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  • Sophie A.H.

Vegan – ein anderer Blick auf die Ernährung


Wenn man sich mit Getreide, Obst, Öl und Nüssen wie Pistazien, Mandeln usw. zufrieden geben kann, so wäre dies zweifellos besser und wohlgefälliger.

Das Schwierigste ist immer das Umdenken. Wenn ich heute auf die Mitbring-Buffets meiner Nachbarschaft bei Veranstaltungen blicke, sehe ich Hummus als Brotaufstrich, Kuchen ohne Ei und Reis ohne Butter – oft sind die Beiträge rein pflanzlich. Das war bis vor kurzem noch ganz anders.


Als ich im Jahr 2015 im Alter von 19 Jahren meine Ernährung auf vegan umstellte, war ich die Einzige in meiner Gemeinde, die auf tierische Produkte verzichtete. Dazu bewogen hatten mich aufklärende Informationen im Internet, die das große Tierleid in der Milch- und Eierindustrie anprangerten und auf bedenkliche Inhaltsstoffe in tierischen Produkten hinwiesen. Ich war zu diesem Zeitpunkt schon 13 Jahre lang überzeugte Vegetarierin gewesen. Mehrere Aussagen in den Baha'i-Schriften hatten mich auf diesem Weg bestärkt. So heißt es dort über Ernährung:

Es ist wahr, dass das Töten von Tieren und das Essen ihres Fleisches nicht mit Mitleid und Erbarmen zu vereinbaren sind, und wenn man sich mit Getreide, Obst, Öl und Nüssen wie Pistazien, Mandeln usw. zufrieden geben kann, so wäre dies zweifellos besser und wohlgefälliger.

Abdu'l-Baha in: Textzusammenstellung – Heilen, 17


Vegan hatte ich mich nie ernähren wollen, weil mir das übertrieben, umständlich und fanatisch vorgekommen war. Denn in den Baha’i-Schriften steht auch:

In allen Dingen ist Mäßigung wünschenswert. Wird etwas übertrieben, so erweist es sich als Quell des Unheils

Baha'u'llah, Botschaften aus Akka


Die Frage, die ich mir also stellte, war: Übersteigt die vegane Ernährung die Grenzen der Mäßigung?


Doch je mehr ich mich mit diesem Thema auseinandersetzte, desto mehr kam ich zu der Erkenntnis, dass die vegane Lebensweise eine ideale Ernährungsform ist, um körperliche Gesundheit, ethische Fragen des Tierwohls und einen nachhaltigen Umgang mit Ressourcen zu vereinen. Kurze Zeit später gelangte ich zur nächsten Erkenntnis: Eine Sache zu glauben und nicht danach zu handeln, ist unehrlich. In den Baha’i-Schriften steht, „dass der Mensch sich selbst erkennen und unterscheiden soll, was zu Erhöhung und Erniedrigung, zu Ruhm und Schande, zu Reichtum und Armut führt.“ (Baha'u'llah, Botschaften aus Akka)


Auch zur eigenständigen Suche nach Wahrheit rufen die Schriften immer wieder auf:

Von allem das Meistgeliebte ist Mir die Gerechtigkeit; wende dich nicht von ihr ab, wenn du nach Mir verlangst, und missachte sie nicht, damit Ich dir vertrauen kann. Durch ihre Hilfe wirst du mit deinen eigenen Augen und nicht mit denen anderer sehen und durch die eigene Erkenntnis und nicht durch die deines Nächsten Wissen erlangen. Erwäge in deinem Herzen, wie du sein solltest.

Baha'u'llah, Die Verborgenen Worte


Und so wurde ich Veganerin. Nachdem ich mich entschieden hatte, meine Gedanken und mein Handeln in Einklang zu bringen, war alles ganz leicht. Mit meiner Ernährungsumstellung begann ich auch, mich fürs Kochen zu begeistern. Ich lernte Kniffe, um Würze und Textur ins Essen zu bringen, strich Parmesan als Hauptgeschmacksquelle aus meinem Speiseplan und lernte Hafermilch lieben. Das Schönste an den letzten sieben Jahren als Veganerin war, dass es immer leichter wurde: Es gibt jetzt mehr vegane Produkte im Supermarkt, Hafermilch in den Kühlschränken vieler Haushalte, Kennzeichnungen veganer Produkte in Bäckereien und Restaurants.


Und dann kam der März 2022. Während sich Baha'i weltweit auf die 19-tägige Fastenzeit vorbereiteten, stellte sich ein Drittel meiner örtlichen Baha’i-Gemeinde auf eine zusätzliche Herausforderung ein: sich während der Fastenzeit überwiegend oder ausschließlich vegan zu ernähren. Der vergleichsweise niedrige Altersdurchschnitt meiner Gemeinde mag ein ausschlaggebender Faktor für die Bereitschaft gewesen sein – Eltern mit Schulkindern machen den größten Anteil der Gemeindemitglieder aus, gefolgt von StudentInnen und jungen BerufseinsteigerInnen. Den Auftakt für das Experiment bot ein veganes Essen, das meine Freundin und ich für die interessierten Gemeindemitglieder kochten.

Für die folgenden 19 Tage haben wir ein extra zu diesem Zweck erstelltes digitales Kochbuch zur Verfügung gestellt, das für jeden Tag ein Rezept für ein vollwertiges, leckeres und schnell zubereitetes veganes Abendessen enthielt. Auch Ideen fürs Frühstück sowie Nachtisch und Salat-Rezepte waren dabei.


Der Fastenmonat ist für Baha'i eine besondere Zeit im Jahr. Da tagsüber nicht gegessen und getrunken wird, sind Selbstdisziplin, Geduld und Hingabe erforderlich.

Körperliches Fasten ist äußeres Zeichen geistigen Fastens“, schreibt Abdu'l-Baha. Während der Fastenzeit enthält sich der Fastende „aller Triebe des Selbstes“ und fängt „an der Liebe Gottes Feuer“ (Abdu'l-Baha, Briefe und Botschaften).


Die Fastentage, an deren Ende das Neujahrsfest Naw-Ruz steht, werden von vielen Baha'i dazu genutzt, alte Gewohnheiten abzulegen und neue anzunehmen. Zu Beginn der diesjährigen Fastenzeit waren bereits 24 Personen der Messenger-Gruppe der „Vegan-Challenge“ beigetreten – längst nicht mehr nur Mitglieder der örtlichen Gemeinde. Abends, kurz vor Sonnenuntergang, vibrierten die Handys: Fotos von den gekochten Mahlzeiten wurden begeistert geteilt. Curry, Reispfanne, Auflauf, Risotto, Gulasch – alles vegan.


Die 19-Tage-Vegan-Challenge war ein Erfolg: Jetzt, ein dreiviertel Jahr später, ist vegan für viele denkbar geworden, weil meine Gemeinde entdeckt hat, was auch ich entdeckt habe: das Schwierigste ist das Umdenken. Die Umsetzung ist dann eigentlich ganz leicht.


 

Sophie A. H. hat Lehramt studiert und ist nach dem Referendariat an die Universität gewechselt, wo sie in Lehre und Forschung tätig ist. Sie ist verheiratet und lebt in Potsdam, Brandenburg.


Foto von Edgar Castrejon auf Unsplash


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