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  • AutorenbildThomas von Lutterotti

Die Zweiheit und die Einheit

Gedanken über den mystischen Weg zur Gotteserkenntnis


Wie sprechen wir vom Unaussprechlichen? Was sagen wir über das Unsagbare? Wie können Worte und Sprache helfen, unsere Gedanken zum Übergedanklichen mitteilsam zu machen?


Die Sehnsucht nach dem Göttlichen ist zeitlos

Die Sehnsucht nach dem Göttlichen ist zeitlos, sie hat keinen Anfang und kein Ende. Wir werden „Gott“ in diesem Leben nie erkennen, wir können aber unser Leben mit der unablässigen Suche nach dieser Erkenntnis er-füllen.

Ich bezeuge, oh mein Gott, dass Du mich erschaffen hast, Dich zu erkennen und anzubeten …
Baha'u'llah, in: Baha'i-Gebete

heißt es im kurzen Tagesgebet der Baha'i: eine Ermutigung, ein Auftrag, ein Anspruch, ein Programm und eine richtungsweisende Zielsetzung für alles, was uns geistig als Individuen und in der Gemeinschaft bewegt. Das Ziel – die Gotteserkenntnis – erreich en wir möglicherweise nicht, oder erst dann, wenn unser irdisches in ein göttliches Leben übergeht. So beschreibt das die Mystik der islamischen Sufi, mehr noch, dieser Übergang ist unser Entwerden und unser Einswerden mit der Gottheit.


In der westlichen Gedanken- und Sprachtradition wollen wir uns immer ein Vorher und Nachher vorstellen, eine Ursache und die darauffolgende Wirkung. In den jüdisch-christlichen Schriften wird von der Schöpfung und dem Schöpfer gesprochen, man könnte auch sagen, vom Sein und dessen Urgrund. Vor allem seit dem französischen Denker Descartes ist in der abendländischen Philosophie viel die Rede von einem grundsätzlichen Dualismus, einem Gegensatz oder einer Zweiheit zwischen zwei Polen, der geistig-seelischen und der physisch-materiellen Substanz. Es schien in der Folge leichter, die erfahrbare Wirklichkeit, also das, was wir im Alltag erleben, mit einer solchen plastischen Zweiheit zu erklären. Im persönlichen Gebet wenden wir uns seit jeher mit einem vertrauensvollen „Du“ an den schöpferischen Urgrund, den Schöpfer.


Die Mystik will uns zeigen, dass wir die Wirklichkeit auch anders denken können, nämlich als eine mystische Teilhabe, eine vereinheitlichende Verbundenheit aller irdischen mit dem einen göttlichen Wesen. Myein bedeutet im Griechischen die Augen schließen, mystikos ist das Geheimnisvolle auf dem Weg zur Erkenntnis. Hier sind sinnlich-materielle Eindrücke weniger wichtig als ganzheitliche, übermaterielle Erlebnismomente.


In jeder Kulturepoche, überall auf unserer grenzenlosen kleinen Welt, gab es Mystiker auf diesem Weg, ob im christlichen Abendland oder der hinduistischen Gedankenwelt, ob in der islamischen Sufi- oder der ostasiatischen Buddha-Tradition. Die indische Vedanta-Denkschule kreist um den Begriff der Advaita, wörtlich der Nicht-Zweiheit, wonach die höchste Erkenntnis nur sein kann, dass es keine Zweiheit gibt, sondern nur eine Realität. Meister Eckehart, der bedeutende Mystiker im christlichen Mittelalter, formuliert das Einssein im Schlussvers seines Gedichtes „Das Senfkorn“ folgendermaßen:

Fliehe ich von dir, so kommst du zu mir. Verliere ich mich, so finde ich dich, o überwesenhaftes Gut!
Meister Eckehart (Übersetzung: Kurt Ruh)

Für ihn sei der „Seelengrund“ nicht wie alles Geschöpfliche von Gott erschaffen, sondern göttlich und ungeschaffen. Im Seelengrund sei die Gottheit stets unmittelbar anwesend. Solche Aussagen haben ihm einen Inquisitionsprozess eingebracht, und nur sein natürlicher Tod hat ihn vor einem unnatürlichen Hinrichtungstod bewahrt.


Etwa 1000 Jahre vor Meister Eckehart hat sich Plotin, der in Alexandria und Kampanien wirkte, mit dem Gedanken der Einheit beschäftigt. Ausgehend von der transzendenten und eigentlich göttlichen Ideenwelt Platons nennt er als Grundprinzip der gesamten Wirklichkeit das „Eine“. Sein Streben war die Annäherung an dieses „Eine“ bis hin zur Erfahrung der Vereinigung mit ihm.


Baha'u'llah, der Stifter der Baha'i-Religion, hat sich vor allem in der Frühzeit seines Wirkens intensiv mit Mystik beschäftigt. Er hat gezielt die Einkehr in die Welt der Sufis im kurdischen Bergland gesucht in einer Zeit, da er die Berufung zum Gottesboten immer stärker empfand und noch bevor er seine Mission öffentlich bekanntgab. Diese bemerkenswerte Erfahrung sollte prägend sein für viele seiner Texte, mit denen er die Grundlage für die Baha'i-Mystik gelegt hat.

… Erhebe dich zu Meinem Himmel, dass dir die Freude der Wiedervereinigung widerfahre, und trinke den unvergleichlichen Wein aus dem Kelche immerwährender Herrlichkeit.

Bildhafte Sprache in enger Verbindung mit spirituellen Begriffen, wie in diesem Verborgenen Wort ist kennzeichnend für den mystischen Ausdruck. Das Begreifliche will uns das Unbegreifliche näherbringen. Die Vernunft wird uns auf unserer Suche nach Erkenntnis jedenfalls keine letzte Hilfe sein können. Für sie gibt es keinen physischen „Himmel“, zu dem man sich erheben könnte, noch kann sie je eine „immerwährende Herrlichkeit“ begrifflich erklären. Trauen wir uns also, einen un-vernünftigen Weg zu gehen, so wie ihn uns die Mystik zeigt. Trauen wir uns in eine unrealistisch-fantasievolle Gedankenwelt, wo Worte als bare Werkzeuge der Sprache uns über Bilder und Metaphern ungeahnte Bedeutungsfelder öffnen. Dann werden auch Vorstellungen wie die „Wiedervereinigung mit Gott“ leichter erfahrbar.


Bei meiner Beschäftigung mit dem umfangreichen Baha'i-Schrifttum begegneten mir recht bald auch „Die Sieben Täler“, einer der wichtigsten mystischen Texte Baha'u'llahs. Dieses Buch ist während seiner oben genannten Abgeschiedenheit entstanden. Für mich waren die Bezüge zur Ideenwelt der Sufis darin ein Anlass, mich näher mit dieser islamischen Mystikerschule zu befassen.


Das Bild der Lebenswanderung durch sieben Täler der Charakterbildung hin zum Ziel allen Seins, der Begegnung mit dem Göttlichen, ist ein zentraler Inhalt der sufischen Gedankenwelt. Der bedeutende persische Lyriker und islamische Mystiker Fariduddin Attar aus dem 12. Jh. unserer Zeitrechnung hat es meisterlich geschildert in seiner großen Dichtung „Die Konferenz der Vögel“, die bis heute im iranischen Kulturkreis den Rang eines Nationalepos genießt. Gespickt mit zahlreichen Metaphern und Parabeln wird in der Rahmenerzählung die beschwerliche Reise aller Vögel geschildert, die es zum Erreichen der letzten Erkenntnis auf sich zu nehmen lohnt.

Der Weg zum metaphorischen Gottesvogel Simurgh führt durch das Tal des Suchens mit den hundert Schwierigkeiten, durch das Tal der Liebe voller Feuer, durch das Tal der Gotteserkenntnis ohne Anfang und Ende, durch das Tal der Unbedürftigkeit und Loslösung ohne Anspruch und Bedeutung, durch das einsame Tal der Einheit, durch das schmerz- und leidvolle Tal des Erstaunens und der Verwirrung und schließlich durch das fast unbeschreibbare Tal der Armut und Vergänglichkeit. Am Ende kommen von den tausend aufgebrochenen nur ganze dreißig Vögel bis ans Ziel und erleben folgendes:

Die Sonne der Majestät sandte ihre Strahlen aus, und ihre Seelen erglänzten, und im Widerschein ihrer Gesichter erschauten diese dreißig Vögel (si-murgh) der äußeren, sichtbaren Welt den Simurgh der inneren, unsichtbaren Welt. Das stürzte sie so in Erstaunen, dass sie nicht mehr wussten, ob sie noch sie selbst waren oder ob sie zum Simurgh geworden waren. Schließlich erkannten sie in einem Zustand der Betrachtung und Versenkung, dass sie der Simurgh waren, und dass der Simurgh die dreißig Vögel war. Wenn sie den Simurgh betrachteten, sahen sie, dass sie wirklich den Simurgh vor sich hatten; und wenn sie ihre Blicke auf sich selbst richteten, erkannten sie, dass sie selbst der Simurgh waren. Und als sie beide gleichzeitig wahrnahmen, sich und Ihn, wurde ihnen gewiss, dass sie und der Simurgh ein und dasselbe Wesen bildeten. Niemand auf der ganzen Welt hat jemals von einem Wunder gehört, das diesem gleichkäme.
Nach Fariduddin Attar: Auszug aus „Die Konferenz der Vögel“ in der Version von Marion Zerbst, Ansata Verlag, München 2001

Die Zweiheit löst sich auf, denn nach diesem Bild ist in der sufischen Vorstellung die Gottheit in uns, und wir sind die Gottheit. Kleingeistig kann das als Gotteslästerung interpretiert werden, im freien Geiste könnte man darin aber die endgültige Auflösung aller scheinbar unbeantwortbaren Lebensfragen sehen.


In „Die Sieben Täler“ greift Baha'u'llah zwar das Bild der mystischen Wanderung aus dem Werk Attars auf, offenbart jedoch einen völlig neuen Text, der sich deutlich von dem des Dichters abhebt und ganz neue Inhalte und auch zahlreiche Koranzitate bringt. Darüber hinaus gibt er dem siebten Tal den prägnanten Namen: „Das Tal der wahren Armut und des völligen Vergehens“. Am Ende des Werkes schildert er schließlich die Entschädigung der notwendigen Mühen auf dem Lebensweg. Er spricht dabei nicht von einer letzten mystischen Vereinigung mit dem Schöpfergott, wie die Sufis, denn nach einem einprägsamen Bild aus seinen Lehren kann der Mensch sich allenfalls den Spiegeln des Lichtes, also den Offenbarern nähern, nie aber dem Gotteslicht selbst. So beschreibt er als letztes Ziel eine Entwerdung, ein Nicht-mehr-sein-müssen, sobald wir diese Stufe der Gottesnähe erreicht haben. Was für ein wunderbar entlastender Gedanke!

Dies ist die Stufe, auf der das Ich stirbt und in Gott lebt, arm in sich selbst und reich durch den Ersehnten. Wenn wir auf dieser Stufe von Armut sprechen, so ist damit die Armut von allem gemeint, was in der erschaffenen Welt ist, und Reichtum durch alles, was in der Welt Gottes ist. … Wer diese Stufe erreicht hat, ist über alles, was von der Welt ist, geheiligt. Wenn darum die, die zu diesem Meer Seiner Gegenwart hingefunden, nichts mehr von den vergänglichen Dingen in der sterblichen Welt besitzen, sei es äußeres Gut oder eigene Meinung, so ist darin kein Harm, denn was immer die Geschöpfe besitzen, ist begrenzt durch ihre eigene Begrenzung, doch was Gottes ist, ist darüber geheiligt. … Dies ist eine Stufe, auf der im Wanderer die Kennzeichen aller Dinge vergehen und sich das Angesicht Gottes am Morgen der Ewigkeit aus dem Dunkel heraushebt und die Bedeutung des »alles auf Erden ist vergänglich außer Seinem Angesicht« offenbar wird. … Wenn du einmal diese höchste Stufe erreicht hast und zu dieser mächtigen Ebene gelangt bist, wirst du auf den Geliebten schauen und alles andere vergessen. … So hast du nun den Tropfen des Lebens geopfert und dafür das Meer Dessen, Der das Leben spendet, gewonnen. Das ist das Ziel, nach dem du gefragt hast. So Gott will, wirst du es erreichen.
Baha'u'llah, Die Sieben Täler

Kürzer und einprägsamer drückt er den gleichen Gedanken in einem Verborgenen Wort aus:

… Wenn du Mich liebst, wende dich ab von dir, und wenn du Mein Wohlgefallen suchst, achte nicht auf deines, damit du in Mir vergehest und Ich ewig lebe in dir.

Gott ist mit seinem Licht nicht in einem fernen Himmel, sondern ganz in uns, im Leben und im Tod – das sagt uns die Mystik.


 

Thomas von Lutterotti ist als Naturwissenschaftler seit jeher an philosophischen und theologischen Fragestellungen interessiert. Bei allen behandelten Themen ist ihm der transreligiöse Kontext immer ein großes Anliegen, weil vor allem daraus ein wechselseitiges Verständnis und die Orientierung aller auf die eine und einzige Gottheit erwachsen kann. Thomas hat Familie und lebt in Berlin und Dubai.



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