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  • AutorenbildEberhard von Kitzing

Hat die Entwicklung des Lebens ein Ziel?

Warum Evolution und Schöpfung zusammenpassen


Seit meiner Jugend beschäftigt mich die Frage, ob die religiöse Vorstellung eines Schöpfergottes mit unserer naturwissenschaftlichen Vorstellung von der Evolution des Lebens vereinbar sein kann. Um diese Frage genauer zu studieren, habe ich mich mit den Prozessen beschäftigt, die möglicherweise zu ersten Lebensformen geführt haben können.


Das Universum war von Beginn an komplex

Klassische Evolutionstheorie

Was besagt Darwins Theorie über die Evolution des Lebens? Einmal geht er davon aus, dass alle Lebewesen einen gemeinsamen Ursprung haben. Die Entwicklung selbst beruht auf zwei Schritten: der „Variation“ der Nachkommen und deren „Auslese“ durch die Umwelt. Heute geht man davon aus, dass die Variation der Nachkommen in den Merkmalen der Lebewesen manifestieren. Die Auslese bewirkt dann, dass besser an die Umwelt angepasste Lebensformen eine größere Chance haben zu überleben und eigene Nachkommen in die Welt zu setzen.


Vor der Veröffentlichung der Darwin'schen Evolutionstheorie galt die Komplexität der verschiedenen Lebensformen als direkter Beweis für die Existenz eines Schöpfers. Heute halten viele Naturwissenschaftler Schöpfung und Evolution des Lebens für unvereinbar, da der Darwinismus die Notwendigkeit eines Schöpfers aufgehoben zu haben scheint. Ein Hauptvertreter der modernen synthetischen Evolutionstheorie Ernst Mayr erklärte dazu:


Darwins Theorie ermöglichte eine ursächliche Erklärung der anscheinend vollkommenen Ordnung der lebendigen Natur, d.h., der Anpassung der Organismen aneinander und an ihre Umwelt. Zweifellos war die Theorie der natürlichen Auslese das revolutionärste Konzept, das Darwin vorbrachte. Dadurch, dass es eine rein materialistische Erklärung für alle Erscheinungen der lebenden Natur lieferte, habe es »Gott entthront«, so hieß es.
Ernst Mayr, Entwicklung der biologischen Gedankenwelt, 2002, S. 409

Bei einer genaueren Analyse dieses Arguments muss man aber feststellen, dass mit der Evolutionstheorie das Problem der Schöpfung nicht gelöst, sondern lediglich verschoben wurde. Die Frage „Woher kommt ein Universum, dass all diese komplexen Lebensformen ermöglicht?“ bleibt unbeantwortet.


Zweckmäßigkeit und Zielorientierung

Eine besondere Fähigkeit von Lebewesen ist, dass die zweckmäßig handeln und Pläne und Ziele verfolgen können. Wie verträgt sich dieses Phänomen mit der Darwin'schen Evolutionstheorie?


Akzeptiert man die natürliche Auslese als den wichtigsten Evolutionsfaktor, dann ist damit die Idee der Teleologie, der Zweckmäßigkeit in der Natur, verabschiedet... Dies aber bedeutet, dass jede Finalität, jeder Endzweck der Natur ausgeschlossen ist... Unter diesem Gesichtspunkt aber bleibt kein Platz mehr für den Glauben an eine kosmische Teleologie, den Glauben also, dass die Lebewesen einer universellen Zweckmäßigkeit untergeordnet sind.
Wutekis, Franz M., Evolutionstheorien, Darmstadt 1988, S. 50

In diesem Zitat führt der Biologe und Wissenschaftstheoretiker Franz Wutekis die Zweckmäßigkeit der Natur und die Fähigkeit, Ziele zu verfolgen, offenbar auf das Darwin'sche Prinzip der natürlichen Auslese zurück. Da er darüber hinaus annimmt, dass das Universum als solches ohne Plan oder Ziel ist, kommt er zu dem Schluss, dass es in der Natur keinen Plan und Endzweck geben kann.


Stellt man diese These hingegen in Frage und geht davon aus, dass das Weltall durch einen weisen Schöpfer erschaffen wurde, kann man annehmen, dass in unserem Sein Ziele vorgegeben sind. Die Baha'i-Schriften legen das nahe:


O Sohn des Menschen! Ich liebte es, dich zu erschaffen, also erschuf Ich dich. Nun liebe du Mich, damit Ich deinen Namen nenne und deine Seele mit dem Geiste des Lebens erfülle.

Das Zusammenspiel von Planung und Zufall

Wenn unser Universum von Anfang an die Fähigkeiten ermöglicht, zweckmäßig zu handeln oder Ziele zu verfolgen, wie kann dann ein zufallsgesteuerter Prozess wie die Evolution solche Fähigkeiten herausarbeiten?


Anhand einer einfachen Analogie lässt sich das gut illustrieren: Mein Ziel ist es, eine Tasse süßen Tee zu trinken. Ich gieße hierzu heißen Tee in die Tasse und füge einen Löffel Zucker hinzu. Um den Zucker in der Tasse zu verteilen, warte ich darauf, dass durch die zufallsbestimmte Wärmebewegung der Moleküle in der Tasse der Zucker gleichmäßig verteilt wird.


Mit anderen Worten: Unter den richtigen Bedingungen können zufallsgesteuerte Prozesse auch Ziele erfüllen.


Die Unveränderlichkeit der Naturgesetze

Gehen wir davon aus, dass ein Schöpfer den Menschen als sein Ebenbild im Laufe der Zeit „materialisiert“ haben wollte. Dann heißt das, dass dieser Mensch von Anfang an als Möglichkeit im Universum angelegt sein müsste. Abdu'l-Baha, der Sohn des Stifters der Baha'i-Religion, stützt diese Annahme mit einem Hinweis auf die Unveränderlichkeit der Naturgesetze am Beispiel einer Öllampe, indem er auf folgendes hinweist: Heute kann man mit Öllampen Licht erzeugen. Aus archäologischen Funden weiß man, dass solchen Lampen schon vor tausenden Jahren verwendet wurden. Sie sollten unter geeigneten Bedingungen auch noch in 100.000 Jahren brennen. Das gleiche Argument wendet er auch auf den Menschen an:


Da die Vollständigkeit des Menschen ganz von den Bestandteilen, ihren Abmessungen, ihrer Art der Zusammensetzung und der Wechselwirkung mit anderen Wesen herrührt – und da der Mensch vor zehn- oder hunderttausend Jahren aus denselben irdischen Elementen, mit denselben Abmessungen und Mengen, derselben Art der Zusammensetzung und Kombination und denselben Wechselwirkungen mit anderen Wesen hervorgebracht wurde –, folgt daraus, dass der Mensch genau so war, wie er heute existiert. Das ist eine offensichtliche Wahrheit, sie kann nicht bezweifelt werden. Wenn daher in tausend Millionen Jahren die Bestandteile des Menschen zusammengeführt, nach den gleichen Verhältnissen bemessen, in gleicher Weise kombiniert und der gleichen Wechselwirkung mit anderen Wesen unterworfen werden, tritt genau derselbe Mensch ins Dasein.
Abdu'l-Baha, Beantwortete Fragen

Ganz ähnlich argumentiert der Physiker und Philosoph Carl Friedrich von Weizsäcker:


Alle organischen Formen müssen physikalisch möglich sein, um entstehen zu können. Diese Möglichkeit setzt der Darwinismus voraus. ... So war der Brüllaffe potenziell seit dem Anfang der Welt da, denn die Naturgesetze, die schon damals bestanden, ließen seine Existenz zu.
Carl-Friedrich von Weizsäcker, Die Geschichte der Natur, S. 92

Auch in der Kosmologie geht man davon aus, dass sich die Naturgesetze nicht ändern. Heute gilt die Hypothese, dass das Universum vor etwa 13,8 Milliarden Jahren aus einem Urknall entstand. Diese Zahl bekommt man, wenn man den heutigen Kenntnisstand unseres Universums zurückrechnet. Das kann man natürlich nur machen, wenn sich die bei der Berechnung verwendeten grundlegenden Naturgesetze selbst nicht ändern.


Das Universum war von Beginn an komplex

Wir können also davon ausgehen, dass Öllampen, Brüllaffen und Menschen von Anfang an als Möglichkeit bestanden. Demnach war das Universum von Beginn an komplex und alle Möglichkeiten waren von Anfang an vorhanden. In den Baha'i-Schriften findet sich eine Metapher, wonach sich im gesamten Universum die Namen und Eigenschaften Gottes widerspiegeln:


Nein fürwahr, alles in den Himmeln und auf Erden ist ein unmittelbarer Beweis dafür, dass sich darin Gottes Attribute und Namen offenbaren, da jedes Atom die Zeichen verwahrt, welche für die Offenbarung des größten Lichtes beredtes Zeugnis ablegen. Mich dünkt, ohne die Wirkkraft dieser Offenbarung könnte kein Wesen je bestehen. Wie hell strahlen die Sonnen der Erkenntnis in einem Atom, wie weit hin wogen die Meere der Weisheit in einem Tropfen! In höchstem Grade gilt dies für den Menschen, der von allem Erschaffenen mit dem Gewande solcher Gaben bekleidet und für die Herrlichkeit einer solchen Auszeichnung auserkoren wurde!

Alles Seiende ist in diesem Bild durch die Widerspiegelung der Namen und Attribute des Schöpfers bestimmt. Sie sind die elementaren Bausteine dieses Universums. Nach dieser Vorstellung besteht die vollständige Komplexität des Universums von Anfang an. Sie realisiert sich aber erst im Laufe der Zeit in Form sichtbarer Strukturen.


Dass die evolutionäre Entwicklung scheinbar völlig zufällig verläuft, schließt nicht aus, dass das Leben einem kreativen Plan eines Schöpfers folgt. Für mich entfaltet die biologische Evolution die Pläne und Ziele unseres Schöpfers.


 

Eberhard von Kitzing studierte Physik in Hannover und Göttingen. Er promovierte über ein Thema der Evolution, in dem es um der Übergang von unbelebter Materie zu ersten einfachsten Lebensformen geht. Nach Forschungsarbeiten in Göttingen und Heidelberg und wechselte er in die Softwareindustrie. Er ist verheiratet, hat 6 Kinder und wohnt seit Langem in Heidelberg, Baden-Württemberg.



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