• Yasmin Roshanian

Ego verloren, Seele gefunden

Das vergangene Jahr fühlte sich an, als sei ich in eine Sackgasse geraten. Mein Leben kam mir vor wie ein starker Baum, der in beständiger harter Arbeit wurzelte, während seine Äste zu verkümmern begannen und abzufallen drohten, seine Blätter verwelkten und abstarben.


So wie der Pflug eine tiefe Furche zieht und die Erde von Unkraut und Disteln säubert, so reinigen Leid und Trübsal den Menschen von den Belanglosigkeiten dieses irdischen Lebens, bis er den Zustand völliger Loslösung erreicht

Beruflich, mit meinem Umfeld und meiner Spiritualität war ich an eine Kreuzung gelangt. Das Leben, das ich mir mit großem Bedacht aufzubauen versucht hatte, löste sich plötzlich an allen Ecken und Kanten auf und ein Projekt, in das ich vier Jahre Arbeit investiert hatte, entwickelte sich enttäuschend.


Ich begann, ernsthaft zu beten und fragte Gott, warum es fast in allen Lebensbereichen so schwer für mich wurde. In meine Beziehung zu meinem Schöpfer schlichen sich Feindseligkeit und Verwirrung ein. Ich hatte das Gefühl, meine Gebete würden ignoriert, weil Ereignisse genau das brachten, das ich gerade nicht wollte beziehungsweise gegen das ich so inständig gebetet hatte. Meine Enttäuschung wuchs und ich machte Gott für meine Probleme verantwortlich.


Nach einem Jahr ständiger Umstellung und voller Schwierigkeiten wurde mir bewusst, dass ich das Ausmaß meiner Probleme meinem eigenen Ego zu verdanken hatte.


Leid kann uns fast rücksichtslos machen. Wir fühlen uns unvollständig, verlieren die Orientierung und die Kontrolle. Es fällt uns schwer, die verschiedenen Ebenen unserer Traurigkeit zu benennen, wir fühlen uns verzweifelt und verloren. An dem Punkt traf mich die erschreckende Erkenntnis, dass ich Gott für meine eigenen Fehler verantwortlich machte. Noch mehr erschreckte mich allerdings das Ausmaß meiner Irrtümer.


Es hatte mich ein Jahr gekostet, zu begreifen, dass die Wurzel des Übels in meinem Ego lag. Ich selbst war die Ursache. So hatte ich beispielsweise bestimmte berufliche Ziele nicht aus Begeisterung für die Sache verfolgt, sondern weil ich süchtig war nach Bestätigung von außen.


Aus dringendem Bedürfnis nach Lob und Anerkennung verbrachte ich als Perfektionistin mein frühes Erwachsenenleben damit, akademische Erfolge zu sammeln. Diese Sehnsucht nach Lob und Anerkennung kehrte später immer wieder, wenn ich mich unsicher fühlte. Dann wollte ich, dass mir jemand sagt, ich sei wunderbar; dass ich sehr fähig sei; dass ich auf Erfolgskurs sei. Dieses Bedürfnis nach Zustimmung beziehungsweise danach, dass andere mein Tun „genehmigen“ oder es „erlauben“, mich quasi dazu „ermächtigen“, war aus einem starken Gefühl innerer Leere geboren – denn ich fühlte mich alles andere als wunderbar. Ich fühlte mich unfähig. Ich sah bei mir nur Versagen und war zutiefst von mir enttäuscht. Anstatt Hilfe bei Gott zu suchen, hatte ich mein Selbstwertgefühl vom Lob anderer abhängig gemacht.


Viele von uns leben in einer am Kommerz orientierten Welt, die wahre Freude und Zufriedenheit mit Geldwert verwechselt. In einem solchen materialistischen Umfeld fällt es leicht, unser äußeres Gerüst und körperliches Leben zu nähren, aber wir vergessen, die spirituellen Fähigkeiten zu fördern, die uns tatsächlich stützen und schützen. Diese inneren Qualitäten machen unseren Wert vor Gott aus. Nicht unser Beruf oder unserer angehäufter Reichtum oder das Image, das wir von uns in der Öffentlichkeit pflegen, macht uns zu dem, was wir sind. Unser Wert liegt in den geistigen Tugenden, die uns stärken und authentisch machen – Geduld, Freundlichkeit, Mitgefühl und Bescheidenheit. Entsprechend kann unser geistiges Wesen, unsere Spiritualität nur durch das Trainieren und Ausbilden solcher Fähigkeiten genährt werden. In den Baha'i-Schriften heißt es:

Kummer und Sorge überkommen uns nicht zufällig, sie werden uns vielmehr durch die göttliche Gnade zu unserer eigenen Vervollkommnung gesandt.

Abdu'l-Baha, Ansprachen in Paris


Jeder kann glücklich sein, wenn er ohne Sorgen, wohlauf, gesund, erfolgreich, heiter und fröhlich ist; ist er aber in unruhigen und harten Zeiten und in Krankheitstagen glücklich und zufrieden, so zeugt das von Seelenadel.

Abdu'l-Baha, in: Göttliche Lebenskunst


Geistige Tugenden nur in glücklichen Zeiten anzustreben, hilft unserer Seele nicht viel in ihrer Entwicklung. Standhaft zu bleiben und auf Gott zu vertrauen fällt sehr leicht, solange wir durch nichts herausgefordert werden. Solange wir selbst bequem leben und uns auch nicht um das Leid anderer kümmern, drängt es uns nicht, Gott zu hinterfragen, weil wir zufrieden sind. Aber wenn unsere Alltagssicherheiten wegbrechen und unsere Zufriedenheit schwindet, werden wir mit unserem Selbst und unseren inneren Barrikaden konfrontiert, die das Licht von uns fernhalten.


Wir fragen Gott „warum“ und „wie“ – aber eigentlich sollten wir uns das selbst fragen, nach innen schauen und uns mit dem versöhnen, was wir da vorfinden. Wir sollten herausfinden, was uns hat abstumpfen lassen und diese schlechten Erfahrungen und Eigenschaften überwinden, dadurch unser Ego bändigen und alles Ungesunde loslassen, an das wir uns festklammern. Das öffnet uns ein Tor zur Erkenntnis. In unserer Schwäche, den Brüchen und Verletzungen durch unser Fehlverhalten und schließlich in unserer Weigerung, uns mit unseren Fehlern auseinanderzusetzen, zeigt sich, was falsch läuft. Ein Verständnis für Gottes Wege können wir nur entwickeln, wenn wir mit unserem Schöpfer zusammenarbeiten. Nicht er ist verantwortlich dafür, unser Wachstum zu beschleunigen oder uns das Leben zu erleichtern, sondern wir selbst, indem wir unser Handeln sorgfältig prüfen.


Als ich begann, meine vielfältigen Ängste und meinen erdrückenden Perfektionismus aufzudecken und die Ursache meines übertriebenen Bedürfnisses nach Bestätigung zu erforschen, habe ich mich natürlich gefragt, wie es weitergehen könnte. Ich betete und meditierte und begriff allmählich, dass ich nur durch Handeln entkommen konnte. Zweierlei erschien mir dabei wichtig: Zum einen therapeutische Hilfe und zum anderen die Weiterentwicklung meines geistig-spirituellen Bewusstseins. Indem ich meinen Blickwinkel änderte und mich fragte, worin ein befriedigendes Leben eigentlich besteht, gewann ich neue Einsichten: Ein fruchtbares Leben, so besagen die Baha'i-Lehren, lebt man, indem man anderen hilft und zum Gemeinschaftsleben beiträgt. Baha'u'llah, der Stifter der Baha'i-Religion, schrieb: „Befasst euch gründlich mit den Nöten der Zeit, in der ihr lebt, und legt den Schwerpunkt eurer Überlegungen auf ihre Bedürfnisse.“ (Baha'u'llah, Ährenlese)


Ich hatte mich schon immer in meinem Umfeld für die Gesellschaft engagiert, handelte aber jetzt mit neuem Schwung. Wenn ich merkte, dass ich wieder in meinen alten Selbsthass verfiel, konzentrierte ich mich darauf, anderen zu helfen. Das brachte mir den Durchbruch: Durch die Arbeit in der Nachbarschaftsjugendgruppe oder durch Gemeindearbeit, schaffte ich es, mein eigenes Elend zu vergessen.


In der Folge erweiterte sich mein Bewusstsein, meine Spiritualität vertiefte sich und ein besseres Verständnis für meine Schwächen half mir, sie zu überwinden. Ich habe gelernt, dass wir unter allen Umständen unsere geistigen Fähigkeiten ausbauen müssen. Dazu muss ich mir diese schwierigen Fragen stellen: Welche Eigenschaften und Gewohnheiten entfernen mich von Gott? Und wenn ich sie kenne – warum halte ich dann an ihnen fest?


In den Baha'i-Schriften habe ich eine Erklärung für den Sinn des Leidens gefunden, die mir den Umgang mit meinen Problemen sehr erleichtert:

Seele und Geist des Menschen schreiten fort, wenn er von Leid heimgesucht wird. Je tiefer der Boden gepflügt wird, desto besser wird der Same sprießen und umso reicher die Ernte ausfallen. So wie der Pflug eine tiefe Furche zieht und die Erde von Unkraut und Disteln säubert, so reinigen Leid und Trübsal den Menschen von den Belanglosigkeiten dieses irdischen Lebens, bis er den Zustand völliger Loslösung erreicht. Sein Lebensgefühl hinieden wird dann von göttlicher Glückseligkeit geprägt sein. Man könnte sagen, der Mensch ist unreif; die Hitze des Leidensfeuers wird ihn reifen lassen. Blickt zurück in die Vergangenheit, und ihr werdet sehen, dass die größten Menschen am meisten gelitten haben.

Abdu'l-Baha in London


Erst wenn das Leben schwierig wird und wir leiden, drängen sich uns obige Fragen auf. Obwohl ich sehr unter meinen Ängsten gelitten habe, bin ich doch dankbar für die Lektionen, die sie mir erteilt haben. Durch diese Fragen bin ich zu sehr tiefen Einblicken in mein wahres Wesen gelangt – das erfüllt mich mit einem Gefühl der Demut. Obwohl es gute Argumente für berufliche Spitzenleistungen gibt, verstehe ich jetzt, dass meine Bemühungen, egal in welchem Bereich, von Bescheidenheit begleitet werden müssen. Wahre Zufriedenheit finden wir nur, wenn wir nicht nur an uns selbst denken. Die Sicherheit, die eine Karriere, Reichtum und Wohlstand bieten können, ist flüchtig. Nur Gott ist ewig und nur der Dienst für ihn wird mit wahrer Freude gekrönt.


 

Yasmin Roshanian ist Autorin und Redakteurin. An der UCLA (Universität von Kalifornien, Los Angeles) hat sie den Bachelor-Grad in Englischer Literatur erworben und an der Columbia University den Master-Grad in Kreativem Schreiben. In ihrer Arbeit befasst sie sich mit Gleichberechtigung, Migration und kultureller Identität. Die Rolle der Kunst für die geistig-spirituelle Entwicklung des Menschen liegt ihr besonders am Herzen.


Dieser Artikel erschien im Original auf BahaiTeachings.org


Photo von Ashin K Suresh auf Unsplash