• Susan Gammage

Von Gott verlassen?

Ein ursprünglich gläubiger Mensch, der im Leben schon einmal ein schweres Trauma erlebt hat, weiß wahrscheinlich, wie es sich anfühlt, sich mit jeder Faser des Seins von Gott verlassen zu glauben: unendlich einsam. Vielleicht mögen wir diesen Eindruck, von Gott verlassen worden zu sein, nicht zugeben, nicht einmal vor uns selbst. Aber ich glaube, darüber zu reden hilft, wenn sich dieses Einsamkeitsempfinden wie ein Stachel in uns hinein bohrt.


Die Trübsale dieser Welt gehen vorüber, und was uns bleibt ist, was wir aus unserer Seele gemacht haben.

Als Kind hatte ich eine innige persönliche Beziehung zu Gott, so als sei er ein Phantasiefreund. Ich wandte mich mit allen meinen Problemen an ihn - und deren gab es viele. Ich wurde zu Hause und in der Schule fortgesetzt misshandelt. Ich betete „lass es aufhören; lass es aufhören“, von Jahr zu Jahr inbrünstiger. Aber als es nur ständig schlimmer wurde, redete ich mir ein, dass es keinen Gott gäbe und in den nächsten zehn Jahren kehrte ich ihm den Rücken.


Als ich mit 25 Jahren die Baha'i-Schriften kennenlernte, veränderte sich etwas. Ich erkannte sofort, dass diese Lehren allein von Gott kommen konnten. Diese Veränderung war das größte Geschenk meines Lebens und noch heute, 40 Jahre später, empfinde ich das als größtes Geheimnis. Ich werde nie verstehen, wie Gottes Gnade mich so plötzlich um 180 Grad drehen konnte - ich bin einfach dankbar dafür!


Mit dem Gefühl, von Gott verlassen zu sein, sind wir in guter Gesellschaft. Es hat mich geschockt (und ermutigt), über Mutter Teresa zu lesen, dass sie sich von Beginn ihrer Arbeit an bis zu ihrem Tod fünf Jahrzehnte später von Gott verlassen gefühlt hatte. Das hat sie aber nicht daran gehindert, den Menschen im Namen Gottes auf so unglaubliche Weise zu dienen, obwohl sie seine Anwesenheit nicht spüren konnte. Das ist wahrer Glaube!


Sogar der Stifter der Baha'i-Religion, Baha'u'llah, fühlte sich manchmal von Gott verlassen. In einem seiner Gebete heißt es:

Kälte erfasst die ganze Menschheit: Wo ist die Glut Deiner Liebe, Du Feuer der Welten? Bedrängnis hat ihren höchsten Gipfel erklommen: Wo sind Deiner Hilfe Zeichen, Du Erretter der Welten?
Finsternis umfängt die meisten Menschen: Wo ist Deines Lichtes Leuchten, Du Licht der Welten? [ ... ]
Einsam, verlassen bin Ich in fremdem Lande: Wo sind die Aufgangsorte Deiner Treue, Du Vertrauen der Welten?

Baha'u'llah, Die Tafel vom Feuer


Das Leiden hat einen Sinn, der in den Baha'i-Schriften ausführlich erklärt wird. Allerdings möchte ich an dieser Stelle vor allem darauf eingehen, was ich dort über einen hilfreichen Umgang mit dem Leiden gefunden habe. Aus der Fülle der Zitate seien diese beiden herausgegriffen:

… während wir diese Schicksalsschläge erdulden, müssen wir daran denken, dass auch die Offenbarer Gottes selbst nicht immun waren gegen die Dinge, unter denen Menschen zu leiden haben. Auch Sie kannten Kummer, Krankheit und Schmerz. Sie erhoben sich über diese Dinge durch Ihren Geist, und das sollten auch wir versuchen und tun, wenn uns Leid befällt. Die Trübsale dieser Welt gehen vorüber, und was uns bleibt ist, was wir aus unserer Seele gemacht haben. Darauf müssen wir also unser Augenmerk lenken, dass wir geistiger werden und Gott näher kommen, was immer unser Verstand und unser Körper auch durchzumachen haben.

Shoghi Effendi, Zum wirklichen Leben


In dieser Welt beeinflussen uns zwei Gefühle: Freude und Schmerz.
[ ... ] Kein menschliches Wesen bleibt von diesen beiden Einflüssen unberührt, doch alle Sorge und aller Kummer, denen wir begegnen, kommen aus der Welt des Stoffes, die geistige Welt hingegen schenkt nur Freude. [ ... ]
Die Menschheit ist heute niedergedrückt von Mühsal, Sorge und Kummer. Niemand kann sich ihnen entziehen. Die Welt ist nass von Tränen, doch steht das Heilmittel, Gott Lob, vor der Türe. Lasset uns unsere Herzen abwenden von der Welt des Stoffes und in der Welt des Geistes leben. Sie allein kann Freiheit geben. [ ... ] Wenn wir auch in der stofflichen Welt gefangen sind, so kann sich doch unser Geist in die Himmel erheben, und wir werden tatsächlich frei sein. [ ... ]
Ich war vierzig Jahre lang im Gefängnis – ein bloßes Jahr schon wäre unmöglich zu ertragen gewesen – niemand hat jene Gefangenschaft länger als ein Jahr überlebt. Aber Gott sei Dank, während jener ganzen vierzig Jahre war ich überaus glücklich. Jeden Tag, wenn ich erwachte, war es, als ob ich gute Botschaften hörte, und jede Nacht erfüllte mich mit unendlicher Freude. Geistigkeit war mein Trost und Hinwendung zu Gott meine größte Freude. Glaubt ihr wohl, ich hätte anders vermocht, jene vierzig Jahre in Gefangenschaft zu leben? Darum ist Geistigkeit die größte unter den Gaben Gottes, und 'ewiges Leben' heißt, 'sich zu Gott zu wenden'.

Abdu'l-Baha, Ansprachen in Paris


Mir scheint, dass ich mich besonders dann von Gott verlassen fühle, wenn ich seinen Geboten zuwiderhandele, selbst wenn das unbewusst geschieht. Beispielsweise bemühte ich mich einmal 36 Monate lang, in der kanadischen Arktis der Gemeinde zu dienen – aber alles lief schief. Ich hatte ständig Kopfschmerzen, fast so, als wollte ich ganz real mit dem Kopf Wände einreißen, um meine Ziele zu erreichen. Da stieß ich auf ein Buch, dessen Titel meine Erfahrungen ziemlich gut zusammenfasste: „Ich würde ‚Ja o Gott' sagen, wenn ich nur wüsste, was du willst.“ Erst im Nachhinein erkannte ich, wie viele Schleier damals Gott vor mir verbargen – ein besonders dichter Schleier war mein Ego!


Seit ich Baha'i wurde, habe ich viele Verluste erlitten – Arbeit, Ehemann, Familie, Einkommen –, aber ich war immer dankbar, dadurch nie meinen Glauben verloren zu haben, auch wenn ich Gottes Gegenwart nicht fühlen konnte.


Viele Male erschien es mir so, als blieben meine Gebete unbeantwortet und ich fühlte mich verlassen. Glücklicherweise wurde ich dadurch nicht verbittert und habe auch nicht das Bedürfnis verloren, zu beten, denn in vielen anderen Lebensbereichen fühlte ich spirituelle Unterstützung. Dem Vorbild Mutter Teresas folgend hat mir beim Durchhalten geholfen, anderen Menschen zu dienen. Hätte ich das nicht getan, hätte ich vielleicht den Glauben an Gott völlig verloren.


 

Susan Gammage ist Lebensberaterin. In ihren Büchern befasst sie sich mit Möglichkeiten, Glauben und Religion als Inspirationsquellen für den Umgang mit psychologischen Fragestellungen zu nutzen.


Photo von Keegan Houser auf Pexels