• Badi Shams

Was ist mir wirklich wichtig? Freiwillig einfach leben

Die jüngsten Weltereignisse lenken unsere Aufmerksamkeit auf die Frage, was für uns lebenswichtig ist, was nicht und was nur eine Ablenkung.


Das materielle Glück ist zweitrangig, während die Erhabenheit des Menschen in erster Linie in solchen Tugenden und Errungenschaften liegt, die die menschliche Wirklichkeit schmücken.

Wenn eine Notlage uns zu einer Entscheidung zwischen Dingen zwingt, kommen wir oft zu der überraschenden Erkenntnis, wie einfach unsere Bedürfnisse in Wirklichkeit sind. Viele Menschen, die in echter Lebensgefahr waren, berichten, dass in einer solchen Situation Reichtum und Besitz jeden Reiz verlieren und völlig bedeutungslos werden.


In der Geschichte gab es immer wieder Menschen, die aus religiösen Gründen ein einfaches, bescheidenes Leben führten und vermieden, sich in übertriebenen Materialismus zu verstricken. Offenbarer Gottes wie Jesus, Muhammad, Buddha, Moses oder Baha'u'llah, der Stifter der Baha'i-Religion, lebten das einfache Leben vor.


Aber auch viele Menschen wie du und ich sind einer solchen einfachen Lebensweise gefolgt und haben gezeigt, wie es geht. Mahatma Gandhi sagte: „Lebe einfach, damit andere einfach leben können.“ (80 Sätze von Gandhi)


Die Industrialisierung hat Errungenschaften mit sich gebracht, von denen frühere Generationen nur träumen konnten. Das hat dazu geführt, dass wir scheinbar notwendige Dinge angehäuft haben, auf die wir in Wirklichkeit gut verzichten könnten. An diesem Punkt sind wir jetzt: Plötzlich bringen uns eine Pandemie [oder ein Krieg] zum Nachdenken darüber, was wir wirklich brauchen und was nicht. Eigentlich benötigen wir doch so wenig. Abdu'l-Baha, der Sohn Baha'u'llahs schrieb:

Wir sehen heute rings um uns, wie sich der Mensch mit aller neuzeitlichen Bequemlichkeit und Pracht umgibt und seiner physischen, materiellen Seite nichts versagt. Doch seid auf der Hut, dass ihr über der allzu starken Beachtung der körperlichen Angelegenheiten nicht die Bedürfnisse der Seele hintenan stellt, denn der materielle Gewinn vermag den Geist des Menschen nicht zu heben. Vervollkommnung in weltlichen Dingen bringt dem menschlichen Körper Freude, gereicht aber keineswegs der Seele zur Ehre.

Abdu'l-Baha, Ansprachen in Paris


Eine einfache Lebensweise schenkt dem Geist Frieden und befreit uns von Überflüssigem auf unserem Lebensweg. Viele Studien legen nahe, das Einfachheit Stress reduziert und wir uns befreit fühlen von unnötiger Besitzlast.


Wer sich dem Thema auf einem anderen als dem religiösen Weg nähern will, findet Anregungen in der Bewegung des „Einfachen Lebens“ („freiwillige Einfachheit“, „Minimalismus“). Sie ermutigt zu einem einfachen Leben durch Verzicht. Samuel Alexander beschreibt diese Bewegung als „einen Anti-Konsum-Lebensweg, der sich gegen den in den heutigen Konsumgesellschaften vorherrschenden verbrauchsintensiven Lebensstil wendet und sich freiwillig für ein „einfacheres Leben“ mit reduziertem Konsum einsetzt.“


Freiwillige Einfachheit wirkt der Anhäufung von Besitz und der Überzeugung entgegen, dass dieser für unser Überleben notwendig sei. Tatsächlich verkompliziert Besitz unser Leben häufig, indem wir uns von ihm abhängig fühlen. Diese Denkweise lenkt uns von unserer geistigen Bestimmung ab. In den Baha'i-Schriften heißt es:

Tatsächlich ist der Hauptgrund für die Übelstände, die derzeit in der Gesellschaft überhandnehmen, der Mangel an Geistigkeit. Die materialistische Zivilisation unserer Zeit beansprucht die Energie und das Interesse der Menschen so sehr, dass die Leute im allgemeinen nicht mehr die Notwendigkeit sehen, sich über die Mächte und Bedingungen ihres alltäglichen, materiellen Daseins zu erheben. Es gibt keine ausreichende Nachfrage nach Dingen, die wir geistig nennen sollten, um sie von den Bedürfnissen und Erfordernissen unserer leiblichen Existenz zu unterscheiden. Die weltumspannende Krise, unter der die Menschheit leidet, ist daher in ihren Ursachen rein geistig.

Shoghi Effendi, in: Ein Leben, getragen von Andacht und Gebet


Es sei darauf hingewiesen, dass freiwillige Einfachheit nicht auf ein Leben in Armut oder mönchisches Asketentum abzielt und auch nicht die Vorteile von Wissenschaft und Technik ablehnt. Sie bedeutet weder die Rückkehr in die Steinzeit, noch in selbstgerechten Puritanismus. Sie ist auch keine Mode für Heilige, Hippies oder exzentrische Außenseiter. Wir sollten nur, so empfehlen die Verfechter des einfachen Lebens, unser Verhältnis zu Geld und Besitz, zum Planeten, zu uns selbst und zu anderen gründlich untersuchen. Bei der freiwilligen Einfachheit geht es darum, die Freiheit und Zufriedenheit zu entdecken, die sich einstellen, wenn man weiß, wie viel Konsum genug ist.


Dieses Thema geht uns alle an, besonders diejenigen, die in Konsumgesellschaften täglich mit Nachrichten nach dem Motto „Mehr ist immer besser!“ bombardiert werden. Die Lebensphilosophie der freiwilligen Einfachheit vertritt eine entgegengesetzte Position, die auf den Begriffen der Genügsamkeit und Natürlichkeit beruht.


Freiwillige Einfachheit kann ein Gefühl des Seelenfriedens schaffen und uns die nötige Zeit geben, uns den wirklich wichtigen Lebenszielen zu widmen. Einige Vorteile dieser Lebensweise sind:


Bewusster Konsum


Einfach zu leben bedeuten nicht, nur weniger Geld auszugeben, sondern das bewusster zu tun. Also über jede Ausgabe nachzudenken und sich zu fragen, ob dieser oder jener Artikel das Geld wert ist und die Zeit, die es dich gekostet hat, dieses Geld zu verdienen.


Weniger Gegenstände


Ein Nebeneffekt bewussten Konsums ist, dass du dich um weniger Sachen in deinem Haushalt kümmern musst.


Kleinere Wohnungen/Häuser


Die Wohnkosten vertilgen bei vielen den größten Einkommensanteil, in Deutschland laut der Bundeszentrale für politische Bildung rund 30 % (Stand 2018). Familien, die überdurchschnittlich große Wohnungen/Häuser bewohnen, können an diesem Punkt ansetzen. Kleinere Wohnungen/Häuser können außerdem das Leben durch den geringeren Instandhaltungs- und Putzaufwand vereinfachen - und man hat weniger Platz zum Vollstopfen mit Unnötigem.


Geringerer Energieverbrauch


Kleinere Wohnungen verbrauchen auch weniger Energie. Indem man sich für einen bescheideneren Lebensstil mit weniger stromverbrauchenden Geräten entscheidet, kann man den eigenen Energiebedarf so weit reduzieren, dass er womöglich vollständig durch regenerative Energiequellen am Haus oder in der Umgebung gedeckt werden kann.


Bewusste Ernährung


Bei vielen geht die Umstellung auf ein einfacheres Leben auch mit einer Ernährungsumstellung einher: selbstgekochte Mahlzeiten aus gesunden, natürlichen Lebensmitteln.


Kürzere Arbeitszeit


Bei der freiwilligen Einfachheit geht es nicht allein ums Geldsparen. Für die meisten Anhänger dieser Lebensphilosophie ist das Wichtigste, dass sie sich dadurch leisten können, weniger zu arbeiten und dadurch mehr Zeit für andere Lebensbereiche haben.


Wenn wir uns wieder darauf besinnen, was in unserem Leben wichtig ist und unsere Aufmerksamkeit verdient - und was nicht - können wir unser Leben vereinfachen. Das wiederum könnte dazu führen, dass wir ein weniger kompliziertes Leben führen, das auf belastbaren persönlichen Prinzipien beruht. Diese Prinzipien können uns durch Krisenzeiten tragen, ohne dass wir in Panik geraten und uns helfen, uns fest auf das Wesentliche für unser individuelles und gemeinsames Vorankommen zu konzentrieren, sowohl in geistiger als auch in materieller Hinsicht.


Aber was ist denn nun ganz konkret „das Wesentliche“? Was ist mir wirklich wichtig? Wie oben erläutert, sicherlich nicht Reichtum und Besitz. Wenn jedoch nicht in diesen Dingen, worin finde ich dann mein Glück? Eine Antwort auf diese Frage habe ich für mich in den Baha'i-Schriften gefunden:

Das materielle Glück ist zweitrangig, während die Erhabenheit des Menschen in erster Linie in solchen Tugenden und Errungenschaften liegt, die die menschliche Wirklichkeit schmücken. Diese bestehen in göttlichen Segnungen, himmlischen Gaben, aufrichtigen Gefühlen, Liebe und Erkenntnis Gottes, Bildung, Verstandeswahrnehmungen und wissenschaftlichen Entdeckungen. Sie bestehen in Gerechtigkeit und Unparteilichkeit, Wahrhaftigkeit und Güte, innerem Mut und natürlicher Menschlichkeit, dem Schutz der Rechte anderer und der Wahrung der Unantastbarkeit von Verträgen und Vereinbarungen. Sie bedeuten rechtschaffenes Verhalten unter allen Umständen, bedingungslose Liebe zur Wahrheit, Aufopferung für das Wohl aller Menschen, Güte und Mitgefühl für alle Völker ... und Bildung für alle Völker und Nationen. Das ist das Glück der Menschenwelt!

Abdu'l-Baha, Beantwortete Fragen


 

Badi Shams schreibt über Baha’i-inspirierte Wirtschaft und lebt in Vancouver, Kanada (https://www.badishams.net/). Er hat vor Kurzem das Buch „Economics of the Future Begins Today“ („Die Wirtschaft der Zukunft beginnt heute“) veröffentlicht.


Dieser Artikel erschien im Original auf bahaiteachings.org


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