• Markus Mediger

Gesucht: Weltfrieden


Während eines Spaziergangs kam ich neulich an spielenden Kindern vorbei. Jungs um die 10 Jahre tobten aufgeregt am Ufer eines kleinen Teiches und schmiedeten taktische Pläne: „Hier ist Russland und dort ist die NATO!“. Was man früher noch als Spiel zwischen Cowboys und Indianern oder Polizei und Gangstern kannte, ist nun in den Köpfen unserer Kinder im neuen Gewand angekommen.


Weltfriede ist nicht nur möglich, sondern unausweichlich

Die Welt hat sich im Zuge des Ukraine-Konflikts vor allem in der westlichen Welt eindeutig positioniert: Das Ergebnis ist eine Polarisierung zwischen „Gut“ und „Böse“ wie man sie bisher nur aus Hollywood-Blockbustern kannte. Die überwunden geglaubte Konfliktlinie des kalten Krieges zwischen der NATO und dem russischen Einflussgebiet ist dabei nur eine von vielen. Dadurch wird das Gespräch über Grenzen hinweg immer schwieriger. (Siehe auch: „Polarisierung als gesellschaftliche Signatur“).


Zu den Hintergründen und dem Weg hierher gab es bereits viele Talkshows und Expertenrunden, doch eine große Frage blieb bisher offen: Wie geht es nach diesem Konflikt weiter?


Das Thema „Weltfrieden“ ist uns seit der Jahrtausendwende zusehends abhanden gekommen – es wird nicht mehr ernsthaft darüber geredet. Haben wir trotz der vielen militärischen Auseinandersetzungen in aller Welt dieses hehre Ziel möglicherweise nicht mehr ernst genug genommen? Manche sprechen gar davon, in Europa habe es „seit über 70 Jahren Frieden“ gegeben, als sei vor 30 Jahren auf dem Balkan nichts passiert und die Ukraine nicht schon vor dem 24. Februar 2022 angegriffen worden. Dachten wir vielleicht, wir hätten den Frieden schon gesichert?


Derzeit gilt die Aufmerksamkeit eher steigenden Rüstungsausgaben und der Wehrfähigkeit einzelner Nationen. Hierzulande konzentriert man sich aktuell auf die neue Rolle Deutschlands und auf die NATO als wiedererstarktem westlichen Verteidigungsbündnis.


Doch was braucht es eigentlich, um das so wichtige Thema des Weltfriedens wieder auf den Tisch zu bringen und ihm dabei den Beigeschmack unverbesserlicher Träumerei zu nehmen?


Vergleichen wir es mit dem menschlichen Körper. Wir fühlen uns nicht wohl, sobald auch nur der kleinste Teil weh tut. Jedes Organ hat seine besondere Aufgabe, um den Organismus als Ganzes im Gleichgewicht zu halten. Diesen Vergleich kann man auch auf unsere Weltgesellschaft übertragen. Abdu'l-Baha, der Sohn des Stifters der Baha'i-Religion, schreibt dazu:

[Die Verwirklichung von Gerechtigkeit und Unparteilichkeit] bedeutet, das Wohl der Gemeinschaft als das eigene zu empfinden. Kurz gesagt heißt dies, die ganze Menschheit als ein einziges Lebewesen, sich selbst als Glied dieses großen Körpers zu erkennen und in der Gewissheit zu wirken, dass jede Not, jede Wunde, die einen Teil des Körpers trifft, unweigerlich alle übrigen Glieder in Mitleidenschaft zieht.

Abdu'l–Baha, Das Geheimnis göttlicher Kultur


Einzelne Nationen oder Staatenblöcke voneinander zu trennen scheint mir also wenig hilfreich. Für zielführend und langfristig tragfähig halte ich dagegen die Anerkennung und Wiederherstellung unserer vielfältigen Beziehungen zueinander. Wie könnte das gehen? Auch dabei hilft der Vergleich mit dem menschlichen Körper:


Jeder lebende Organismus ist aus vielen verschiedenen Elementen zusammengesetzt. Überall im Körper (dezentral) erfüllen diese Elemente zwar eigenständig, aber aufeinander abgestimmt die unterschiedlichsten Aufgaben. Bei Bedarf übernimmt eine zentrale Instanz (Nervensystem & Gehirn) die Koordination der einzelnen Bestandteile.


Übertragen auf unsere Weltgesellschaft entsprechen die ca. 195 souveränen Nationen mit eigenständigen Gesetzen, Normen und Kulturen den verschiedenen Elementen. Was jedoch fehlt, sind weltweit verbindlich anerkannte Werte, Prinzipien und Institutionen, die die übergreifende Koordination übernehmen können.


Kleiner Exkurs in die Geschichte: Den größten Fortschritt bei der Weltordnungspolitik gab es nach dem Zweiten Weltkrieg durch die Gründung der Vereinten Nationen. Ein Positionspapier der Internationalen Baha'i-Gemeinde aus dem Jahr 1995 führt dazu aus:


Als internationale Organisation haben die Vereinten Nationen gezeigt, dass die Menschheit zu gemeinsamen Aktionen in den Bereichen Gesundheit, Landwirtschaft, Erziehung und Bildung, Umweltschutz und des Wohlergehens der Kinder fähig ist. Sie haben unseren kollektiven moralischen Willen zur Schaffung einer besseren Zukunft bekräftigt, wie sich in der weit verbreiteten Akzeptanz der Menschenrechtskonventionen zeigt. Sie verdeutlichten das in der Menschheit tief verwurzelte Mitgefühl, wie die Bereitstellung von Spenden und Hilfskräften in Notfällen beweist. Und im wichtigsten Bereich der Friedensschaffung und Friedenserhaltung bahnten die Vereinten Nationen einen kühnen Weg in eine Zukunft ohne Krieg.
Gleichwohl erwiesen sich die allgemeinen Ziele der Charta der Vereinten Nationen als kaum realisierbar. Entgegen den hochgesteckten Hoffnungen ihrer Gründer begann mit der Errichtung der Vereinten Nationen [am 24. Oktober 1945] noch nicht das Zeitalter des Friedens und Wohlstands für alle. [ … ]
Kaum hatten die verbesserten Beziehungen zwischen den Supermächten die ideologischen Motive dieser Konflikte beseitigt, traten seit langem schwelende ethnische und religiös-fanatische Leidenschaften als Ursache für neue Gewaltausbrüche an die Oberfläche. Obwohl das Ende des Kalten Krieges die Gefahr eines globalen Vernichtungskrieges reduziert hat, sind die Technologien zur Vernichtung des ganzen Planeten – und zu einem gewissen Grad auch die ihnen zugrundeliegenden Leidenschaften – noch immer existent.

Wendezeit für die Nationen


Die Bedürfnisse unserer Zeit übersteigen also die Fähigkeiten der bestehenden Weltordnungspolitik und ihrer Institutionen – vor allem die der Vereinten Nationen, deren Struktur sich seit 77 Jahren nur wenig weiterentwickelt hat.


Das oben zitierte Dokument schlägt als konkreten nächsten Schritt vor:

Da die Souveränitätsrechte […] bei den Nationalstaaten liegen, obliegt es den Regierungen und Staatsoberhäuptern, den Rahmen der sich jetzt herausbildenden internationalen Ordnung zu bestimmen. Wir rufen die führenden Persönlichkeiten auf allen Ebenen auf, eine entschiedene Rolle bei der Einberufung einer Weltversammlung [ ... ] zu übernehmen, auf der erörtert werden muss, in welcher Weise die internationale Ordnung zu gestalten ist, damit die Welt die vor ihr liegende Herausforderung meistert. Wie von einigen bereits vorgeschlagen, könnte diese Versammlung die Bezeichnung „World Summit on Global Governance“* tragen. [* Weltgipfel für eine Weltordnungspolitik]

Wendezeit für die Nationen


Selbstverständlich wird es in der nahen Zukunft erst einmal um die Aufarbeitung der schrecklichen gegenwärtigen Kriege gehen müssen, egal auf welchem Kontinent sie toben. So viel muss bewältigt werden, beispielsweise die Flüchtlingskrisen; die Heilung grauenvoller körperlicher und psychischer Verletzungen; Hunger; die Durchsetzung und Koordination wirtschaftlicher Sanktionen, die hoffentlich zur Beendigung der Kriege beitragen – mit sämtlichen Konsequenzen für globale Lieferketten und Energieversorgung für die Weltgemeinschaft – und vieles mehr. Dann natürlich der Wiederaufbau des Zerstörten. Nicht zuletzt muss es auch zu einem wie auch immer gearteten Interessenausgleich der beteiligten Staaten kommen.


Doch langfristig besteht die einzige Möglichkeit, solche Kriege und andere globalen Krisen (die immer häufiger und schneller aufeinander folgen) in den Griff zu bekommen darin, systematisch die nächsten Schritte in der Entwicklung unserer Weltgemeinschaft zu tun. Der Aufbau einer nachhaltigen und belastbaren Friedensordnung erfordert allerdings erheblich größere Anstrengungen, als die im militärischen Bereich vorgesehenen. So grundlegend und wichtig sie auch sind, dienen Armeen und Waffen letztlich nur der kurzfristigen Abschreckung. Dagegen würde eine einheitliche Vision aller Länder dieser Welt die Grundlage zum Aufbau einer dauerhaft friedlichen Weltzivilisation legen. Somit hat der seit mehr als 25 Jahren bestehende Vorschlag zur Einberufung eines Weltgipfels nichts an Aktualität verloren – im Gegenteil: Er erscheint heute notwendiger als je zuvor!


 

Markus Mediger lebt in Nürnberg, studierte Physik an der RWTH Aachen und ist beruflich im Technologiesektor tätig.


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