• Peter Amsler

Neues schaffen in Krisenzeiten

Das SARS-CoV-2-Virus verstärkt nicht nur die Krise des Gesundheitswesens bei Personal, Material und Finanzierung. Das Virus legt sein Brennglas auch auf die politische, gesellschaftliche und soziale Kultur unseres Landes.



Viele Menschen sind unduldsamer geworden und misstrauen einander. In den letzten Monaten „durfte“ ich erleben, wie sich Fremde gegenseitig im Supermarkt und Nahverkehr angifteten, wie Nachbarn ihre Nachbarn denunzierten, wie in Familien und Freundeskreisen nicht mehr miteinander gesprochen wurde, wie Freundschaften zerbrachen.


Die Nerven liegen blank und wohl noch nie in der deutschen Nachkriegsgeschichte hat es derart tiefe Gräben zwischen Menschen und Menschengruppen gegeben, die sich nicht mehr nur als Gegner, sondern sogar als vermeintliche Feinde gegenüberstehen und einander als Gefahr betrachten. Politik, Wissenschaft und Medien wirken dabei nicht immer beruhigend, oft genug erscheinen manche ihrer Aussagen wie Brandbeschleuniger und tragen zur Verwirrung bei. Auch bisher vertrauensbildende Institutionen wie die Kirche fallen aus; aktuelle repräsentative Umfragen ergeben, dass nur vier Prozent der Kirchenmitglieder sich in der Pandemie seelisch-moralisch begleitet fühlen (siehe Studie dazu auf katholisch.de). Akteure der Zivilgesellschaft, die allseits ausreichend anerkannt sind, um einigende Kräfte ausüben könnten, fehlen ebenfalls.


Wenn ich also auf mich selbst und meine eigene Urteilsfähigkeit zurückgeworfen bin, frage ich mich, welche Maßstäbe mir mein Glaube an die gesellschaftsbildende Kraft der Botschaft Baha'u'llahs, des Stifters der Baha‛i-Religion, bietet. Wie kann ich inmitten der großen Verwirrung meinen Mitmenschen mit Liebe und in Freundschaft begegnen und mit ihnen gemeinsam Neues schaffen?


Wesentliche Grundsätze der Baha'i-Religion spielen bei der Beantwortung dieser Frage eine Rolle: Die Einheit der Menschheit in ihrer Vielfalt gehört dazu, auch die selbständige Suche nach Wahrheit, die Abschaffung von Vorurteilen, die Loyalität zum Staat, in dem ich lebe, die Abkehr von Parteilichkeit, die Überwindung eines materialistischen Wissenschaftsverständnisses und die Forderung, dass die Religion die Ursache der Einigkeit und Eintracht unter den Menschen sein muss.


Außerdem helfen mir vier weitere Strategien, zu denen mich mein Glaube inspiriert hat, bei dem Versuch, mit anderen zusammenzuarbeiten:


1. Ich messe meine Ideale nicht an der Realität der anderen


Baha'u'llah fordert mich dazu auf, die Welt mit eigenen Augen zu sehen. Er schreibt:

Von allem das Meistgeliebte ist Mir die Gerechtigkeit. Wende dich nicht ab von ihr, wenn du nach Mir verlangst, und vergiss sie nicht, damit Ich dir vertrauen kann. Mit ihrer Hilfe sollst du mit eigenen Augen sehen, nicht mit denen anderer, und durch eigene Erkenntnis Wissen erlangen, nicht durch die deines Nächsten.

Baha'u'llah, Die Verborgenen Worte


Zur Gerechtigkeit gehört, dass ich nur ein Leben zu verantworten habe, nämlich meines. Shoghi Effendi, Baha'u'llahs Enkel und zu Lebzeiten Leiter der internationalen Baha'i-Gemeinde, schrieb dazu, dass jeder von uns unermesslich weit davon entfernt sei, „vollkommen“ zu sein. Die Aufgabe, unser eigenes Leben und unseren eigenen Charakter zu vervollkommnen, erfordere unsere ganze Aufmerksamkeit, Willenskraft und Energie:

Wenn wir unserer Aufmerksamkeit und Energie gestatten, sich durch Herumbessern an anderen und das Beheben ihrer Fehler aufzuzehren, vergeuden wir kostbare Zeit. Wir sind wie Pflüger, von denen jeder sein Gespann zu führen und seinen Pflug zu lenken hat. Um seine Furche gerade zu halten, muss jeder sein Ziel im Auge behalten und sich auf seine eigene Aufgabe konzentrieren. Wenn er da- oder dorthin schaut, um zu sehen, wie Hans und Gustav zurechtkommen und um ihre Arbeit zu kritisieren, dann wird seine eigene Furche bestimmt krumm.

Shoghi Effendi, Zum Wirklichen Leben


Kein Thema werde in den Baha'i-Schriften eindringlicher betont als „die Notwendigkeit, alles Herumkritisieren, alle üble Nachrede zu vermeiden“, schreibt er weiter. „Vielmehr sollen wir immer daran arbeiten, unsere eigenen Fehler zu entdecken und auszumerzen und unsere eigenen Schwächen zu überwinden.“


2. Ich benötige die Perspektiven meiner Mitmenschen


Als Baha'i vertrete ich ein Menschenbild, wonach jeder Mensch ein selbständiges Wesen ist – „ein Bergwerk, reich an Edelsteinen von unschätzbarem Wert.“ (Baha'u'llah, Botschaften aus Akka) Ich bin dies in einer vielfältigen Umgebung. Ich bin ein einzelner unter vielen, daher ist meine Sicht auf das Ganze eingeschränkt. Und darum brauchen wir einander. Wenn wir im Geiste des Gebets miteinander beraten, können wir unsere verschiedenen Perspektiven wie Puzzleteile zu einem möglichst vollständigen Bild zusammenzufügen. In den Baha‛i-Schriften wird eine Beratungsmethode vorgestellt, mit der gegenseitiges Abwerten vermieden werden kann:

Der Mensch sollte seine Meinungen mit äußerster Gelassenheit, Fassung und Ruhe abwägen. Bevor er seine eigene Ansicht äußert, sollte er die bereits von anderen dargelegten Meinungen sorgfältig in Betracht ziehen. Findet er, dass eine der vorher dargestellten Ansichten der Wahrheit näher und wertvoller ist, sollte er sie sofort annehmen und nicht halsstarrig bei seiner eigenen Ansicht bleiben ... wahre Beratung [ist] geistiger Austausch in liebevoller Haltung und Atmosphäre. Die Mitglieder müssen einander im Geiste der Freundschaft lieben, damit gute Ergebnisse erzielt werden. Liebe und Freundschaft sind die Grundlage.

Abdu'l-Baha in Textzusammenstellung Beratung


Beratung verleiht tiefere Kenntnis und verwandelt Vermutung in Gewissheit. Sie ist ein strahlendes Licht, welches in einer dunklen Welt den Weg weist und Führung gibt. Für alles gibt es und wird es immer eine Stufe der Vollendung und Reife geben. Die Gabe der Einsicht zeigt ihre Reife in der Beratung.

Baha'u'llah in Textzusammenstellung Beratung


3. Ich benötige vertrauenswürdige Informationen


Heutzutage stehe ich vor einer gigantischen Herausforderung: Ich muss mir die Zeit nehmen, Die Wirklichkeit der Dinge wahrzunehmen, um Sachverhalte unvoreingenommen, unparteiisch und gründlich zu prüfen. Dafür muss ich viele verschiedene Quellen heranziehen und ihre Vertrauenswürdigkeit hinterfragen. Die Quellen finde ich in traditionellen wie in neuen Medien, vor allem in Datenbanken und Statistiken. Ich muss versuchen, Fakten von Fake-News zu unterscheiden. Das ist alles sehr mühsam! Aber nur wenn ich bereit bin, mich auf diesen aufwendigen Prozess einzulassen, kann ich hoffen, die Wirklichkeit der Dinge zu erkennen und mir ein tragfähiges Urteil zu bilden. Und auch hierfür benötige ich die Perspektive meiner Mitmenschen.


4. In dieser Zeit des Wandels gibt mir das Gebet Kraft


Da ich ein religiöser Mensch bin, dürfte nicht weiter verwundern, dass ich auch Einsichten aus Gebet und Meditation beziehe. Die Nähe zum Göttlichen im Gebet schenkt mir eine wohltuende Distanz zu den Herausforderungen der Welt und konzentriert den Blick aufs Eigentliche. Viele Bahá‛í-Gebete sprechen Versöhnung, Frieden und die Einheit der Menschheit an. Über das Gebet heißt es in den Heiligen Schriften:

Das Wort Gottes kann verglichen werden mit den lebensspendenden Brisen der göttlichen Frühlingszeit. Wenn es mit dem rechten Geist gesungen wird, schenkt es den Odem des Lebens und gewährt wahre Erlösung.

Abdu'l-Baha in Textzusammenstellung „Ein Leben, getragen von Andacht und Gebet“


Außer mit Beten kann ich durch Taten zur Besserung der Welt beitragen, umso mehr in schwierigen Zeiten. Viele Menschen haben derzeit Angst vor Einsamkeit, Krankheit und Tod, andere vor der Rückkehr längst vergangener Zeiten, die durch gesellschaftliche Ausgrenzung und den Verlust der Selbstbestimmung geprägt waren. Wieder andere haben Angst vor sozialem und wirtschaftlichem Abstieg. Ihnen allen kann ich vorurteilsfrei begegnen, ihnen zuhören und mich mit ihren Nöten vertraut machen - und vielleicht hier und da helfen. Außerdem kann ich von den Erfahrungen aus der Baha'i-Gemeinde berichten und dazu einladen, sich am Aufbau einer Welt zu beteiligen, in der alle zufrieden leben können.


In der aktuellen großen Verwirrung sehe ich das Symptom einer moralischen Krise und des gesellschaftlichen Zusammenbruchs. Inmitten dieser Misere, die sich lange angebahnt hat, wächst etwas Neues heran, das die Zeit überdauern und das Kommende noch lange prägen wird: ein neues Menschenbild. Ein Bild, das uns als handelnde Wesen zeigt, die ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen. Uns Menschen wurde die Kraft gegeben, immer wieder Neues zu schaffen. Wir dürfen uns daran erinnern.

 

Peter Amsler ist gelernter Lehrer und derzeit als Erzieher und Verleger tätig. Er vertritt die Bahá'í-Gemeinden in Berlin im religionsübergreifenden Gespräch. Mit seiner Familie lebt er in Berlin-Zehlendorf.


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