• Peter Held

Komposition und Aufnahme Baha'i-inspirierter Vertonungen

Von 2000 bis 2017 entstanden Aufnahmen vertonter Baha'i-Schriften. Hier schildere ich, wie es dazu kam, welche Leitgedanken mir dabei halfen und mit wem ich zusammenarbeiten durfte. Links führen Euch zu den Album-Titeln, die ich auf meinem Blog zur freien Verfügung stelle.


Ich will singen, wie Vögel singen, denen es gleich ist, wer zuhört, oder wer was denken könnte

Sommer 1972. Ich begegnete in der Jugendherberge Schaffhausen einer Gruppe junger Baha'i, die den Glauben Baha'u'llahs durch Musik und Gesang bekannt machen wollten. (Zu den Begleitumständen siehe auch Baha'i-World Vol. 15, S.338) Von ihrem Geist der Einheit beeindruckt änderte ich meine Reisepläne und folgte ihnen in die Schweiz nach Glarus, wo sie eine Ausstellung planten. Binnen weniger Tage hatte ich den Glauben an Gott wiedergefunden. Daran zurückdenkend fühle ich die Begeisterung, die ich an diesem Wendepunkt meines Lebens empfand. 1977 lernte ich dann auf einer Jugendkonferenz deutsche Baha'i kennen. Sie schenkten mir einen Gedichtband. Da begann ich, Baha'i-Texte zu vertonen.


Aufnahmen:


2000 mit Amelie Dziemba zu Poems of the Passing von Ruhiyyih Rabbani unter dem Albumtitel „All things remind me of you“.


2010 mit Djamschid Solouk-Saran in 2010 zu Gedichten von Adelbert Mühlschlegel mit dem Titel „Im Herzen glüht es“.


2015 mit Corinne Bahia in 2015 zu Worten des Báb und Baha'u'llahs mit dem Titel „Creation“.


2016 war ein Album den Festtagen der Geburt des Báb und Baha'u'llahs gewidmet, mit dem Titel „Zweihundert Jahre“. Rudolf Schmidt rezitierte die Texte und ich improvisierte am Klavier.


2017 ein Solo-Album mit Baha'i-inspirierten Klavierwerken: „Fire&Light I“.


Das Konzept für die verschiedenen Alben beruht auf meinem derzeitigen Verständnis der Baha'i-Schriften über die schöpferische Herangehensweise: Vertonungen sollen aus der Kraft des Wortes entstehen, dessen Schönheit und Wahrheit widerspiegeln und neue Klänge hervorbringen.


Das Wort und seine Bedeutung, so verstehe ich die nachfolgenden Zitate, soll klar und schlicht im Vordergrund stehen, damit es für den Hörer im Sinnzusammenhang und verständlich vorgetragen wird. Seine geistige Wirkung soll dabei nicht geschmälert werden, wie es beispielsweise durch Melismen (ornamentative Tonfolgen, die auf einer Silbe gesungen werden) geschehen könnte:

Die Sonne der Wahrheit ist das Wort Gottes, von dem die Erziehung der Menschen im Reich der Gedanken abhängig ist. …Sie offenbart sich immer nach der Fähigkeit und der Art des Spiegels, durch den sie widergespiegelt wird. Wird zum Beispiel ihr Licht auf den Spiegel des Weisen geworfen, dann bringt es Weisheit zum Ausdruck, wird es vom Geist des Künstlers widergespiegelt, so schafft es neue und schöne Künste, leuchtet es durch den Geist des Gelehrten, dann offenbart es Wissen und enthüllt Geheimnisse.

Baha'u'llah, Worte der Weisheit


Abdu'l-Baha war nicht erfreut über den Gesang einiger …, die beim Rezitieren von Gebeten die Endsilbe übermäßig in die Länge zogen. Dies galt besonders für den Gesang der göttlichen Verse und Gebete, da es den Zustand der Spiritualität und die Wirkung des Gebets verringerte. Er sagte dazu auch: „Manche sind in ihrem eigenen Gesang versunken, und das führt dazu, dass die Wirkung der Worte Gottes verringert wird.“

Ahang Rabbani, A Lifetime with Abdu'l-Baha: Reminiscences of Khalil Shahidi, Witnesses to Babi and Baha'i History, vol. 9, p. 128 (provisorische Übersetzung)

Wer die Verse des Allbarmherzigen in den melodischsten Tönen vorträgt, wird durch sie zu einer Erkenntnis gelangen, mit der sich die Souveränität über Erde und Himmel nicht vergleichen lässt. Aus ihnen werden die Menschen den Duft Meiner Welten verspüren –Welten, die an diesem Tage keiner erkennen kann außer denen, die durch diese hehre, diese strahlend schöne Offenbarung mit Scharfblick ausgestattet sind. Sprich: Diese Verse ziehen Herzen, die rein sind, hin zu jenen geistigen Welten, die weder beschrieben noch angedeutet werden können. Selig sind die Hörenden.

Baha'u'llah, in: Textzusammenstellung Musik


Der Keim einer Idee eröffnet den Gestaltungsprozess. Jedes Werk trägt in sich den Keim für Weiteres, einem Baum gleich, dessen Früchte die Samen für weitere Bäume enthalten. Jedes Kunstwerk, das Bestand hat, ist einzigartig und wird gekennzeichnet durch Einheit in Vielfalt, denn alle Teile sind sorgfältig bearbeitet, aufeinander abgestimmt und wechselseitig miteinander verbunden.


Das schöpferische Wort der Offenbarer Gottes ist der Quell schöpferischen Handelns:

Ein jegliches Wort, das aus dem Munde Gottes hervorgeht, ist mit solcher Kraft versehen, dass es jeder menschlichen Gestalt neues Leben einflößen kann – gehörtet ihr doch zu denen, die diese Wahrheit begreifen! Alle wunderbaren Werke, die ihr in dieser Welt seht, sind durch das Wirken Seines höchsten, erhabensten Willens, Seines wunderbaren, unerschütterlichen Planes offenbart. Durch die bloße Offenbarung des Wortes »Gestalter«, das aus Seinem Munde hervorgeht und der Menschheit Seine Eigenschaft verkündet, hat Er eine Kraft entfesselt, die über die Zeitalter hindurch all die mannigfaltigen Künste erzeugt, derer des Menschen Hände fähig sind. Dies ist wahrlich eine unumstößliche Wahrheit. Kaum wird dieses strahlende Wort geäußert, da bringen seine belebenden, in allem Erschaffenen wirkenden Kräfte die Mittel hervor, die solche Künste schaffen und zur Vollendung bringen. Alle wundersamen Errungenschaften, die ihr jetzt seht, sind die direkte Folge der Offenbarung dieses Namens.

Baha'u'llah, Ährenlese


Baha'u'llah wandte sich einmal an einen der frühen Gläubigen:

Jedes deiner Dichterworte ist fürwahr wie ein Spiegel, der die Zeichen deiner Ergebenheit und Liebe für Gott und Seine Erwählten wiedergibt. … Deine Gedichte zu lesen, war wirklich sehr eindrucksvoll, denn aus ihnen spricht sowohl das Licht der Vereinigung wie das Feuer der Trennung.

Baha'u'llah, Botschaften aus Akka


Erschließen nicht diese Worte den Zugang zu neuen Standards eindrucksvoller Kunst? In dem Zusammenhang fand ich den englischen Essay „Artist, Seeker and Seer“ der Schriftstellerin Bahiyyih Nakhjavani inspirierend. (Leider ist mir keine deutsche Übersetzung bekannt.)


Der folgende Vorsatz von Dschalal ad-Din Rumi, einem persischen Mystiker aus dem 13.Jahrhundert, hilft mir, mit jedem Konzert etwas mehr innere Freiheit bei Aufführungen zu gewinnen: „Ich will singen, wie Vögel singen, denen es gleich ist, wer zuhört, oder wer was denken könnte.“


 

Peter Held (1957) ist Pianist und Komponist aus Hagen, NRW

Seine Baha'i-inspirierten Vertonungen sind verfügbar auf www.peter-held.com


Photo von Kurt Rade