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  • AutorenbildPatricia O'Connor

Die Tiefen des Schlafs und der Träume entdecken

Kürzlich fragte mich eine Nachbarin, ob ich Lust auf frühmorgendliche Spaziergänge mit ihr hätte. Zum Abgleich mit ihrem Zeitplan wollte sie noch wissen, wie lange ich morgens brauche, um in die Gänge zu kommen, und was ich dafür tue. Oh Mann! Sie ist offensichtlich eine frühe Lerche, die aus dem Bett springt und zur Tür rausrennt. Ich dagegen brauche mindestens eine Stunde, um überhaupt über richtiges Wachwerden nachdenken zu können ...


Eine der erschaffenen Erscheinungen ist der Traum: Sieh, wie viele Geheimnisse er birgt, welche Weisheiten er enthält, und wie groß die Zahl der Welten ist, die er einschließt

Was sollte ich also sagen? Zwei Antworten kamen mir in den Sinn: „Auf der spirituellen Ebene brauche ich eine Weile, um mich von meinem inneren Sein dem äußeren zuzuwenden. Ich möchte beten und über meine Träume nachsinnen.“ Oder: „Auf der neurowissenschaftlichen Ebene möchte ich die Aktivität jener Gehirnregionen (Ruhezustandsnetzwerk/Default Mode Network DMN) nutzen, die während des Nichtstuns das reizunabhängige Denken ermöglichen. Erst danach möchte ich vollständig in den Wachzustand meines Gehirns übergehen.“


Hhmm ... Mir schien, nichts davon würde als Antwort taugen. Also sagte ich: „Ich bin sehr langsam. Ich trinke eine Kanne Tee und starre lange Zeit aus dem Fenster.“


Alle drei Antworten sind wahr. Ich verbringe viel Zeit damit, mich allmählich von meinem „inneren Sein“, wie es in den Baha'i-Schriften genannt wird, zu lösen. Während des Schlafens ist mein inneres Sein ziemlich aktiv. Deshalb bemühe ich mich in der langsamen Aufwachphase darum, soviel wie möglich von dem zu erfassen, was ich während des Träumens gelernt habe.


Die Neurowissenschaft bezeichnet diesen Vorgang als den Wechsel vom Ruhezustandsnetzwerk des Gehirns in den des normalen Wachzustandes. Das Ruhezustandsnetzwerk wird erst dann „hochgefahren“, wenn äußere Reize abnehmen und der Mensch zur Ruhe kommt; dann kann sich das Gehirn mit Tagträumen und Zukunftsplänen befassen. Im Wachzustand dagegen fährt dieses Ruhezustandsnetzwerk wieder herunter und das Gehirn konzentriert sich auf Tagesaktivitäten und Problemlösungen.


Die kognitive Neurowissenschaft hat bisher keine direkte Verbindung zwischen ihren Forschungsergebnissen und dem spirituellen Konzept des inneren und äußeren Seins hergestellt. Aber ich finde es interessant, die Parallelen und Überschneidungen zwischen diesen beiden Sichtweisen zu betrachten. Aus beiden Perspektiven ist Schlaf sehr wichtig für den Menschen.


Jeden Morgen lese ich ein Baha'i-Gebet, das diese geheimnisvollen Sätze enthält:


Dich preise ich, o mein Gott, denn Du erwecktest mich aus dem Schlafe, Du ließest mich zurückkehren aus meinem Fernsein ... Ich bitte Dich bei der Macht Deines Willens und der bezwingenden Kraft Deines Ratschlusses: Mache, was Du mir im Schlafe offenbartest, zum sicheren Baugrund für die Wohnstätten Deiner Liebe in den Herzen Deiner Geliebten und zum vortrefflichsten Werkzeug für die Offenbarung der Zeichen Deiner Huld und Gnade.
Baha'u'llah, Baha'i Gebete

Die Passage „was Du mir im Schlafe offenbartest“ weist darauf hin, dass Schlaf ein aktiver Zustand ist. Ein Zustand mit einer anderen Art von Bewusstsein als im Wachzustand. Außerdem weisen diese Worte darauf hin, dass im Schlaf sehr wichtige „Offenbarungen“ eintreten können – uns kann sich etwas enthüllen. Wir können etwas erkennen. Das Wissen, das wir im Schlaf gewonnen haben, kann zum „Werkzeug“ und „Baugrund“ für unser Alltagsleben werden.


In seinem Buch „Die Sieben Täler“ schrieb Baha'u'llah, der Stifter der Baha'i-Religion, darüber:


Eine der erschaffenen Erscheinungen ist der Traum: Sieh, wie viele Geheimnisse er birgt, welche Weisheiten er enthält, und wie groß die Zahl der Welten ist, die er einschließt.

Weiter beschreibt er, was wir als ein „Deja-vu-Erlebnis“ bezeichnen, Träume, die Jahre später Realität werden:


Du schläfst in einer verschlossenen Wohnung und weilst doch plötzlich weitab in einer Stadt, in die du eintrittst, ohne die Glieder zu rühren oder dich des Körpers zu bedienen, du siehst ohne Augen, hörst ohne Ohren und sprichst ohne Zunge. Und vielleicht geschieht es, dass du zehn Jahre danach in der äußeren Welt dem, was du nächtlich im Traum geschaut hast, begegnest.

Im gleichen Abschnitt erwähnt Baha'u'llah „zwei Welten“, den Wachzustand oder die „äußere Welt“ und die „innere Welt“, also die Welt des Schlafes und der Träume:


... was ist das für eine Welt, in der wir uns ohne Auge, Ohr, Hand oder Zunge dieser Sinne bedienen? Sodann, wie kommt es, dass sich dir heute in der äußeren Welt ein Traum verwirklicht, den du vielleicht zehn Jahre vorher geträumt hast? Denke über den Unterschied zwischen diesen beiden Welten nach und über die Geheimnisse, die darin verborgen liegen, damit dir göttliche Bestätigung und himmlische Entdeckung zuteil werden und du die Welten der Heiligkeit begreifest.

In der Neurowissenschaft sind die Unterschiede zwischen dem Wach- und dem Ruhezustand des Gehirns, also zwischen Wachsein und Schlaf, gut erforscht. Aber jahrzehntelang ging man davon aus, dass sich das Gehirn im Schlaf „ausruht“, im Vergleich zu seinem hohen Aktivitätsgrad im Wachzustand.


Entsprechend überrascht waren die Forscher, als sie 1997 zufällig ein zuvor völlig unbekanntes Netzwerk im Gehirn entdeckten. Dieses Netzwerk ist im körperlichen Ruhezustand des Menschen und im Schlaf wesentlich aktiver, als während des Wachseins: das Ruhezustandsnetzwerk oder „Default Mode Network“ DMN.


Seither haben tausende Studien erforscht, wie entscheidend wichtig das DMN für den Menschen ist. Es ist immer aktiv, allerdings weniger bei konzentrierter, wacher Aufmerksamkeit und deutlich mehr in Momenten ruhigen Nachsinnens – wenn ich beispielsweise Tee trinke und aus dem Fenster starre!


Die DMN-Forschung zeigt, wie die verborgene Gehirnaktivität mit Gesundheit und Wohlbefinden zusammenhängt. Sie unterstützt die Verarbeitung von Gefühlen und Erinnerungen. Sie befähigt zu Achtsamkeit und mehr: Sie ermöglicht uns, über uns selbst nachzudenken; unsere eigenen Gefühlsverstrickungen zu entwirren und Partnerschaftsprobleme zu durchschauen. Mithilfe des Ruhezustandsnetzwerks unseres Gehirns (DMN) können wir innere Kraftquellen anzapfen, ohne zu wissen, dass es sie überhaupt gibt.


Nach einer aktuellen Untersuchung einer deutschen Krankenkasse leidet eine alarmierend hohe Zahl deutscher Bürger unter Schlafstörungen, obwohl doch Schlaf so wichtig ist. Zwischen 3% und 13% der Erwachsenen gab demnach an, täglich zu wenig Erholung oder Schlaf zu bekommen. Dass man ohne Schlaf auskommen kann, ist ein Mythos. Die Forschung weist nach, dass Schlafentzug üble Auswirkungen auf die körperliche ebenso wie die geistige Gesundheit, die Lebensqualität und die Sicherheit hat. Schlafmangel äußert sich in Stimmungsschwankungen, Konzentrations- und Lernschwierigkeiten, chronischen Krankheiten wie hohem Blutdruck, Schlaganfall, Übergewicht und anderen Problemen. Schlafentzug führt zu einer höheren Verletzungsrate bei Unfällen. Schlafmangel hat nicht zuletzt diverse große Katastrophen ausgelöst: Er steckte hinter dem menschlichen Versagen, das Super-GAUs von Atomreaktoren, Schiffsuntergänge und Flugzeugabstürze verursacht hat.


Als ich also gestern aus dem Fenster starrte und meine Nachbarin eilends vorbeimarschieren sah, habe ich zufrieden an meinem Tee genippt und dann ein anderes meiner morgendlichen Lieblingsgebete aus den Baha'i-Schriften gelesen:


In Deiner Obhut bin ich erwacht, o mein Gott, und wer Deine Obhut sucht, dem steht es an, in Deinem schützenden Heiligtum und in Deiner festen Burg zu bleiben. Erhelle, o mein Herr, mit dem strahlenden Morgenglanz Deiner Offenbarung mein inneres Sein, so wie Du mein äußeres Sein mit dem Frühlicht Deiner Gunst erleuchtet hast.
Baha'u'llah, Baha'i-Gebete

 

Dr. Patricia O'Connor ist Kriminalpsychologin mit besonderem Interesse an Heilung und Spiritualität. Zu ihren Veröffentlichungen gehört „It's Not Your Fault: How Healing Relationships Change Your Brain and Can Help You Overcome a Painful Past“ (Baha'i Publishing 2004) und unter dem Pseudonym Patricia Romano McGraw „Seeking the Wisdom of the Heart: Reflections on Seven Stages of Spiritual Development“ (Baha'i Publishing 2007). Sie ist spezialisiert auf die Auswirkungen von Gewalt in zwischenmenschlichen Beziehungen, psychische und körperliche Gewalt gegen Kinder und Heilung von psychischen Traumata und sexualisierter Gewalt.


Dieser Artikel erschien im Original auf bahaiteachings.org und wurde von der Redaktion inhaltlich geringfügig angepasst.


Photo von Armand Khoury auf Unsplash

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