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Von der Einsamkeit zur Gemeinschaftsbildung

  • Autorenbild: Markus Mediger
    Markus Mediger
  • 3. Apr.
  • 7 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 19. Apr.

Warum wir einander mehr brauchen, als wir denken


Wir leben in einer Zeit, die paradoxer nicht sein könnte. Wir sind digital vernetzt wie nie zuvor, können mit einem Klick Menschen am anderen Ende der Welt sehen und theoretisch rund um die Uhr kommunizieren. Und doch zieht sich ein Phänomen wie ein grauer Nebel durch unsere moderne Gesellschaft: die Einsamkeit.


Einsamkeit - die neue Epidemie

Sie wird oft als die „neue Epidemie“ bezeichnet. Es gibt sogar schon bundesweite Studien dazu – vom „Einsamkeitsreport“ einer großen deutschen Krankenkasse bis hin zum „Einsamkeitsbarometer“ des Bundesministeriums für Familie. Aber was genau ist Einsamkeit eigentlich? Ist sie bloß die Abwesenheit von Menschen? Wenn wir genauer hinschauen, stellen wir fest, dass Einsamkeit viele Gesichter hat – und dass die Lösung dafür weit über das bloße „Zusammensein“ hinausgeht.


Vier Gesichter der Einsamkeit    

Normalerweise verstehen wir unter Einsamkeit den Zustand eines Menschen, der physisch allein ist. Keine Familie, keine Freunde, niemand im Haus. Doch jeder, der schon einmal auf einer überfüllten Party stand und sich völlig fremd gefühlt hat, weiß: Es gibt eine Einsamkeit, die tiefer geht.


1. Die mentale Einsamkeit in der Menge

Man ist in üppiger Gesellschaft, umgeben von lachenden Menschen, und doch findet man niemanden auf der gleichen Wellenlänge. Es gibt keinen echten Austausch über das, was einen im Inneren bewegt. Man spricht über das Wetter, den Job oder den letzten Urlaub, aber die Seele bleibt unberührt .  Das ist eine Art mentale Isolation inmitten des Trubels.


2. Die Einsamkeit in der Zweisamkeit

Vielleicht noch schmerzhafter ist die Einsamkeit innerhalb einer engen Beziehung. Man teilt den Tisch, das Bett und den Alltag, aber man spricht nicht mehr über die wichtigen Dinge, die einen berühren. Man verbringt zwar viel Zeit miteinander, aber die Herzen haben aufgehört, miteinander zu kommunizieren. Man fühlt sich allein, gerade weil der andere da ist, aber nicht wirklich erreichbar scheint.


3. Die existentielle Einsamkeit

Das ist das Gefühl, keinen Platz in der Welt zu haben, keinen Beitrag leisten zu können, nicht gesehen zu werden oder gar ausgegrenzt zu sein. Gerade Menschen mit Migrationshintergrund, die sich in einer anderen Kultur in einer ihnen fremden Sprache verständigen müssen, sind hiervon oft betroffen.


4.Die Einsamkeit im Alter

Mit zunehmendem Alter tauchen mit der Zeit unvermeidliche Veränderungen auf: Eingeschränkte Mobilität und Selbständigkeit, der Tod eng vertrauter Freunde und die physische Distanz zur eigenen Familie, deren Angehörige in der heutigen mobilen Gesellschaft meist dort leben, wo sie Arbeit finden. All diese Faktoren können zu einem verstärkten Gefühl der Isolation und Einsamkeit führen. Mehr Gedanken hierzu im Absatz weiter unten.


Wenn man sich also sowohl allein als auch in Gemeinschaft einsam fühlen kann, drängt sich eine Frage auf: Was ist die eigentliche Hauptursache von Einsamkeit?


Eine radikale Perspektive: Abdu'l-Baha – In Verbindung zum ursprünglichen Sinn unseres Daseins 

Um die Ursache für Einsamkeit etwas besser zu verstehen, hilft uns ein Blick auf eine außergewöhnliche historische Figur: Abdu'l-Baha. Er verbrachte Jahrzehnte seines Lebens in Gefangenschaft und Verbannung, oft unter grausamen Bedingungen wie in der Gefängnisstadt Akka.  In bestimmten Phasen seines Lebens war er isoliert, in seinem Bewegungsradius völlig eingeschränkt und von der Welt abgeschnitten. Doch er hinterließ uns eine faszinierende Erkenntnis: Abdu'l-Baha fühlte sich niemals wirklich einsam! In seinen Schriften und Berichten wird deutlich, dass sein innerer Zustand völlig unabhängig von seinen äußeren Umständen war:


O ihr meine geistigen Freunde! Lange Zeit war die Drangsal sehr hart, waren die Beschränkungen wie eherne Ketten. Dieser Unglückliche, dem Unrecht geschieht, war einsam und verlassen, denn alle Wege waren versperrt. Den Freunden wurde der Zutritt zu mir verboten, die Vertrauten waren ausgeschlossen; der Feind umzingelte mich, die Wachposten des Bösen waren wild und aufsässig. Jeder Augenblick brachte neuen Kummer, jeder Atemzug neue Qual. Verwandte wie Fremde griffen mich an. Die einst mich liebten, waren nunmehr treulos und ohne Erbarmen; schlimmer als Feinde erhoben sie sich, mich zu peinigen. Keiner war da, Abdu'l-Baha zu verteidigen, kein Helfer, kein Beschützer, kein Verbündeter, kein Mitstreiter. Ich ertrank in einem uferlosen Meer, und immerzu dröhnte das Gekrächze der Treulosen in meinen Ohren.(...) Das Leid prasselte auf diesen Gefangenen hernieder wie der heftige Frühlingsregen, und die Siege der Böswilligen ergossen sich zu einer erbarmungslosen Flut. Doch Abdu'l-Baha blieb glücklich und gelassen. Er verließ sich auf die Gnade des Allbarmherzigen. Diese Qual, dieser Schmerz war ein Paradies mit all seinen Freuden; diese Ketten waren das Geschmeide eines Königs auf himmlischem Thron. Zufrieden mit Gottes Willen und Ihm ganz ergeben nahm mein Herz alles hin, was das Schicksal brachte, und ich war glücklich. Unbändige Freude war mein Zechkumpan.

Abdu'l-Baha war innerlich mit einer größeren Vision verbunden – mit der Liebe zu Gott und dem Dienst an der Menschheit. Seine „Gesellschaft“ war nicht nur die physische Anwesenheit von Menschen, sondern die tiefe Verbundenheit.  Dienst an seinen Mitmenschen machte er sich zur Lebensaufgabe, auch unter widrigsten Umständen. Das Beispiel Abdu'l-Bahas zeigt uns: Einsamkeit ist oft das Resultat einer Unterbrechung der Verbindung – nicht nur zu anderen Menschen, sondern zum ursprünglichen, tieferen Sinn unseres Daseins.


Wenn Sinn und Verbundenheit in unserem Leben fehlen

Erfahrungsgemäß ist der bloße Austausch mit Worten  auf  „Smalltalk-Niveau“  kein dauerhafter Schutz gegen Einsamkeit. Der wahre Schlüssel liegt in der Beteiligung an einer sinnstiftenden Tätigkeit.


Wir fühlen uns dann am wenigsten einsam, wenn wir etwas voranbringen, wenn wir Teil von etwas sind, das größer ist als wir selbst, und wenn wir anderen helfen können. Wenn wir uns als nützlich und wirksam erleben, entsteht eine natürliche Bindung zu unseren Mitmenschen.


Innerhalb der weltweiten Baha'i-Gemeinde wird dieses Prinzip derzeit in einem großangelegten Entwicklungsprozess erprobt (hierzu ein Beispiel aus Neubrandenburg). Hier werden durch gemeinsame Anstrengungen Kräfte frei, die auf die eigene Gesellschaft einwirken.

  

Ausgeliefert sein oder Handeln? 

Es geht darum, dass jeder und jede Einzelne von uns – ganz unabhängig von Alter, Herkunft oder Talenten – selbst zu zentralen Akteuren werden. Wir sind nicht länger passive Zuschauer in einer Gesellschaft, die uns sagt, wir seien „zu jung“, „zu alt“ oder „nicht qualifiziert genug“. Stattdessen finden wir uns in einem Prozess wieder, in dem Gemeinschaften entstehen und wachsen. 


Eine besondere Erwähnung verdient hierbei die Rolle der älteren Generation. Tatsächlich werden gerade in unserer westlichen Gesellschaft ältere Menschen oft an den Rand gedrängt. Viele führen dadurch ein zunehmend isoliertes Leben. 

Die Baha’i International Community (BIC) hat hierzu in einem Statement zur europäischen Strategie für ältere Menschen eine wichtige Perspektive eingebracht: Ältere Menschen haben eine unersetzliche Rolle im Gemeinschaftsleben.


In einer funktionierenden Gemeinschaft ist das Alter kein Grund für Rückzug. Vielmehr bietet die Zeit jenseits von Berufstätigkeit und Kindererziehung die Chance, sich besonders für die Gemeinschaft zu engagieren. In einer neuen „sozialen Architektur“ würden dabei andere Schwerpunkte gelten. Hierzu eine kleine Gegenüberstellung:


Verbreitetes Modell

in unserem Kulturkreis

Modell

der Gemeinschaftsbildung

Fokus auf Individualismus und Selbstbezug

Fokus auf gegenseitige Unterstützung und Dienst

Alter als Phase des Ruhestands / der Passivität

Alter als Phase der Weisheit und Begleitung der Jüngeren

Junge und Alte leben in getrennten Welten

Unterschiedliche Generationen lernen und wirken im Austausch 

Einsamkeit wird durch Unterhaltung bekämpft

Einsamkeit wird durch Sinnstiftung geheilt


Die Lebenserfahrung der Älteren als Anker    

Sicher sind nicht alle ab einem bestimmten Alter per se weise. Doch unbestritten verfügen die Älteren über sehr viel Lebenserfahrung, schauen auf Phasen unterschiedlicher Herausforderungen und Erlebnisse zurück und kennen ihre Veränderlichkeit und Vergänglichkeit.


Wenn ältere Menschen in die Bildung der jüngeren Generationen einbezogen werden – sei es durch Begleitung, den Austausch von Erfahrungen oder die Unterstützung bei sozialen Projekten – verschwindet die Einsamkeit, und zwar auf beiden Seiten! Die Jüngeren gewinnen an Reife, und die Älteren spüren die tiefe Bestätigung, gebraucht zu werden.


Wie entstehen soziale Bande, die halten?

Die sozialen Bande, die durch gemeinsames Handeln in einer Haltung gegenseitiger Unterstützung und Verbundenheit entstehen, sind das beste Mittel gegen Einsamkeit. Warum? Weil sie nicht auf egoistischen Bedürfnissen basieren („Was gibst du mir?“), sondern auf einem gemeinsamen, ethisch ausgerichteten Ziel („Was können wir gemeinsam für unsere Nachbarschaft tun?“).


Es ist ein dynamischer Prozess, wenn eine Gemeinschaft entsteht und die Menschen zunehmend mehr Verständnis füreinander haben, um dadurch ihr Zusammensein besser zu gestalten. Hier, in einem überschaubaren Umfeld, können tiefer gehende  Gespräche und ein fruchtbarer Austausch stattfinden. Anonymität, Oberflächlichkeit und Desinteresse werden ersetzt durch ein vielfältiges Miteinander – besonders, wenn man gemeinsam etwas Praktisches tut.  


Menschen, die sich füreinander interessieren, tauschen sich automatisch über bedeutungsvolle Themen miteinander aus, z.B.:


  • Wie geben wir unseren Kindern Halt in einer Welt, die sie so vielen Einflüssen aussetzt? Was bieten wir ihnen als Orientierung und wie helfen wir Eltern uns gegenseitig? 

  • Wie sorgen wir dafür, dass wir nicht als Nachbarn aneinander vorbei leben? Wie können wir Menschen unserer Umgebung helfen, die in Not sind oder Unterstützung brauchen?

  • Wie können wir eine Atmosphäre der Verständigung und des Miteinanders  in unserer unmittelbaren Umgebung schaffen? Was machen wir zusammen, damit wir nicht auseinander driften in der Anonymität?


So ein Austausch untereinander entsteht aber nicht von allein. Man muss die Gespräche in passenden Momenten selbst anstoßen. Dann findet man Menschen „auf der gleichen Wellenlänge“, Menschen mit ähnlichen Werten oder Interessen. Es ist die praktische Umsetzung der Werte und Ideale, die letztlich wirkt. Die gemeinsamen Bemühungen, seien es Herausforderungen oder Erfolge, geteiltes Leid oder gemeinsames Feiern, schaffen gemeinsame Erfahrungen. Und diese gemeinsamen Erfahrungen sind es, die zum Ende der Einsamkeit führen.


Wir selbst sind die Architekten unserer Gemeinschaft

Unser menschliches Potenzial liegt im Miteinander. Wir sind aufeinander angewiesen – nicht nur im persönlichen Sinne, als Zeitvertreib, um nicht allein zu sein, oder zur Selbstbestätigung. Wir benötigen einander als Partner bei der großen gemeinsamen Aufgabe, eine lebenswerte und bessere Welt aufzubauen. Im gemeinsamen Handeln steckt das riesige Potenzial zur Heilung unserer Einsamkeit. In der gemeinsamen Arbeit liegt die Heilung für das einsame Herz.

Einsamkeit ist kein Schicksal, das wir einfach hinnehmen müssen. Sie ist oft ein Symptom dafür, dass unsere Lebensform und unsere sozialen Strukturen die Verbindung zu unserem wahren Selbst verloren haben. Wir leiden daran, wenn wir unser inneres Bedürfnis nach Sinn und  Gemeinschaft nicht ausleben können. Dabei besitzen wir durchaus die Fähigkeit, uns gegenseitig zu unterstützen und zusammenzuarbeiten.


Die Erfahrungen der weltweiten Baha'i-Gemeinde zeigen: Wenn wir uns selbst als Akteurinnen und Akteure begreifen, die in einem fortschreitenden Prozess ständig dazulernen, können wir etwas ganz Wesentliches erleben: Wir erfahren sehr persönlich und im gemeinschaftlichen Miteinander, dass wir unsere Gesellschaft mitgestalten können. Dadurch setzen wir Kräfte frei, die wir möglicherweise zuvor gar nicht kannten. Die Einsamkeit tritt zurück und und weicht einem tieferen Gefühl der Zugehörigkeit.



Markus Mediger lebt in Nürnberg, studierte Physik an der RWTH Aachen und ist beruflich im Technologiesektor tätig.





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