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  • AutorenbildWolfram Enders

Aus dem Erwerbsleben in den Ruhestand – und nun?

Am 31. Juli 2014 war „fertig“, Ruhestand nach fast 45 Dienstjahren als Lehrer an einer großen Schule. Gut 20 Jahre davon im Schulleitungsteam.


Durch die Förderung des Zusammenlebens zwischen Jung und Alt schaffen wir ein Wertenetz

Wenn ein „Arbeitsleben“ nach vielen Jahren zu Ende geht, freuen sich die meisten Menschen auf den Ruhestand. Viele machen sich früh Gedanken wie sie die neue Freiheit nutzen wollen. Das ist vernünftig und hilfreich – wenn in den folgenden Jahren die persönlichen Lebensumstände keinen Strich durch die Rechnung machen. Seien es Krankheit, Verluste im persönlichen Umfeld, finanzielle Sorgen etc. Auch darauf sollte man sich einstellen – und, soweit möglich, für den Fall der Fälle Vorsorge treffen. In meinem/unserem Fall hat es gut funktioniert:


Unsere Planung für den Tag X begann mit der Idee, in einer uns unbekannten deutschen Region noch einmal einen Neustart zu wagen. Ich war nicht mehr ortsgebunden, meine Frau als Freischaffende ebenso wenig. Ein Tipp von Freunden führte uns nach Mecklenburg an den schönen Schaalsee. Ehemals Sperrzone, dafür heute zum großen Teil Biosphärenreservat. Da wir keinen passenden Wohnraum finden konnten, beschlossen wir, zum ersten Mal ein Haus zu bauen. Bau- und Grundstückspreise waren moderat, ebenso die Bauzinsen. Wir entschieden uns für ein Fertighaus aus der Region.


Zwei Wochen nach „fertig“ landeten wir mit Sack und Pack in einer Ferienwohnung am Schaalsee; unsere Möbel hatten wir eingelagert. Es tat uns sehr gut, dass jetzt viel zu tun war. Das bewahrte mich vor dem Absturz, den viele beim Übergang vom hektischen Arbeits- in einen planlosen Rentneralltag erleben.


Statt Langeweile erwartete uns die Innenausbauplanung des noch zu erstellenden Hauses. Farben, Fliesen, Tapeten, Türen etc. mussten ausgewählt werden. Die Bodenplatte kam bereits im Juni, die Häuslebauer Anfang Oktober. Mitte Oktober traf ein befreundetes Ehepaar mit Hausbauerfahrung ein. Sie unterstützten und leiteten uns an. Wände mussten verputzt und gestrichen werden, Fliesen auf zwei Etagen verlegt, Badezimmer und Gäste-WC „eingerichtet“, Türzargen eingebaut und vieles mehr. Diese Arbeiten waren unsere Muskelhypothek.


Ein solch gelungener Start in eine weitere aktive Lebensphase ist jedem zu wünschen – doch leider sieht die Realität heutzutage für viele anders aus.


Die europäische Gesellschaft altert, d.h. unsere Lebenszeit nimmt zu. Das ist zunächst einmal sehr erfreulich. Im Jahr 2050 wird nach den Berechnungen des UN/DESA jeder Zehnte 80 Jahre oder älter sein.


Früher lebten „die Alten“ in der Regel bis zum Tod im oder nahe des angestammten Familienverbunds. Dadurch blieb der Gemeinschaft ihre Mitwirkung erhalten. Das hat sich europaweit in den letzten 100 Jahren aus unterschiedlichen Gründen dramatisch verändert. Die Lebensentwürfe von Jung und Alt unterscheiden sich heutzutage stark, sowohl privat als auch beruflich. Dadurch hat die Generation 65+ im Rentenalter im Vergleich zu früher eine völlig andere Lebensrealität.


Eine Studie im Auftrag des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (07.10.2022) zeigt die aktuelle Situation hochbetagter Menschen:


Mehr als drei von vier hochaltrigen Menschen in Deutschland sind mit ihrem Leben alles in allem zufrieden. Allerdings nimmt die Zufriedenheit ab, je älter die betrachtete Personengruppe ist. Als besonders unzufrieden mit ihrer Lebenssituation beschreiben sich ältere Menschen in Heimen. Die subjektive Lebensqualität hängt von der Lebenssituation ab. ... Eine gute soziale Einbindung im sehr hohen Alter ist mit einer höheren Zufriedenheit verknüpft, mit höherem Wohlbefinden, mehr erlebter Autonomie, einer stärkeren Verbundenheit mit dem Leben sowie einer höheren Wertschätzung, die sie in der Gesellschaft wahrnehmen. Sehr alte Menschen in Deutschland fühlen sich aber gesellschaftlich wenig anerkannt. Nur etwas über die Hälfte (53 Prozent) gab an, dass die Gesellschaft ihre Lebensleistung wertschätzt. Nur weniger als ein Drittel fühlt sich von der heutigen Gesellschaft gebraucht.  Die Sicht auf das eigene Älterwerden bestimmt die subjektive Lebensqualität im hohen Alter mit. Eine negative Sicht auf das Älterwerden macht es schwerer, auch im hohen Alter noch aktiv mit dem Leben verbunden zu bleiben und sich Ziele zu setzen. Es ist daher wichtig solchen Vorstellungen und negativen Erwartungen an das eigene Älterwerden gezielt entgegenzuwirken.

Damit sich ältere Menschen wohler, selbstbestimmter und wertgeschätzter fühlen, fördert das Bundesseniorenministerium vielfältige Angebote gegen Einsamkeit im Alter. Auch viele Mehrgenerationenhäuser haben spezielle Angebote für hochbetagte Menschen. Das mag einigen helfen, aber reicht das?


Hierzulande engagieren sich viele Frauen und Männer für Mitmenschen, die Hilfe, Unterstützung, Zuwendung brauchen. Sie fördern damit eine „Kultur der Fürsorge“. Da in unserer Gesellschaft aber immer mehr Hochbetagte leben, braucht es noch viel mehr davon. Darauf haben Mitbürger/innen 65+ ein Anrecht, meine ich. Sie haben viele Jahre nicht nur für sich, sondern auch für andere gearbeitet.


Oft sind sie als Großeltern eine enorme Stütze für junge Familien. Aber beileibe nicht nur das. Ihr Wissen und ihre Erfahrungen, in einem langen Berufsleben gewonnen, sind für die Gesellschaft weiterhin wichtig. Wir können uns nicht leisten, diese Ressourcen nicht zu nutzen.


Die damit einhergehende Wertschätzung der „Alten“ wirkt ganz zentral dem Gefühl entgegen, nicht mehr gebraucht zu werden oder wertlos zu sein.


In den Baha'i-Schriften findet sich ein Brief an einen betagten Mann:


Auch wenn Sie 79 Jahre alt sind, scheint das in Ihrem Fall kein Hindernis zu sein; und in dieser Sache gibt es … für jeden irgendeine Möglichkeit tätig zu sein, egal wie alt er oder sie sein mag.
Aus einem Brief, geschrieben im Auftrag Shoghi Effendis am 23. August 1954 an einen Gläubigen

Unsere Körper altern, aber unabhängig davon kann unsere Seele sich weiterentwickeln und auf die „nächste Welt“ vorbereiten; als Baha'i glaube ich an ein Fortleben meiner Seele in einer geistigen Welt, nachdem mein Körper gestorben ist. Für die Entwicklung der Seele hier auf Erden ist aber die Teilhabe am und das Beitragen zum gesellschaftlichen Leben grundlegend. Das ist in einer abgeschiedenen, klosterähnlichen Wohnsituation nicht gegeben. Die Tendenz, ältere Menschen abzuwerten und klischeeartig über einen Kamm zu scheren, ist in unserer Gesellschaft weit verbreitet. Bei den Generationen unter 65 gilt Jugendlichkeit und Geldverdienen vielfach als höchstes Ideal und Wertmaßstab.


In der Baha'i-Religion ist die Vision eines anderen Gesellschaftsmodells angelegt. Sie findet ihren Ausdruck im Idealbild einer Siedlung. Dabei gruppieren sich um ein zentral gelegenes Andachtshaus verschiedene gemeinschaftsdienliche Gebäude. Diese beherbergen Institutionen, die das Menschenleben von der Geburt bis ins hohe Alter begleiten: Krankenhaus mit Geburtsstation, Kindergarten, Schulen, Ausbildungseinrichtungen inkl. Universität, Herberge für Reisende, Altersheim und schließlich Hospiz. Alles ist verwoben und wirkt und befruchtet sich wechselseitig.


Über die künftige Funktion dieser zentral gelegenen Gebäudekomplexe heißt es in den Baha'i-Schriften:

Wenn diese Einrichtungen, Hochschule, Hospital, Fremdenheim und Krankenhaus für Unheilbare, Universität zum Studium höherer Wissenschaften und zur Fortbildung und andere der Menschheit dienende Bauten, erstellt sein werden, so werden die Tore allen Nationen und Religionen offenstehen. Es wird keine Trennungslinie gezogen werden. Ihre Wohltaten werden ungeachtet der Farbe oder Herkunft erwiesen werden. Ihre Tore werden dem Menschengeschlecht weit offenstehen. Vorurteile gegen niemanden, Liebe für alle. 
Baha'u'llah und das neue Zeitalter, 11:11.

Es ist sicherlich noch ein weiter Weg dahin. Doch schon heute sollte unsere Gesellschaft fähig sein, Menschen über 65 oder 70 Jahre mehr zu würdigen und wertzuschätzen.


Die Vizepräsidentin der Europäischen Kommission, Dubravka Šuica, hat noch einen anderen Pfeil im Köcher:


Wir denken, dass es ein großes Potenzial bei älteren Menschen gibt. Es gibt viele Menschen, die gerne weiterarbeiten würden, aber bei denen es nicht möglich ist, weil wir nicht flexibel sind.

Unsere Gesellschaft erlebt auf vielen Ebenen einen tiefgreifenden Wandel. Das betrifft auch die Qualität der Beziehung zwischen den Generationen. Damit sie sich zunehmend verbessert, bedarf es eines wachsenden Austausches untereinander. Wie es eine gemeinnützige Schweizer Stiftung ausdrückt: „Durch die Förderung des Zusammenlebens zwischen Jung und Alt schaffen wir ein Wertenetz, welches das Verständnis und den Austausch zwischen und innerhalb der Generationen positiv beeinflusst.


Die Förderung sinnstiftender Beziehungen kann der Schlüssel zur Lösung vieler aktueller und künftiger Probleme in den europäischen Gesellschaften sein. Im Jahr 2023 hatte der Europäische Wirtschafts- und Sozialausschuss (EWSA) die Europäische Kommission und die Mitgliedstaaten der EU aufgefordert, eine europäische Strategie für ältere Menschen auszuarbeiten. Dazu hat das Brüsseler Büro der Internationalen Baha'i-Gemeinde eine Erklärung abgegeben, in der es heißt:


Eine entscheidende Komponente für die Stärkung des Gemeinschaftslebens sind sinnstiftende Beziehungen zwischen Einzelpersonen und Familien. ... Diese Vision ... stellt Überlegungen an, wie eine Kultur der Fürsorge für andere in das Gefüge der Gesellschaft eingebettet werden kann. Im Rahmen der Strategie könnte beispielsweise darüber nachgedacht werden, wie Institutionen wie Kommunen, Schulen, religiöse Einrichtungen, Nachbarschaftszentren, Kunstorganisationen oder Einrichtungen zur Gesundheitsförderung dazu beitragen können, bestehende Begegnungen zwischen den Einwohnern zu fördern oder zu nutzen und Prozesse zu schaffen, in denen sie auf sinnvolle Weise zusammenarbeiten können, um ihre Gemeinschaften, die sie selbst identifizieren, zu verbessern.

Für mich persönlich schließt sich der Kreis. Seit beinahe 10 Jahren betreue und unterrichte ich Deutsch für Menschen mit Migrationshintergrund. Das unterstützt die Integration, bringt mir Freude und das Gefühl, weiterhin einen sinnvollen gesellschaftlichen Beitrag zu leisten.


 

Wolfram Enders, Jahrgang 1948 ist verheiratet, hat drei Töchter und fünf Enkelkinder. Wolfram war 45 Jahre lang als Gesamtschul-Lehrer aktiv.


Photo generiert von GenAI

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