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  • AutorenbildPatricia O'Connor

Wie das Gebet positive Zustände unseres Bewusstseins erzeugt

Ich habe erforscht, was der Baha'i-Glaube über die täglichen Gebete lehrt, von denen einige auch als „Pflichtgebete“ bezeichnet werden. Dabei habe ich es mit dem verglichen, was in der Neurobiologie über Lernen und Bewusstseinszustände bekannt ist.


Das Pflichtgebet ist das Fundament der Sache Gottes

Schon immer habe ich mich gefragt: Kann uns das Gebet nicht nur aus der Perspektive von Seele und Geist, sondern womöglich auch auf der Ebene unseres Bewusstseins helfen?


Lasset mich gleich zu Beginn anmerken, dass das Wort „Pflicht“ bei mir persönlich sofort ein Gefühl des Widerstands auslöst. Vielleicht geht es Euch auch so, aber wenn Ihr euch ein wenig geduldet, dann werdet Ihr erfahren, warum das nicht immer der Fall sein muss.


Im Baha'i-Glauben werden wir aufgefordert, täglich zu beten, und zwar eines von drei möglichen Gebeten: eine kurze, eine mittlere oder eine lange Variante. Von diesen habe ich in der Regel das kürzeste Gebet gewählt, das lediglich aus drei Sätzen besteht, die einmal in 24 Stunden zur Mittagszeit zu sprechen sind. Das sagt vermutlich mehr über mich als über die Gebete aus.


Je mehr ich aber darüber nachdenke, desto mehr beginne ich zu verstehen, dass viel für das lange Pflichtgebet spricht – in spiritueller Hinsicht ohnehin, aber ich meine auch neurobiologisch gesehen. Möglicherweise hat die Verpflichtung, diese Gebete zu sprechen, etwas mit ihrer Kraft und den positiven Wirkungen zu tun, die sie verleihen. Ist daher länger vielleicht auch besser?


Einer der Zwecke der Pflichtgebete besteht darin, etwas zu erreichen, was die Neurowissenschaft als eine Veränderung des Bewusstseinszustands von negativ zu positiv bezeichnet, ganz gleich, wie die äußeren Bedingungen aussehen mögen. So lesen wir in den Baha'i-Schriften:


Das Pflichtgebet ist das Fundament der Sache Gottes. Es füllt das Herz mit Freude und Lebenskraft. Selbst wenn Mich Sorgen von allen Seiten bedrängen, sobald Ich im Pflichtgebet zu Gott spreche, weichen alle Sorgen von Mir und Freude und Glück strömen Mir zu. Mich ergreift ein Zustand, den Ich nicht beschreiben kann.

Man beachte, dass hier eine Veränderung beschrieben wird, die ohne das Gebet nicht stattgefunden hätte. Ein Schlüsselmerkmal dieser Veränderung ist das Gefühl. Gemäß diesem Beispiel lassen selbst extrem negative Zustände, die von drängenden „Sorgen von allen Seiten“ herrühren, sich in „Freude und Glück“ verwandeln. Solch eine Veränderung entspricht einer Ganzkörpererfahrung, einem Zustand, der sich nicht beschreiben lässt.


Was kann die Neurowissenschaft zu diesem Thema sagen?


Dr. Daniel J. Siegel, ein bekannter Professor für Psychiatrie an der University of California (UCLA) und Autor zahlreicher Artikel und Bücher, prägte den Begriff „interpersonelle Neurobiologie“, um die komplexe Schnittstelle zwischen menschlichen Erfahrungen und grundlegenden biologischen Entwicklungsprozessen zu beschreiben. Er spricht dabei oft und ausführlich über Bewusstseinszustände.


Dr. Siegel definiert das Bewusstsein als Energie- und Informationsfluss innerhalb eines „verkörperten Gehirns“, zu dem das Ding zwischen Ihren beiden Ohren, aber auch der gesamte Rest Ihres Körpers (und übrigens auch Ihre Beziehungen) gehören. Die Aktivität des Bewusstseins beinhaltet Gedanken, aber auch Gefühle. In der Tat umfasst dieses „verkörperte Gehirn“ die gesamte Persönlichkeit des Menschen.


Er erklärt in seinem Buch The Developing Mind (Das sich entwickelnde Bewusstsein), dass Lernen von Erfahrung abhängt. Er sagt: „Erfahrung aktiviert bestimmte Bahnen im Gehirn, stärkt bestehende Verknüpfungen und schafft neue“. Durch Erfahrungen entwickeln wir unsere Bewusstseinszustände. Diese, so erklärt Siegel, veranlassen das Gehirn, Muster zu entwickeln, die es ihm ermöglichen, ungeachtet der Zufälligkeit und des Chaos im Alltag Effizienz und Stimmigkeit zu erreichen.


Siegel zufolge „kann ein Bewusstseinszustand als das gesamte Aktivierungsmuster des Gehirns zu einem bestimmten Zeitpunkt definiert werden...“. Ein anderer Begriff für dieses Phänomen ist „neuronales Netzprofil“. Diese Muster koordinieren nicht nur die Gehirnaktivität zu einem bestimmten Zeitpunkt, sondern werden auch gespeichert und wiederholt. Durch Übung wird es wahrscheinlicher, dass sie zu Mustern werden, auf die sich unser Verstand in Zukunft verlässt.


Gefühle spielen hier eine Schlüsselrolle, denn sie helfen bei der Koordinierung unserer Bewusstseinszustände. Gefühle können das Gehirn dazu veranlassen, sich in zuvor erlebte Zustände zu versetzen. Im Laufe der Zeit strukturiert die Erfahrung buchstäblich die Verknüpfungen im Gehirn – und das bestimmt seine Funktionsfähigkeit.


Das alles ist eine schöne Umschreibung dafür, dass Erfahrungen das Gehirn verändern. Die Veränderung ist nicht lediglich ein vorübergehender Gedanke, sondern vielmehr eine ganzkörperliche und emotionsgeladene Sinneserfahrung, die den Grundstein für ähnliche Erfahrungen in der Zukunft legt.


Die Aufmerksamkeit auf einen inneren Zustand zu richten, kann ihn stärken, erklärt Siegel. Achtsamkeit und Absicht sind hierfür der Schlüssel. Mit der Zeit kann ein Bewusstseinszustand ganz nach Bedarf abgerufen werden und bewusst kontrolliert werden.


Mit anderen Worten: Wenn ein Bewusstseinszustand erlebt wird, hinterlässt er eine neuronale Spur, wie ein Weg durch eine dichte Wiese. Je öfter derselbe Pfad beschritten wird, desto deutlicher wird er. Ist der Weg einmal ausgetreten, ist er leicht zu erkennen und zu verfolgen. Oder anders gesagt: Durch wiederholtes Üben lernen wir. Wir können also tatsächlich lernen, glücklich zu sein und uns spirituell betätigt und bereichert zu fühlen.


Siegel lehrt, wie man dies in einem Prozess erreichen kann, den er „Mindsight“ nennt. (Er hat ein Buch mit demselben Namen geschrieben.) Er sagt: „...eine der aufregendsten wissenschaftlichen Entdeckungen der letzten zwanzig Jahre“ ist die Art und Weise, wie konzentrierte Aufmerksamkeit die Struktur des Gehirns formt.


Auf Grundlage dieser Überlegungen könnte das lange Pflichtgebet aus neurobiologischer Sicht also eine größere Wirkung haben als das kurze Gebet. Da dieses Gebet während des gesamten Verlaufs verschiedene Körperhaltungen wie Stehen, Sitzen und Verbeugen vorsieht, wird der gesamte Körper einbezogen. Diese Bewegungen haben das Potenzial, die volle Aufmerksamkeit zu wecken, während man sich auf die spirituelle Bedeutung der Worte konzentriert. Durch die längere Betenszeit könnte sich die Wahrscheinlichkeit erhöhen, dass sich eingeübte Muster verfestigen.


In der interpersonellen Neurobiologie von Siegel wird die volle Aufmerksamkeit auch „Bewusstheit“ genannt. Beachten Sie, dass auch in der Fortsetzung des obigen Zitats aus den Baha'i-Schriften der Begriff „bewusst“ verwendet wird:


Wann immer wir das Pflichtgebet bewusst und demütig vor Gott darbringen und aus tiefstem Herzen sprechen, werden wir eine Süße kosten, die allem Sein ewiges Leben schenkt.

Ich begreife mittlerweile, dass die Baha'i-Pflichtgebete mächtige Geschenke sind. Sie dienen als Einstieg in die Strukturierung unserer eigenen Neurobiologie in einer Weise, die uns Frieden und Freude bringt. Sie sind bei weitem nicht nur Worte, sondern Energie und Information – der Stoff, der unseren Bewusstseinszustand steuert. Um den vollen Nutzen aus dem Gebet zu ziehen, ist es wichtig, wie Siegel sagt, nicht nur Bewusstheit zu haben, sondern auch eine klare und erklärte Absicht, unseren Bewusstseinszustand auf die angestrebte Erfahrung hin zu verändern.


Ich finde es faszinierend, dass man die einleitenden Sätze des langen Pflichtgebets so interpretieren kann, dass sie genau das sind – eine Absichtserklärung, diesen Geisteswandel herbeizuführen. Dabei wird der negative Bewusstseinszustand als „Schleier“ bezeichnet und der positive als „Licht“, welches zu einer Erfahrung der Gegenwart Gottes führt. Es heißt:


Mache mein Gebet zu einem Feuer, das die Schleier verbrenne, die mich hindern, Deine Schönheit zu schauen, und zu einem Licht, das mich zum Meere Deiner Gegenwart geleite.

Donnerwetter – ich glaube, dass das lange Pflichtgebet eine Menge zu bieten hat!


 

Patricia O'Connor, Ph.D., ist klinische forensische Psychologin mit einem lebenslangen Interesse an Heilung und Spiritualität. Sie ist die Autorin von „It's Not Your Fault: How Healing Relationships Change Your Brain and Can Help You Overcome a Painful Past und Seeking the Wisdom of the Heart“ und „Reflections on Seven Stages of Spiritual Development“ (Baha'i Publishing, 2004 und 2007, als Patricia Romano McGraw). Zu ihren Fachgebieten gehören Themen wie zwischenmenschliche Gewalt und ihre Auswirkungen, Misshandlung in der Kindheit und Heilung von psychologischen Traumata und Missbrauch.

Dieser Artikel erschien im Original auf bahaiteachings.org und wurde von der Redaktion inhaltlich geringfügig angepasst.


Photo von Aaron Burden auf Unsplash


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