• Ingo Hofmann

Klimawandel und Menschheit

Als im Sommer 2021 der aktuelle und sehr alarmierende Bericht des Weltklimarats erschien, blieb es erstaunlich ruhig. Die Wochenzeitung DIE ZEIT (12. August 2021) stellte auf der Titelseite die Frage, wie die Menschheit auf die Bedrohung reagiert, die sie sich selbst zufügt. Sie gab auch gleich die Antwort: „Fast gar nicht, denn die Menschheit gibt es nicht. Was es gibt sind Konzerne, Staaten, Einzelne. Und alle zeigen aufeinander.“


Die Erde ist nur ein Land, und alle Menschen sind seine Bürger

Ich fand diese Antwort ziemlich schockierend, wenngleich auf den ersten Blick die Zeitung nicht einmal ganz Unrecht hatte und sicher absichtlich etwas radikal formulierte. Obwohl der neue Klimabericht, der alle sechs Jahre erscheint, die höchst beunruhigende Perspektive liefert, dass sich die mit Sicherheit menschengemachte Klimakrise dramatisch verschärft, passiert auf der Weltebene ziemlich wenig. Bei dem jetzigen Tempo nähern wir uns laut jüngstem UN-Klimabericht im Vergleich zur vorindustriellen Zeit 2,7 Grad mittlerer Temperaturerhöhung, anstatt der im Pariser Klimaabkommen vereinbarten 1,5 Grad – mit zu erwartenden katastrophalen Folgen für die ganze Menschheit.


Aufregung herrscht immer dann, wenn uns schlimme Nachrichten über extreme Wetterlagen, Hitzewellen, Dürren oder lokale Starkniederschläge erreichen. In den Zeiten dazwischen folgen Konzerne und Staaten weitgehend ihren eigenen Interessen. Und wer vertritt die Menschheit? Wer sind ihre „Interessenvertreter“? Wer erhebt seine Stimme für sie? Werden die zahlreichen Nichtregierungsorganisationen überhaupt gehört? Oder ist „die Menschheit“ am Ende doch nichts anderes als nur die Summe von fast 8 Milliarden Menschen?


Über Jahrtausende hinweg war die Menschheit tatsächlich nicht viel mehr als eine gedachte Vereinigungsmenge von anfangs kleinen, später immer größer werdenden Gemeinschaften, Reichen und schließlich Teile von Kontinenten umfassenden Imperien. Recht und Verantwortung endeten immer an den Grenzen dieser Einheiten. Erst in unserer Zeit hat sich im Zuge der Globalisierung von Wirtschaft und Kommunikation ein tatsächlich weltumspannendes Geflecht gebildet, das gleichermaßen von der großen Vielfalt und den Gegensätzen der Kulturen und Systeme geprägt wird. Eine der ersten weltweit wahrgenommenen Stimmen, die für die ganze Menschheit und die Würde aller Menschen sprach, war die 1948 von den Vereinten Nationen verkündete Allgemeine Erklärung der Menschenrechte. Wenngleich in vielen Punkten noch eine Vision, ist sie in den Folgejahren immerhin in die Verfassungen vieler Länder eingeflossen.


Dennoch lebt im Bewusstsein der allermeisten Menschen bis heute die Vorstellung weiter, dass echter Verlass nur auf die eigene Gemeinschaft ist. Ordnung, sozialer Wohlstand und Friedenssicherung werden wie gewohnt als Angelegenheiten von Nationalstaaten und ihren Bündnispartnern gesehen. Obwohl die Bewegung in Richtung einer echten Weltgemeinschaft der Menschheit nicht zu übersehen ist, bleibt die Skepsis gegenüber der Idee einer Menschheit als Gemeinschaft groß.


Die gefährdete Zukunft der Menschheit


Erstmals in der Menschheitsgeschichte begann in der Mitte des 20. Jahrhunderts eine Entwicklung, die die Entscheidung über die Zukunft aller Menschen in wenige Hände legte. Als fataler Höhepunkt des wissenschaftlich-technischen Fortschritts ermöglichte das atomare Wettrüsten, dem Fortbestand der Menschheit ein Ende zu setzen. Daran hat sich bis heute nichts geändert.


Bereits im 19. Jahrhundert forderte Baha’u’llah, der Stifter der Baha’i-Religion, die politischen und religiösen Führer seiner Zeit in Europa und im Mittleren Osten zu einem revolutionären Umdenken auf: Sie sollten sich den Interessen und Bedürfnissen der ganzen Menschheit zuwenden, anstatt nur eigennützige Ziele ihrer Völker zu verfolgen:


Das Wohlergehen der Menschheit, ihr Friede und ihre Sicherheit sind unerreichbar, sofern nicht und ehe nicht ihre Einheit fest begründet ist.

Baha'u'llah, Die Verkündigung Baha'u'llahs


und weiter:

Es rühme sich nicht der, welcher sein Vaterland liebt, sondern der, welcher die ganze Welt liebt.

Baha'u'llah, Ährenlese


Dieser Aufruf Baha’u’llahs im Interesse der ganzen Menschheit war seiner Zeit weit voraus. Die Menschheit trotz aller Verschiedenheit mit direkten, klaren Worten als ein zusammengehöriges Ganzes mit gemeinschaftlicher Identität anzusprechen, ist auch einmalig in der bisherigen Religionsgeschichte.


Dennoch verhallten diese Worte damals weitgehend ungehört im Expansionshunger der imperialistischen Mächte Europas. Baha’u’llah forderte zugleich, Krieg als politisches Werkzeug für immer zu verbannen, denn die Menschheit dürfe nicht weiterhin aus verfeindeten Lagern bestehen. Hierzu erläuterte Abdu’l-Baha, der Sohn Baha’u’llahs und autorisierte Ausleger seiner Schriften, kurz nach dem Ersten Weltkrieg in einem Brief an die Zentralorganisation für einen dauernden Frieden in Den Haag:

Durch den letzten schrecklichen Krieg wurde deutlich, dass modernes Kriegsgerät die Belastbarkeit der Menschheit übersteigt. Die Zukunft kann jedoch nicht mit der Vergangenheit verglichen werden, da Kriegsgerät und Kriegsführung in der Vergangenheit sehr einfach waren, während die modernen Waffen in kurzer Zeit die ganze Menschheit ausrotten können und somit die Belastbarkeit der Menschheit übersteigen.

Abdu’l-Baha, Sendbriefe an die Zentralorganisation für einen dauernden Frieden


Auf unsere Zeit und eine Welt von weiterhin global zerstrittenen Lagern angewandt, hat die Forderung nach mehr Einigkeit oder gar „Einheit“ in den weltweiten Beziehungen durchaus etwas Wünschenswertes. Sie erscheint aber den meisten Menschen aus mehreren Gründen als unerreichbar oder zumindest in allzu weiter Ferne. Dazu gehört der verbreitete Glaube, der Mensch sei von Natur aus aggressiv und nicht wirklich friedfertig. Weiterhin hat die mangelnde Anerkennung der Menschheit als zusammengehörige Gemeinschaft bisher alle Versuche scheitern lassen, dass „ihr Frieden und ihre Sicherheit“ näher rücken. Im Gegenteil: Die derzeitige Verlagerung des geopolitischen Konfliktzentrums in den asiatischen Raum verstärkt sichtbar den Rüstungswettlauf und erzeugt neue und nach verbreiteter Meinung kaum lösbare Risiken für den Weltfrieden.


Bevor wir uns einer näheren Betrachtung von „Einheit“ zuwenden, noch folgende Frage: Woher nehmen wir den Optimismus, dass die Klimakrise als neue, existenzielle Menschheitsherausforderung lösbar ist, wenn wir beinahe täglich von der wachsenden Gefährdung des Weltfriedens hören? Ist angesichts des bisherigen Scheiterns weltweiter Abrüstung zu erwarten, dass es uns hinsichtlich der Klimakrise leichter fällt, eine globale Lösungsperspektive zu entwickeln?


Die Klimakrise – ein Prüfstein für den Fortschritt der Menschheit?


Was unterscheidet die Klimakrise von der nicht weniger existenziellen Gefährdung des Weltfriedens? Bisher wurde weltweit ziemlich erfolglos versucht, der Kriegsgefahr mit Aufrüstung zu begegnen, somit ein „Gleichgewicht des Schreckens“ aufrecht zu erhalten und möglicherweise eskalierende Konflikte dadurch zu kontrollieren. Die Geschichte der Kriege des 20. und 21. Jahrhunderts hat diesen Ansatz inzwischen jedoch als Fehleinschätzung mit katastrophalen Folgen entlarvt. Die Theorie der Abschreckung hat in der Praxis nicht funktioniert.


Im Gegensatz dazu ist die menschengemachte Erzeugung klimaschädlicher Gase und die daraus entstehende katastrophale Klimaerwärmung mess- und vorhersagbar. Modelle hierzu sind klimaphysikalisch ausreichend begründet und die wissenschaftlichen Folgevorhersagen wurden in den letzten fünfzig Jahren immer zuverlässiger. Zwei messbare Größen geben das Risiko an: die Menge schädlicher Klimagase und der weltweite Temperaturanstieg. So birgt der Klimawandel mit allen seinen Risiken auch eine echte Chance für die Menschheit. Erfolge und Misserfolge der Klimapolitik lassen sich mit diesen beiden Größen nachmessen. Sie sind damit nachvollziehbar und ein hinreichend zuverlässiger Gradmesser für den Fortschritt bei dieser Herausforderung für die ganze Menschheit.


Angesichts dieser Herausforderung kann sich kein Land mehr nur auf sich selbst verlassen. Die Verantwortung endet nicht an den eigenen Grenzen, denn alle Länder tragen zur Klimaerwärmung bei – manche mehr, andere weniger. Ohne eine weltumspannende und solidarische Umsetzung bleibt jede noch so große Anstrengung eines einzelnen Landes wirkungslos. Die für die Beherrschung des Klimawandels weltweit notwendigen Maßnahmen können zu einem Motor werden, der aus der heutigen Ohnmacht des nationalstaatlichen und ökonomischen Eigeninteresses hinausführt und die Menschheit zu einer echten Weltgemeinschaft werden lässt. Das von Baha’u’llah angesprochene „Wohlergehen der Menschheit“ und die damit verbundene Sicherung des Weltfriedens und sozialer Gerechtigkeit rücken auf diese Weise näher.


Die von Baha’u’llah verkündete „Einheit der Menschheit“ ist dabei als ein langwieriger Prozess zu verstehen und nicht als ein Zustand, der einfach „vom Himmel fällt“ oder gar eine Art weltumspannende Zwangsvereinigung. „Einheit“ bedeutet vor allem, dass soziale Gerechtigkeit und Friedenssicherung in unserer Welt nur für alle Menschen gemeinsam möglich sind. Ein solcher Prozess muss in allen Schritten von der Überzeugung getragen werden, dass das gemeinsame Menschheitsinteresse grundsätzlich Vorrang vor einzelnen Machtpositionen hat. Ob Klimawandel, Wasserknappheit, Verlust der Artenvielfalt durch Umweltzerstörung, Instabilitäten der Finanzsysteme, Pandemien, Kriegsgefahren oder sonstige Probleme – die technischen und ökonomischen Mittel zur Bewältigung vieler Herausforderungen existieren bereits, lassen sich jedoch nur einsetzen, wenn die Menschheit als Ganzes gemeinsam vorgeht.


Auch der Umgang mit gefährdeten Ressourcen wie Atmosphäre, Wasser, Bodenschätze oder womit auch immer erfordert ein Umdenken. Sie sollten nach den Baha’i-Lehren auf Grund ihrer Begrenztheit als kostbare Güter der ganzen Menschheit angesehen werden, die gemeinsam gehütet und für kommende Generationen erhalten werden müssen; sie dürfen nicht nationalen, ökonomischen oder sonstigen Eigeninteressen überlassen werden.


Die Vision eines solchen geeinten Zusammenwirkens der ganzen Menschheit erscheint möglicherweise vielen utopisch. Der Schweizer Schriftsteller Friedrich Dürrenmatt schrieb im letzten Jahrhundert: „Man darf nie aufhören, sich die Welt vorzustellen, wie sie am vernünftigsten wäre.“ (in: Hingeschriebenes. 1947 – 1948.) Ich glaube, diesen Rat hätte er bestimmt auch angesichts des heutigen Klimaproblems gegeben. Und wäre es nicht ebenso vernünftig, im dem globalen Lernprozess zur Klimakrisenbewältigung gleichzeitig wirksame Schritte für die Verwirklichung eines dauerhaften Weltfriedens zu sehen?


 

Ingo Hofmann studierte Physik in München und war über drei Jahrzehnte im Raum Darmstadt-Frankfurt in der Forschung und als Hochschullehrer tätig. Er ist Vater von vier Kindern und lebt seit einigen Jahren in Potsdam, Brandenburg. Foto von Markus Spieske auf Unsplash