• Karen Reitz-Koncebovski

Das Mädchen auf dem Sandhügel

Was wir von Kindern lernen können


Mitten im großen Garten ist ein sandiger Hügel. Eine Gruppe von Kindern rutscht auf Tellerschlitten den Hügel hinunter, ein Kind nach dem andern. Der Hügel ist steil, sie kommen mit ziemlicher Geschwindigkeit unten auf der Wiese an. Schnell stehen sie auf, greifen ihren Schlitten und laufen auf der anderen Seite wieder hinauf auf den Hügel. Eben rutscht ein Mädchen auf der sandigen Bahn. Sie sitzt aufrecht auf ihrem Schlitten und fährt gerade nach unten. Hinter ihr springt ein kleiner Junge auf seinen Tellerschlitten, schießt ein Stück schräg über die Bahn, gerät ins Kullern, kommt fast gleichzeitig mit dem Mädchen unten an – und sein Stiefel schlägt dem Mädchen an die Stirn. Ich halte die Luft an: Was jetzt wohl geschieht? Sie steht auf, guckt den Jungen ernst an und sagt: „Das hat aber weh getan!“ Der Junge schaut sie an, wirkt erschrocken, sagt kein Wort. Sie dreht sich um und läuft los, den Hügel hinauf, um weiter zu rutschen, der Junge ihr hinterher.


Kinder im Sand bringen ihre Edelsteine ans Licht

Hätte ich als Kind die Situation so lösen können? Vermutlich hätte ich anstelle des Mädchens angefangen zu weinen. Oder ich hätte den Jungen angefahren: „Kannst du nicht aufpassen?!“ Oder ich hätte mich bei einem Erwachsenen über ihn beschwert, und der Erwachsene hätte mit dem Jungen geschimpft und ihn belehrt: „du musst doch...“, „du darfst nicht...“


Vielleicht hätte ich auch lange weinen müssen, weil mit dem Spüren der aktuellen Verletzung die Erinnerung an vergangene Verletzungen wach geworden wäre und ich all den Schmerz zum Ausdruck gebracht hätte. In jedem Fall wäre die Geschichte lauter und aufgeregter und emotionaler weitergegangen.


Wie gelingt es dem Mädchen, so unaufgeregt, so souverän zu reagieren? Mein Eindruck als Beobachterin: Sie ist ganz „da“, ganz präsent. Sie spürt klar ihre Wahrnehmungen und Gefühle. Aus dieser Klarheit heraus äußert sie sich: „das hat weh getan“ – und erwartet, dass sie gehört und ernst genommen wird. Das geschieht ja auch: Der Junge hört ihr zu, und seine Mimik zeigt, dass er sie versteht. Mehr ist nicht nötig, damit die Kinder mit ihrem Spiel fortfahren können.


Wenn ich mit einem Wort beschreiben wollte, aus welchem Zustand heraus das Mädchen handelt, würde ich sagen: Es ist ihr Selbstgefühl, und dazu kommt ein Gefühl von Sicherheit in der Situation und an dem Ort, wo sie sich befindet.


Ich frage also weiter: Was ist das für ein Ort, der dem Mädchen diese Sicherheit gibt und der es ihm ermöglicht, ein solches Selbstgefühl zu entwickeln?


Die geschilderte Szene wurde im Kindergarten „Wilde 9“ beobachtet. Der Kindergarten hat seine pädagogischen Wurzeln unter anderem in Maria Montessoris „Hilf mir es selbst zu tun“, in Rebecca Wilds Verständnis von „Respekt“ gegenüber Kindern und in Jesper Juuls Konzept der „Gleichwürdigkeit“ (s. Literaturhinweise unter dem Artikel). Eine weitere Inspirationsquelle ist das Baha’i-Menschenbild, wie es in dem folgenden Zitat zum Ausdruck kommt:

Betrachte den Menschen als ein Bergwerk, reich an Edelsteinen von unschätzbarem Wert. Nur die Erziehung kann bewirken, dass es seine Schätze enthüllt, und die Menschheit daraus Nutzen zu ziehen vermag.

Baha’u’llah, Ährenlese


Mit diesem Blick begegnen die Erzieher und Erzieherinnen der „Wilden 9“ den Kindern: Sie sehen in ihnen den Reichtum an Fähigkeiten und Entwicklungsmöglichkeiten. Sie begegnen ihnen mit Respekt. Sie halten sie für kompetent. Sie trauen ihnen was zu. Sie vertrauen ihnen, dass sie zusammen mit ihren „Edelsteinen“ auch die Fähigkeit haben, ihr Potential zu entwickeln.


Erziehung bedeutet für diese Erwachsenen, Kinder auf dem Weg zu begleiten, ihre „Edelsteine ans Licht zu bringen“. Im Kontakt mit den Kindern sind sie neugierig auf deren individuelle Fähigkeiten und Eigenheiten, ihre unterschiedlichen Interessen und Lernwege. Sie versuchen, die Kinder zu „sehen“ so wie sie sind und wie sie sich äußern.


Sie loben die Kinder nicht, sondern geben ihnen authentische Rückmeldungen: „ich sehe, dass du...“, „mir gefällt...“ oder „ich will nicht, dass du...“. Oder sie fragen: „wie war das für dich?“ Dadurch entsteht echter Kontakt, und die Kinder spüren, dass sie angenommen werden, dass sie gut sind, so wie sie sind. Das ist eine der Grundlagen für die Entwicklung von Selbstgefühl.


Eine andere Grundlage ist die Freiheit, Entscheidungen zu treffen, alles Mögliche auszuprobieren und die natürlichen Folgen des eigenen Handelns zu spüren. Im Kindergarten „Wilde 9“ gestalten die Erzieherinnen und Erzieher die Umgebung so, dass sie den Kindern vielfältige Entwicklungsmöglichkeiten eröffnet, anregend und zugleich entspannt ist.


Da ist der Garten mit Bäumen zum Hochklettern, dem großen Sandhaufen zum Rutschen und vielfältigen Möglichkeiten, sich zu bewegen, zu bauen oder Natur zu erfahren. Da sind Innenräume zum Spielen und Arbeiten mit strukturierten Materialien, eine Werkstatt mit echtem Werkzeug, eine Staffelei, ein Bewegungsraum mit Matten und Klettergeräten, ein Rollenspielraum mit Puppenküche und Verkleidungskiste, ein Stille- und Musikraum.


Die Kinder entscheiden jeden Tag neu, wohin sie gehen, was sie tun wollen und mit wem. Die Erwachsenen begleiten die Kinder. Sie sind da, wenn sie gebraucht werden, ansonsten lassen sie die Kinder tun, beobachten nur. Die Erwachsenen sind auch selbst tätig in dieser Umgebung: Sie kochen in der Kindergartenküche Gemüse und laden die Kinder zum Mitkochen ein. Oder sie falten Origami und zeigen den Kindern, wie sie Schritt für Schritt eine komplizierte Figur nachfalten können.


Die Annahme der Kinder so wie sie sind, der echte Kontakt zwischen Erwachsenen und Kindern sowie die Möglichkeit, in einer entspannten Umgebung Entscheidungen zu treffen und tätig zu sein, sind der Boden, auf dem Selbstgefühl wächst.


Selbstgefühl ist etwas anderes als Selbstvertrauen. Selbstvertrauen beruht auf der Erfahrung, Dinge gut gemacht zu haben, und bedeutet: Ich weiß, dass ich etwas kann, und traue es mir zu. Selbstgefühl hingegen ist von Leistung unabhängig. Selbstgefühl beruht auf dem Bewusstsein, als Mensch wertvoll zu sein, und auf dem wachen Spüren dessen, was ich fühle und was ich will.


Ein- oder zweijährige Kinder besitzen in der Regel ein gutes Selbstgefühl. Sie wissen was sie wollen und drücken klar aus, was ihnen gefällt und nicht gefällt. Wenn sie auf eine Grenze treffen, zum Beispiel eine Schublade, die sich nicht öffnen lässt, oder einen Erwachsenen, der sie daran hindert, sich aus dem offenen Fenster zu lehnen oder ihn an den Haaren zu ziehen, beschweren sie sich kurz — und machen was anderes.


Ältere Kinder und wir Erwachsenen haben häufig gelernt, dass nur gut ist, was Eltern, Erzieherinnen oder Lehrer für gut befinden und loben und dass wir uns durch Leistung beweisen müssen.


Wenn wir in uns ein schwaches Selbstgefühl wahrnehmen, können wir von Kleinkindern — oder von dem Mädchen auf dem Sandhügel — wieder lernen, was Selbstgefühl ist.


Im Kindergarten „Wilde 9“ versucht niemand, Kindern das Selbstgefühl, das sie als Ein- oder Zweijährige besaßen, abzutrainieren. Denn die Erzieherinnen und Erzieher wissen, dass Selbstgefühl eine wertvolle Ressource für die Kinder ist. Und sie wissen, dass Selbstgefühl nicht dem Gemeinschaftsgefühl widerspricht. Sondern im Gegenteil: Selbstgefühl ist der Boden, auf dem ein friedliches Miteinander und gewaltlose Konfliktlösung möglich sind.


Als ich das Mädchen auf dem Sandhügel beobachtete, hatte ich das Gefühl, eine neue Kultur von Beziehungen zwischen den Menschen zu erahnen, wie sie in dem Zitat aus den Schriften Baha’u’llahs zum Ausdruck kommt:

Ist es nicht das Ziel jeder Offenbarung, eine Wandlung und Änderung in der ganzen Wesensart der Menschheit zu bewirken, eine Wandlung, die sich äußerlich wie innerlich erweisen und das innere Leben wie die äußeren Verhältnisse gestalten soll?

Baha’u’llah, Das Buch der Gewissheit


 

Karen Reitz-Koncebovski ist Lehrerin und Montessori-Pädagogin. Nach langjähriger Unterrichtstätigkeit an verschiedenen Schulen und Schulformen arbeitet sie derzeit in der Lehrer:innenbildung. Sie ist Mutter zweier Kinder und lebt seit einigen Jahren in Potsdam, Brandenburg.


Anmerkung der Redaktion: Wir planen in loser Folge weitere Artikel zum Themenfeld Erziehung und Beziehung, und wollen dabei Erfahrungen aus dem Baha’i-inspirierten Kindergarten „Wilde 9“ nutzen. Wir laden die Leserinnen und Leser ein, der Redaktion über das Kontaktformular eigene Fragen zu Erziehungsthemen zu senden, die unsere Autor:innen möglicherweise aufgreifen können.


Literaturhinweise: Montessori, Maria (2009). Kinder sind anders. 22. Aufl. Klett Cotta. Wild, Rebeca (2001). Erziehung zum Sein. Arbor. Juul, Jesper (2009). Dein kompetentes Kind. Auf dem Weg zu einer neuen Wertgrundlage für die ganze Familie. Neuübersetzung, Rowohlt. Juul, Jesper, & Jensen, Helle (2009). Vom Gehorsam zur Verantwortung. Für eine neue Erziehungskultur. 3. Aufl. Beltz.


Foto von Anja Niemand