Die Entweder/Oder-Falle
- Michael Merkel

- 6. Juni
- 6 Min. Lesezeit
Warum es heute um das Ganze geht
„Wenn ich diese Puppe nicht bekomme, dann will ich gar nichts von dir zum Geburtstag haben!“ Trotzig steht ein sechsjähriges Mädchen im Spielwarenladen und stellt seine Mutter vor eine klare Wahl: alles oder nichts. In ihrer Enttäuschung sieht sie nur zwei Möglichkeiten – die Wunschpuppe oder gar kein Geschenk. Was kindlich wirkt, begegnet uns erstaunlich oft auch in der Welt der Erwachsenen.

Viele politische und gesellschaftliche Diskussionen sind heute von einem ausgeprägten Schwarz-Weiß-Denken geprägt. Die Folge: Streit, Verhärtung, Entfremdung. Dieses Denken hat durchaus seinen Reiz und ist tief in unserer Kultur verankert. Es bietet einfache Antworten auf komplexe Fragen und vermittelt ein Gefühl von Klarheit und Sicherheit.
Doch ist eine solche binäre Sichtweise in einer vernetzten und hochkomplexen Welt überhaupt noch angemessen?
Die Entweder/Oder-Falle
Der große Vorteil einer Entweder/Oder-Denkweise liegt in ihrer Schnelligkeit. Ohne sie hätte der Mensch vermutlich nicht überlebt. Standen unsere Vorfahren einem wilden Tier gegenüber, galt es schnell zu entscheiden: fliehen oder kämpfen. In der modernen Welt jedoch, die durch Komplexität und ständige Veränderung gekennzeichnet ist, wird die Begrenztheit dieser Denkweise zunehmend offensichtlich.
Betrachten wir zum Beispiel die bekannten Dirty Harry Filme. Clint Eastwood spielte darin den zynischen Polizisten Harry Callahan, der angesichts übler Verbrechen und eines problematischen amerikanischen Strafprozessrechts seine kompromisslose und oft brutale Herangehensweise bei der Verbrecherjagd als gerechtfertigt betrachtet. Ist Harry Callahan nun ein guter oder ein schlechter Mensch? Eine klare Entweder/Oder-Antwort fällt hier schwer.
Auch beim Handeln werden die Gefahren einer einschränkenden Entweder/Oder-Sicht heutzutage immer offensichtlicher. Nehmen wir als Beispiel die Debatte um den Klimawandel. Oft wird hier die Wahl zwischen wirtschaftlichem Wachstum und Umweltschutz suggeriert, als ob diese beiden Ziele unvereinbar wären. Gleiches gilt für Wissenschaft und Religion, Freiheit und Ordnung sowie vieles mehr.
Die Verabsolutierung vermeintlicher Gegensätze steht nicht nur einem realistischen Weltbild entgegen, sondern blockiert auch den Fortschritt, indem sie innovative Lösungen, die unterschiedliche Aspekte berücksichtigen könnten, verhindert. Eine undifferenzierte Denkweise, die uns suggeriert zwischen beschränkten Optionen wählen zu müssen, ist nicht mehr zeitgemäß. Nötig ist ein Umdenken, das den Blick für das Ganze schärft und integrative Lösungen ermöglicht.
Zeichen der Reife: Einheit und Gerechtigkeit
Auch die jüngste Weltreligion, die Baha'i-Religion, lehrt, dass für den Übergang der Menschheit von dem aktuellen Chaos in ein Zeitalter der Reife und des globalen Friedens, ein ganzheitlicher Blick unerlässlich ist. Die philosophische Grundlage hierfür ist, dass in unserem Universum alle Dinge miteinander verknüpft sind und die Einwirkung auf einen Teil damit immer auch Auswirkungen auf das Ganze hat:
So wie die Teile, Glieder und Organe des menschlichen Körpers miteinander verbunden sind und sich gegenseitig unterstützen, verstärken und beeinflussen, so sind auch die Teile und Glieder dieses endlosen Universums miteinander verbunden und beeinflussen sich gegenseitig geistig und stofflich..
Abdu'l-Baha, Beantwortete Fragen
Wenn wir daher die Unterschiedlichkeit und Vielfalt in der Welt genau betrachten, dann werden wir diese immer als Teilaspekte eines höheren Ganzen erkennen können. Wenn uns das gelingt, dann lösen sich auch vermeintliche Gegensätze ganz natürlich auf.
So, wie viele Bäume zuweilen den Blick auf den Wald verstellen, so ist es nicht immer einfach, die Einheit hinter all der Vielfalt zu entdecken. In den Baha'i-Schriften spielt hier auch die Gerechtigkeit eine wichtige Rolle im Blick auf die Welt. Zu deren Rolle bei der Suche nach Erkenntnis lesen wir:
Von allem das Meistgeliebte ist Mir die Gerechtigkeit. Wende dich nicht ab von ihr… Mit ihrer Hilfe sollst du mit eigenen Augen sehen, nicht mit denen anderer, und durch eigene Erkenntnis Wissen erlangen, nicht durch die deines Nächsten.
Baha'u'llah, Die verborgenen Worte
In Bezug auf die vielen globalen und regionalen Krisen, welche die gesamte Menschheit aktuell plagen, ist zweifelsohne die Einheit der Menschheit die wichtigste Einheit, die es zu erkennen gilt:
Die Wohlfahrt der Menschheit, ihr Friede und ihre Sicherheit sind unerreichbar, ehe nicht ihre Einheit fest begründet ist.
Baha'u'llah, Ährenlese
Das Erkennen dieser Einheit ist der erste wichtige Schritt. Wir müssen aber auch entsprechend handeln, um diese Einheit fest zu „begründen“. Auch beim Handeln kann Gerechtigkeit als wichtige Schlüsseltugend angesehen werden. In Bezug auf das große gesellschaftliche Ziel, die Einheit der Menschheit zu errichten, beschreiben die Baha'i-Schriften unseren persönlichen Beitrag so:
Ich hoffe, dass jeder von euch gerecht werden wird und seine Gedanken auf die Einheit der Menschheit richtet, dass ihr eurem Nächsten nie schadet, noch von irgendjemandem schlecht sprecht, dass ihr die Rechte aller Menschen achtet und euch mehr den Belangen anderer als euren eigenen widmet. So werdet ihr zu Fackeln der göttlichen Gerechtigkeit werden.
Abdu'l-Baha, Ansprachen in Paris
Sowohl/Als-auch: das Prinzip des rechten Maßes
Wollen wir heute zur Vision eines neuen Zeitalters der Reife und des Friedens beitragen, so geht damit das Stiften von Einheit und Gerechtigkeit Hand in Hand. Konkret geht es darum, immer das große Ganze mit eigenen Augen zu sehen und dieses zu fördern, indem die jeweiligen Teile ihren angemessenen Platz bekommen.
Welche Einflussfaktoren im Hinblick auf das (nächsthöhere) Ganze relevant und entsprechend zu fördern sind, ist allerdings kontextabhängig. Daher ist jedes Thema situationsgerecht zu betrachten, um das jeweils rechte Maß zu finden. Interessant ist dabei die Einsicht, dass sogar grundsätzlich positive Dinge sich ins Negative wenden, wenn sie übertrieben werden. Die Baha'i-Schriften lehren uns daher „Mäßigung“ in allen Dingen und erklären:
Was die Grenzen der Mäßigung überschreitet, hört auf, wohltätigen Einfluß auszuüben.
Baha'u'llah, Ährenlese
Für die Praxis ist es daher nicht nur wichtig, die in der jeweiligen Situation relevanten Einflussfaktoren zu erkennen, sondern diese auch im Sinne des rechten Maßes zu gewichten.
Ein Beispiel: In der Kindererziehung besteht eine wichtige Aufgabe von Eltern darin, dem Kind zu helfen, gute Charaktereigenschaften zu entwickeln. Hierfür benötigt ein Kind sowohl Führung in Form von Regeln (Ordnung) als auch Räume, in denen es sich autonom erleben und ausprobieren kann (Freiheit). Bei sehr kleinen Kindern besteht der ordnende Eingriff z.B. darin, dass diese den Spielbereich nicht unbemerkt verlassen können und keinen Zugriff auf ungeeignete Werkzeuge (z.B. scharfe Messer) haben. Die Kunst der Erziehung besteht darin, immer wieder für die rechte Balance zwischen Freiheit und Ordnung zu sorgen.
Was am Beispiel für Freiheit und Ordnung illustriert wurde, gilt für alle Arten von „Werten“. Vertrauen und Skepsis, Humor und Ernsthaftigkeit, Theorie und Praxis, Wissenschaft und Religion, usw. – immer ist situationsbedingt das rechte Maß innerhalb des nötigen Sowohl/Als-auch zu finden.
Ein praktisches Werkzeug: Denken in Wertequadraten
Es gibt ein hervorragendes Werkzeug, welches wir bei unserer immerwährenden Suche nach dem rechten Maß nutzen können. Die Rede ist von sogenannten „Wertequadraten“. Ursprünglich in den 1920er Jahren entstanden, wurde dieses methodische Konstrukt vom deutschen Kommunikationswissenschaftler Friedemann Schulz von Thun (*1944) wiederentdeckt, erweitert und einer breiten Öffentlichkeit bekannt gemacht.
(Friedemann Schulz von Thun, Miteinander reden: Kommunikationspsychologie für Führungskräfte; Rowohlt Verlag, Hamburg, 2. Auflage 2001, S.52ff.)
In der folgenden Abbildung ist das Konzept am Bespiel Freiheit und Ordnung illustriert:

Die Vorzüge von Freiheit sind klar: Wahlmöglichkeit, Entwicklung, Gestaltung, etc. (oben links). Übertrieben wird Freiheit jedoch zu Chaos führen (unten links). Die Lösung besteht nun nicht darin, Entwicklung oder Gestaltung zu reduzieren. Es gilt vielmehr, die Freiheit über ihren Geschwisterwert – die Ordnung (oben rechts) – entsprechend zu mäßigen. Umgekehrt gilt dasselbe: Ordnung, die z.B. Orientierung und Sicherheit bietet, führt, wenn sie übertrieben wird, zu Starre, welche sich in Engstirnigkeit, Lähmung, o.ä. äußert (unten rechts). Die Mäßigung wiederum erfolgt über das Zugestehen der nötigen Freiheiten. Freiheit und Ordnung bilden damit Geschwister-Werte, die je nach Situation in einer dynamischen Balance stehen müssen.
Vor diesem Hintergrund wird auch eine zentrale Baha'i-Lehre verständlich:
Wahre Freiheit besteht in der Unterwerfung des Menschen unter Meine Gebote, so wenig ihr dies auch versteht. Würden die Menschen befolgen, was Wir aus dem Himmel der Offenbarung auf sie herabsandten, so würden sie sicherlich vollkommene Freiheit erlangen.
Baha'u'llah, Ährenlese
Die Wohltaten menschlicher Freiheit werden sich daher erst dann vollumfänglich zeigen, wenn sie in eine universelle, ethisch und religiös-spirituell basierte Ordnung eingebettet wird. Dass dies aktuell noch nicht erfüllt ist, sehen wir tagtäglich am Chaos in der Welt.
Fazit
Auch wenn eine Entweder/Oder-Mentalität heute noch weit verbreitet ist, so zeigt sich immer deutlicher, dass sie in vielen Fällen nicht angemessen ist. Wenn wir ehrlich sind, geht es heute fast immer um ein Sowohl/Als-auch. Das Denken in dynamischen Balancen anstelle statischer Entweder/Oder-Kategorien ermöglicht eine differenziertere, reifere Haltung zu den Herausforderungen dieser Zeit. In der Praxis besteht die Kunst darin, situationsabhängig zu erkennen, wie verschiedene Teilaspekte auf das Ganze wirken und gegeneinander zu gewichten sind. Eine praktische Hilfe beim Finden des rechten Maßes bietet die Methode der Wertequadrate. Sie verdeutlichen uns unter anderem, wann „Werte“ ihren förderlichen Einfluss verlieren und durch geeignete »Geschwister-Werte« zu mäßigen sind.
Michael Merkel, Jahrgang 1969, studierte Physik in München und arbeitet seit über 20 Jahren in einem großen Versicherungskonzern. Er ist verheiratet, hat zwei erwachsene Kinder sowie drei Enkelkinder. Verschiedene Erkenntnisse zum Themenkomplex Wissenschaft und Glaube hat er in seinem Buch zusammengefasst: Eckpfeiler einer reifen Weltsicht – eine Einführung in das Prinzip der Einheit von Wissenschaft und Glauben, Verlag tredition, Hamburg, 2. Auflage 2024.
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