• Karen Reitz-Koncebovski

Wenn das Kind „Geh weg!“ zur Mutter oder zum Großvater sagt ...

Baha'i-Werte in der Erziehung – kann ich Höflichkeit, Ehrlichkeit, Authentizität, Respekt, Selbstwertgefühl, Vertrauen etc. in einer guten Beziehungskultur vermitteln? Kann ich zugleich Kinder gegen Missbrauch stärken?


So sollen die Kinder wachsen und gedeihen, erzogen in Rechtschaffenheit, menschlicher Würde, Entschlossenheit und im Willen zu Strebsamkeit und Ausdauer.

Wir Großeltern kommen zu Besuch, überaus erfreut, die zweijährige Enkelin wieder zu sehen. Kaum an der Haustür, wirft das Kind einen kurzen Blick auf uns, sagt „Weg!“, dreht sich um und schmiegt sich an seine Mutter.


Ist dieses Verhalten des Kindes unhöflich oder authentisch? Wahrscheinlich beides. Aber wie gehen wir Erwachsenen damit um? Wozu wollen wir Kinder eigentlich erziehen? Zu Höflichkeit, Authentizität, Integrität?


In einer solchen Situation neigen viele Mütter dazu, ihre Tochter zu entschuldigen: „Sie ist gerade erst aufgewacht vom Mittagsschlaf, braucht noch etwas Zeit...“


Aber ist da wirklich eine Entschuldigung erforderlich? Sollte die Mutter ihrem Kind nicht beispielsweise erklären: „Die Großeltern freuen sich so sehr, dich zu sehen. Sie sind traurig, wenn du sie nicht anschaust.“ Sollte sie ihr Kind vielleicht dazu bringen, die Großeltern freundlich zu begrüßen? In den Baha'i-Schriften lesen wir (und manche Menschen werden Ähnliches denken, wenn sie die geschilderte Szene beobachten):

Die Kinder müssen sorgfältig dazu erzogen werden, höflich zu sein und sich gut zu betragen... Moralische Erziehung und gutes Benehmen sind viel wichtiger als Bücherwissen.
Hütet euch, eine Seele zu kränken, ein Herz zu betrüben oder einen Menschen mit euren Worten zu verletzen ...

Abdu'l-Baha, in: Briefe und Botschaften 110:1-2; 35:11


Doch wie lernen Kinder gutes Benehmen? Wie kann meine kleine Enkelin Höflichkeit lernen?


Zumal − Wahrhaftigkeit und Aufrichtigkeit sind ebenso wichtige Tugenden, zu denen die Baha'i-Schriften aufrufen. Ist das Kind nicht vorbildlich aufrichtig, ehrlich und authentisch, wenn es äußert, dass es gerade bei sich sein will?

Wahrhaftigkeit ist die Grundlage aller menschlichen Tugenden.
Wir sollten allezeit unsere Wahrhaftigkeit und Aufrichtigkeit zeigen. Mehr noch: Wir müssen unerschütterlich bleiben in unserer Ehrlichkeit und Vertrauenswürdigkeit ...

Abdu'l-Baha, in: Textzusammenstellung Vertrauenswürdigkeit 40:1, 44:1


Eine andere Szene: An einem Sommernachmittag spielt die Zweijährige am Wassertisch auf dem Balkon. Mit einem Becher schüttet sie Wasser von einem Becken ins andere. Dann gießt sie die Blumen. Und weiter den Tisch, die Stühle, den Teppich. Becher um Becher, greift mit den Händen hinein und verteilt das Wasser auf den verschiedenen Oberflächen. Ihre Kleider sind pitschnass. Ich komme an die Balkontür, um nachzuschauen, was sie tut. „Weg! Weg!“ ruft sie.


Muss ich nicht die Möbel retten? Nicht Sorge tragen, dass die Kleine sich nicht erkältet?


Nein! Recht hat meine Enkelin: Die Erfahrungen, die sie in ihrem hingebungsvollen Tun mit dem Wasser macht, einschließlich der nassen Kleider, sind so viel wichtiger als die Möbel! Und, da sie keine Vorerkrankungen hat, auch wichtiger als der Schnupfen, den sie sich vielleicht dabei holt.


In einigen Jahren wird sie über einen reicheren Wortschatz verfügen, um zu sagen, was sie will: „Stör mich bitte nicht! Lass mich weitermachen.“ Aber für die Zweijährige muss das eine Wort „Weg!“ genügen, um sich auszudrücken.


Ich tue gut daran, ihren Willen zu respektieren. Schließlich verwirklicht sie genau das, was Abdu'l-Baha an einer Stelle als Erziehungsziel beschreibt:

So sollen sie [die Kinder] wachsen und gedeihen, erzogen in Rechtschaffenheit, menschlicher Würde, Entschlossenheit und im Willen zu Strebsamkeit und Ausdauer.

Abdu'l-Baha, in: Ziele der Kindererziehung


Sie beweist eine erstaunliche Ausdauer und, indem sie mich wegschickt, sagt sie aufrichtig, was sie denkt und tritt für ihre Würde ein. Natürlich sollte ich sie in ihrem Tun nicht stören.


Hätte ich mein Buch auf dem Tisch liegen gelassen, würde ich es selbstverständlich in diesem Moment wegnehmen und sagen: „Ich will nicht, dass du mein Buch gießt.“ Genauso wie ich ihre Grenzen respektiere, äußere ich auch meine persönlichen Grenzen und sorge dafür, dass sie eingehalten werden.


Dritte Szene: Die Zweijährige geht langsam in die Zimmerecke. Noch trägt sie Windeln und interessiert sich wenig für Toilette oder Töpfchen. Ich sitze am Tisch und schaue ihr nach. Als ihr Blick den meinen trifft, ruft sie mir zu: „Weg, ‘lleine kacka!“


Bei dieser Szene werden wohl alle zustimmen, dass es richtig ist, ihren Wunsch zu achten und sie alleine zu lassen. Hat sie doch offensichtlich bereits die gesellschaftliche Norm verinnerlicht, dass es bei bestimmten Tätigkeiten angebracht ist, sich zurückzuziehen und die Tür zu schließen.


Aber nicht nur deshalb ist es wichtig, ihre klar geäußerte Grenze zu achten.

Abdu'l-Baha schreibt,

... dass des Menschen höchste Ehre und wahres Glück in der Selbstachtung liegt, in hohen Entschlüssen und edlen Vorsätzen, in der Unversehrtheit und Sittlichkeit der Person, in der Reinheit des Denkens.

Abdu'l-Baha, in: Das Geheimnis göttlicher Kultur


Kinder sind darauf angewiesen, dass Erwachsene ihre „Unversehrtheit“, das heißt ihre Integrität, achten und schützen. Integrität ist das Gefühl, ganz zu sein, heil zu sein, die eigenen physischen und psychischen Grenzen zu spüren — und zu spüren, dass diese Grenzen gewahrt werden.


Wenn Erwachsene die Integrität der ihnen anvertrauten Kinder schützen, können die Kinder ein gutes Selbstgefühl entwickeln (siehe auch den Beitrag „Das Mädchen auf dem Sandhügel“). Selbstgefühl bedeutet: Ich weiß, wer ich bin, was ich fühle, was ich will und was ich nicht will. Ein gutes Selbstgefühl hilft heranwachsenden Kindern, sich selbst vor Missbrauch zu schützen. Ein gutes Selbstgefühl befähigt sie, verantwortungsvolle Entscheidungen zu treffen und nach den eigenen Werten zu leben.


Aber wie ist das mit dem guten Benehmen und der Höflichkeit? Diese lernen sie früh genug am Beispiel der Erwachsenen! Unsere Enkelin etwa dadurch, dass sie miterlebt, wie ihre Mutter in der anfangs geschilderten Szene mit uns Großeltern umgeht:


Sie begrüßt uns freundlich und erklärt das „Weg!“ ihrer Tochter. Aber sie respektiert auch das Gefühl, das die Kleine in diesem Moment vermutlich hat: Ihr ist es zu viel. Sie will in dem Schutzraum auf dem Arm ihrer Mutter bleiben und erstmal nichts mit den Menschen zu tun haben, die da gekommen sind.


Die Mutter drängt ihr Kind nicht, über dieses Gefühl hinweg zu gehen und den Großeltern freundlich „Hallo!“ zu sagen. Indem sie das Gefühl ihrer Tochter respektiert und mit uns ganz entspannt weiter redet, bewahrt sie die freundliche Atmosphäre.


So lernt das Kind Höflichkeit! Dadurch, dass es spürt, wie die Eltern nicht nur mit den Großeltern, sondern auch mit ihm, dem kleinen Kind, höflich umgehen und seine Grenzen achten.


Dazu sollten wir meiner Überzeugung nach unsere Kinder erziehen: Dass sie ihre Gefühle und Gedanken wahrnehmen und ihre persönlichen Grenzen spüren, mehr noch, nicht nur spüren, sondern auch ausdrücken. Wir können darauf vertrauen, dass sie im Laufe der Zeit durch unser Beispiel lernen, ihre Grenzen sprachlich gezielter zum Ausdruck zu bringen. Wenn Kinder ihre Grenzen zeigen können und Erwachsene die Grenzen der Kinder achten, schützt das die Kinder vor Missbrauch und stärkt ihr Selbstgefühl. Das ist die beste Basis, um auch alle anderen Tugenden zu lernen. Zum Beispiel eine Höflichkeit, die nicht nur äußere Form, sondern aufrichtig ist.


 

Karen Reitz-Koncebovski ist Lehrerin und Montessori-Pädagogin. Nach jahrelanger Unterrichtstätigkeit an verschiedenen Schulen und Schulformen arbeitet sie derzeit in der Lehrer:innenbildung. Sie ist Mutter zweier Kinder und lebt seit einigen Jahren in Brandenburg.


Literaturempfehlungen zum pädagogischen Hintergrund:

Juul, Jesper (2009). Dein kompetentes Kind. Auf dem Weg zu einer neuen Wertgrundlage für die ganze Familie. Neuübersetzung, Rowohlt.

Juul, Jesper, & Jensen, Helle (2009). Vom Gehorsam zur Verantwortung. Für eine neue Erziehungskultur. 3. Aufl. Beltz.


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