche Meilensteine auf dem Weg zur Einheit der Menschheit, sowohl politisch als auch gesellschaftlich. Ob Welthilfssprache, Einheit der Religionen oder Abschaffung von Vorurteilen, all diese Grundsätze würden nach Ansicht der Projektgruppe auch Kindern und Jugendlichen verständlich sein können.


Die Prinzipien einfach nur auf die Wand zu drucken, erschien jedoch zu simpel. So entstand die Idee zu einem „Haus der neuen Welt“. Zwölf Säulen wurden mit den Prinzipien beschriftet und in eine Schublade gelegt, aus der sie entnommen und aufgestellt werden können. An der Wand wurden zusätzlich Klappen befestigt, die das Dach dieses Säulenbaus bilden. Nach dem Aufbau sehen die Betrachtenden auf dem Dach ein Gruppenbild der Delegierten, die das aktuelle Universale Haus der Gerechtigkeit gewählt haben. Mehr als 1000 Menschen aus über 180 Ländern, viele in traditionellen Trachten, stehen damit sinnbildlich für das zentrale Baha'i-Prinzip der „Einheit der Menschheit“.


Das interaktive Angebot bietet Ausstellungsbesucherinnen und -besuchern die Möglichkeit, durch eigenes Tun beim Bau dieses Hauses das nachzuempfinden, was Baha'i überall auf der Welt in ihrem täglichen Handeln aufzubauen versuchen.


Das Thema „Erziehung“ rundet den Baha'i-Ausstellungsbeitrag ab. Es behandelt sowohl die Erziehung der Menschheit durch Gott und seine Offenbarer als auch die Erziehung der Kinder durch ihre Eltern. Das ist gerade im Hinblick auf Schulklassen als Hauptzielgruppe der Ausstellung ein wichtiger Aspekt. Das passende Zitat:


Betrachte den Menschen als ein Bergwerk, reich an Edelsteinen von unschätzbarem Wert. Nur die Erziehung kann bewirken, dass es seine Schätze enthüllt und die Menschheit daraus Nutzen zu ziehen vermag.

Aus der alten Dauerausstellung hatte das Haus der Religionen noch Amethyst-Edelsteine vorrätig, die wir verwenden konnten. Wie sie allerdings am besten zur Geltung gebracht und den größtmöglichen Effekt erzielen könnten, war lange unklar. Schließlich kamen die Designer, die die Ideen der Arbeitsgruppen handwerklich umsetzten, auf eine wunderbare Lösung: Die Steine wurden in einer mit Spionfolie beklebten Vitrine befestigt. Spionfolie wirkt wie ein ganz normaler Spiegel, bis Licht von hinten auf die Scheibe trifft. Dann wird sie durchsichtig. Der Effekt ist also folgender: Solange kein Licht in der Vitrine leuchtet, können die Besucher nur ihr eigenes Spiegelbild sehen. Erst nach dem Einschalten des Lichtes werden die Edelsteine hinter dem eigenen Spiegelbild erkennbar. Der Baha'i-Projektgruppe allein hätte keine bessere Umsetzung einfallen können! Das zeigt in meinen Augen bestens, welch großen Erfolg eine offene Beratung erzielen kann, die alle Ideen gleichberechtigt betrachtet.



Ich denke, das Ergebnis kann sich sehen lassen! Kinder und Jugendliche können spielerisch die Grundprinzipien des Baha'i-Glaubens und die Rolle von Offenbarern Gottes als Verwahrer geistig-spiritueller Schätze kennenlernen. Vielen Menschen wird sich so in den kommenden Jahren ein würdiger neuer Blick auf unsere Religion eröffnen. Ich bin glücklich, dass ich meinen Teil dazu beitragen und den Baha'i-Kubus bei seinem Besuch dem Bundespräsidenten vorstellen durfte.


 

Sören Rekel-Bludau studierte Religionswissenschaft, Archäologie und Theologie in Göttingen und arbeitet derzeit beim Haus der Religionen in Hannover. Er lebt mit seiner vierköpfigen Familie in Hardegsen bei Göttingen.


Fotos von Sören Rekel-Bludau

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