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Über fast Vergessenes

Autorenbild: Susanne Ackers
Susanne Ackers
vor 7 Minuten
6 Min. Lesezeit

Auf den Spuren der Reise von C.G. Jung zu Indigenen


Indigene Kulturen werden heute in vieler Hinsicht wieder ernst genommen. Warum? Vielleicht, weil der mäandernde Weg vieler Diskurse früher oder später zu dieser Quelle führt? Indigene Völker verfügen über ein Wissen, das fast so alt ist wie die Menschheit selbst, aber neu für die Wissenschaft. Es lebte über unzählige Generationen hinweg, lange bevor eine Entwicklung begann, die das Gleichgewicht Mensch-Natur grundlegend veränderte.


Die Welt gleicht einem menschlichen Leib, der von vielerlei Leiden befallen ist und dessen Genesung davon abhängt, dass alle seine Elemente wieder ins Gleichgewicht gebracht werden.

Ein Blick weit zurück

Das knapp 4000 Jahre alte, in Mesopotamien entstandene Gilgamesch-Epos beschreibt eine Zäsur im Leben der Menschen, die die zuvor gelebte Balance zwischen allen Wesen der Welt ins Wanken brachte. Der sumerische Name der Stadt, die der König Gilgamesch im Delta der Flüsse Euphrat und Tigris baute, lautet: „eingezäunte Schafsherde“ – Uruk. Es entstand ein „Drinnen“ in der Stadt und ein „Draußen“ in der Wildheit – und damit die Spaltung von Menschen, die entweder diesseits oder jenseits der Mauer lebten. Der abgegrenzte, sesshafte Lebensraum ging mit Wohlstand einher und erforderte unter anderem die Vorratshaltung, die gegen Zerstörung oder Raub nach außen hin abgesichert werden musste. Das Leben derjenigen Menschen hingegen, die nicht an einem einzigen Ort lebten, unterschied sich wesentlich von den anderen und kannte keine Grenzen. Die gesellschaftlichen Auswirkungen dieser Unterscheidung in zwei Lebensräume und der damit einhergehenden Notwendigkeit der Absicherung, die man auch Verteidigung nennt, erleben wir heute in ihrem extremsten Ausmaß.


Kulturen, die im Einklang mit der Natur lebten, gab es über einen sehr langen Zeitraum hinweg. Diese Formen des Zusammenlebens wurden in der späteren Entwicklung kaum ernst genommen oder als rückständig bewertet. Und doch stellt sich heute die Frage: Haben wir dieses Wissen vergessen – oder bewusst verdrängt? Der Drang nach Ordnung, Kontrolle und Abgrenzung hat unsere Welt tief geprägt. Vielleicht haben wir dabei eine andere Form des Wissens in die Schublade „Vergessenes“ gelegt. Eine Form des Wissens, die nicht trennt, sondern verbindet.


C.G. Jungs Reise nach Taos

Der Schweizer Psychologe Carl Gustav Jung interessierte sich sehr für diese andere Sichtweise der – wie er sie damals nannte – „Rothäute“.


C.G. Jung
Carl Gustav Jung (1913, Wikimedia)

Im Jahr 1925 reiste er nach New Mexico, um dort eines der heute noch ältesten Pueblos mit dem Namen Taos zu besuchen, mit deren Bewohnern in Kontakt zu kommen und sich bezüglich seiner Fragen auszutauschen.


Taos Pueblo
Taos Pueblo (Aufnahme 2015, Wikimedia)

Dort begegnete er unter anderem Antonio Mirabal, auch bekannt als Ochwiay Biano, der den spirituellen Namen „Mountain Lake“ trug. Dieser beschrieb die weißen Menschen als unentspannt und ruhelos. Auf Jungs Nachfrage erklärte er: „Sie sagen, dass sie mit dem Kopf denken.“ Und während er mit seiner Hand auf seine Herzgegend deutete, fuhr er fort: „Wir denken hier.“


Diese Aussage verweist auf einen grundlegenden Unterschied. Während das westliche Denken oft linear, logisch und analytisch ausgerichtet ist, verstehen sich viele indigene Kulturen als Teil eines zyklischen, lebendigen Ganzen. Das Herz wird dabei als verbindendes Organ zwischen Innen und Außen gesehen.


Auch in unserer heutigen Kultur finden sich Spuren dieser Unterscheidung. Wenn jemand als „verrückt“ gilt, zeigt man oft mit dem Finger an die Schläfe. In indigenen Kulturen wird stattdessen eine Linie vor der Stirn gezogen. Beide Gesten drücken etwas Ähnliches aus – aber aus unterschiedlichen Perspektiven.


Es geht um nichts weniger als die Deutungshoheit über das Verständnis von Welt. Die Perspektive der Stadtmenschen beruht auf einer überlebensnotwendigen Planung von Zukunft im Sinne einer stabilen Vorstellung von linear ablaufender Zeit. Wohingegen die Einsicht in für uns Menschen nicht in einer Lebensspanne erfahrbare zyklische Zusammenhänge, die unser Verständnis von Wissenschaft daher auch nicht kognitiv erfassen kann, in der zweiten Perspektive die wichtigste Rolle spielt.


Durch die Unterscheidung, die mit der Entstehung der Stadt begann, entzweite sich das zuvor bestehende Vertrauen in das Beseeltsein der dem Menschen sinnlich wahrnehmbaren Umwelt und all ihrer Bewohner gegenüber. Dies zog mit ein in die neue Stadt: es wurden Gebäude gebaut für die verschiedenen Götter, die einst eins gewesen waren mit den zahlreichen Wesen und Elementen sämtlichen Lebens.


Wie kann es uns gelingen, diese Schere wieder zusammenzubringen? Sich gegenseitig als „ver-rückt“ zu bezeichnen wird sich schwerlich als der richtige Weg erweisen und es ist wohl kein Wunder, dass es einer der maßgeblichen Psychiater des beginnenden 20. Jahrhunderts war, der sich mit genau dieser Fragestellung auf die Reise machte.


Carl Gustav Jung entwickelte in seinem Werk die Idee eines kollektiven Unbewussten der Menschheit, welches in einem Bildgedächtnis in den von Jung entwickelten Archetypen gespeichert ist, in Mustern, die alle Menschen miteinander verbinden.


Die Geschichten hinter Symbolen und Bildern oder Denkmälern im öffentlichen Raum sind uns kaum noch bekannt, doch sie erzählen meist von Krieg um Land und Macht. Ein Blick in ihre Geschichte zeigt, wie tief diese Muster reichen.


Im 17. und 18. Jahrhundert verließen viele Menschen Europa, um Krieg, Armut und religiöser Enge zu entkommen. Sie machten sich auf den Weg über den Atlantik in die „Neue Welt“. Dort hofften sie auf die Freiheit, ihren Glauben frei ausüben zu können und ein Stückchen Land für ein besseres Leben zu finden.


Die Eroberung Amerikas

Doch in Amerika trafen sie auf Menschen, die bereits seit Generationen in einem engen Verhältnis zu ihrem Land lebten. Diese indigenen Kulturen lebten noch im Einklang mit ihrem Land und dem Planeten, den sie als lebendiges Ganzes, als „Mutter Erde“ verehrten. Sie bemühten sich, ein Gleichgewicht zu bewahren zwischen Geben und Nehmen, zwischen Leben und Sterben, zwischen Chaos und Ordnung wie sie es in ihren uralten Ritualen praktizierten. Aber es kam nicht zu einem gleichberechtigten Austausch. Im Sinne der 4000-jährigen Idee der Stadt lebten sie „außerhalb der Stadt“ – und wurden von religiösen Menschen, die ihre Freiheit suchten, gewaltsam eingezäunt.


Ein entscheidender Moment dieser Entwicklung des „Vergessens der indigenen Kulturen“ war die Reise der „Eroberung Amerikas“ des venezianischen Kaufmanns Christopher Columbus im Jahr 1492. Wie wohl jedem Schulkind bekannt ist, war er auf der Suche nach einem Seeweg nach Indien, um schneller wertvolle Gewürze, Stoffe und Tee zu holen und stieß dabei auf die amerikanischen Kontinente. Dort fand er hingegen Gold – und traf auf die dort lebenden Menschen, die er „Indios“ – „Indianer“ – nannte in der Meinung, bereits Indien erreicht zu haben.


Die Folgen dieser Begegnung und der darauffolgenden Ausrottung von Menschen und Kulturen prägten die Welt. Der Name, den er den ersten Menschen gab, denen er begegnete: „Indianer“ – ist heute aufgrund von Wiedergutmachung und Abtransport von historischen Begriffen ins Vergessen geraten, was es umso schwieriger macht, in ihm seine geschichtliche Herkunft mitlesen und bewahren zu können!


Jung beschreibt seine Reise nicht nur retrospektiv im Alter von 83 Jahren, sondern bringt diese ihn sehr tief berührende Unterscheidung der zwei Weisen von „Denken“ immer wieder ein in sein gesamtes Werk, bis zu seinem Tod im Jahr 1961. Die Autobiographie erschien 1962 in deutscher Sprache mit dem Titel „Erinnerungen, Träume, Gedanken“. Ein Jahr später folgte die englischsprachige Ausgabe. Im Vorwort beschreibt Jung, wie er sich selbst im Zuge seiner Erforschungen menschlicher Traumwelten die Frage gestellt hatte, welcher Mythologie er in seinem eigenen Leben eigentlich folge. Er hatte damals keine Antwort darauf und verbrachte den Rest seines Lebens auf der Suche. Er erkannte, dass die alten Mythen aufgrund vieler Missverständnisse, Fehlinterpretationen sowie sprachlicher Irrungen und Verwirrungen den Menschen der zivilisierten Kulturen nicht mehr dienen konnten. Folglich sei jeder Einzelne aufgerufen, sich auf seinen eigenen Weg zu machen. Seine Schülerin und Mitarbeiterin Marie-Louise von Franz brachte die Idee von Carl Gustav Jung auf den Punkt: „Das Ziel der Evolution auf diesem Planeten besteht in der kreativen Schöpfung von mehr Bewusstsein.“


Auch die Baha'i-Schriften schöpfen aus dieser kreativen Kraft und hinterließen der Welt eine unerschöpfliche Quelle von Briefen, Texten zu bestimmten Themen, Versen und Gebeten. In einem Gleichnis zur Schöpfung Gottes heißt es:


Meine Geschöpfe sind wie die Fische in der Tiefe. Ihr Leben hängt ab vom Wasser. Durch die Gnade eines allwissenden, allmächtigen Herrn erhält es ihr Leben, doch sie sind sich dessen nicht bewusst. Sie sind in der Tat so achtlos, dass ihre völlige Unwissenheit offenbar würde, wollte man sie nach dem Wasser und dessen Eigenschaften fragen. So sprechen Wir in Gleichnissen, damit sich die Menschen Ihm zuwenden, der das Ziel der Anbetung für die ganze Schöpfung ist.

Die Wissenschaften werden keine Widerrede gegen die Tatsache führen, dass der Mensch aus dem Wasser kommt. Die ältesten der indigenen Kulturen würden wohl hinzufügen: und die Entwicklung von der kleinsten Kaulquappe hin zum sogenannten Homo Sapiens ist auch in den menschlichen Zellen gespeichert. Wir haben heute die Chance, mit einer umfassenderen und nicht ausschließlich menschenzentrierten Perspektive unseren Ursprung und unser Eingebettetsein in die Schöpfung wiederzuentdecken.


Vielleicht liegt darin die Möglichkeit eines gangbaren Weges für unsere Zeit: nicht in der Rückkehr zu einer idealisierten Vergangenheit, sondern in der Wiederentdeckung eines Wissens, das lange übersehen wurde. Ein Wissen, das nicht trennt, sondern verbindet.


Wissen, das uns daran erinnert, dass wir Teil eines größeren Ganzen sind und als Menschen Verantwortung auch für alle anderen Wesen und Wesenheiten, sichtbar und unsichtbar, tragen. Deshalb dürfen wir nicht vergessen, dass Einheit in der Vielfalt lebt.



Susanne Ackers lebt als freie Autorin in Berlin. Sie studierte Europäische Kunstgeschichte und Philosophie, spezialisierte sich 1987 auf Medienkunst und promovierte über Virtuelle Realität. Nach vielfältigen Aktivitäten im Kontext der Psychiatrischen Versorgung forscht sie derzeit zu Kulturen der Spiritualität.


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